Österreich-Ungarn

Mitteleuropa in vollendeter Ästhetik darstellen

Ein doppelbändiges Werk bringt das historische habsburgische Kronprinzenwerk in eine zeitgemäße Form.
Österreich-Ungarn
Foto: Kral Verlag | Unter dem Doppeladler der habsburgischen Monarchie in Österreich-Ungarn waren viele Völker und Regionen vereint. Einen umfassenden Überblick bietet "Reisen durch die Welt von gestern. Altösterreich in neuen Bildern".

Es ist wahrlich ein Opus magnum, das die Grazer Historikerin Renate Basch-Ritter und der oberösterreichische Fotograf Christoph Hurnaus da vorlegen: Während der Sohn Kaiser Franz Josephs, der heute nur mehr wegen seines Suizids berühmte Kronprinz Rudolf, einst ab 1884 mit zahlreichen Wissenschaftlern und Gelehrten in vielen Jahren das sogenannte Kronprinzenwerk („Die Österreichisch-Ungarische Monarchie in Wort und Bild“) erstellte, wagen ähnliches die beiden Autoren fast nebenbei und im Alleingang: nämlich eine umfassende Darstellung des 1918 untergegangenen Österreich-Ungarn in der Vielfalt seiner Sprachen, Nationaltäten und Kronländer.

„Informativ sind die beiden Bände nicht nur
zu den geschichtsträchtigen Kulturlandschaften Mitteleuropas,
sondern auch zum System der habsburgischen Monarchie“

Das großzügige Format und die zeitgemäße Aufmachung mit leichter Jugendstilanmutung laden dazu ein, die beiden prachtvollen Bildbände zunächst optisch und haptisch zu genießen. Christoph Hurnaus, der sich längst als fotografischer Begleiter zahlloser Papstreisen einen Namen gemacht hat, dominiert beide Bände mit einer Auswahl seiner Fotokunst aus dem einst größeren Österreich. Vereinzelt finden sich da auch nette Schnappschüsse und Porträts von Kindern und hübschen Mädchen in lokaler Tracht, vor allem aber hochwertige Fotokunst, die dem Leser das Bleibende oder Erhaltenswerte aus der Natur und Architektur Mitteleuropas vor Augen führt.

Der erste Band führt den Leser vom Königreich Böhmen über Mähren, Schlesien, Galizien und Lodomerien, die Bukowina, Ungarn, Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Slawonien bis ins Herzogtum Krain. Der zweite Band behandelt das Königreich Dalmatien, die Grafschaften Görz, Gradiska und Istrien, Triest und die Grafschaft Tirol, Vorarlberg, Kärnten, die Steiermark, Salzburg, die Erzherzogtümer ob und unter der Enns und schließlich die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Nicht nur die Einteilung entführt in die Zeit der späten Habsburger-Monarchie, sondern auch das Zahlen- und Datenmaterial.

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Die Vielfalt des Kulturraumes wird dargestellt

Zu jedem Kapitel erfährt der Leser die Zugehörigkeit des jeweiligen Kronlandes zur österreichischen beziehungsweise ungarischen Reichshälfte, Details zum Wappen wie zum Landespatron, Fläche und Bevölkerungsdichte, Präsenz des Militärs und der Nationalitäten nach Umgangssprache sowie die konfessionelle Gliederung. Alle so angegebenen Daten beziehen sich auf den Zeitraum zwischen 1900 und 1910, also auf die Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Wer die Bildbände durchblättert oder gar gründlich liest, gewinnt einen Eindruck von der sprachlichen, kulturellen und geschichtlichen Vielfalt dieses Kulturraums, die als Bereicherung verstanden werden darf, und die jede künstliche Einteilung Mitteleuropas in Nationalstaaten widerlegt.

Beide Bände enthalten einen identen Schlussteil, der aufschlussreiche Daten und Fakten zu Österreich-Ungarn als Staat präsentiert. Wer weiß schon, dass die Deutschsprachigen in der österreichischen Reichshälfte nur 36 Prozent ausmachten, und die Magyaren in der ungarischen Hälfte nur 45 Prozent? Und was sagt das über den Ausgleich von 1867, der die slawischen Völker gegenüber den Ungarn schmerzlich benachteiligte? Dass die katholische Kirche im österreichischen Cisleithanien 91 Prozent der Einwohner zu ihren Schäfchen rechnen durfte und im ungarischen Transleithanien immerhin noch 61 Prozent, sagt wohl auch etwas über die Entwicklungen der zurückliegenden 110 Jahre aus.

Von bleibendem Wert

Informativ sind die beiden Bände nicht nur zu den geschichtsträchtigen Kulturlandschaften Mitteleuropas, sondern auch zum System der habsburgischen Monarchie. Sie geben einen gut lesbaren, kurzweiligen Überblick über die Rolle des Monarchen, über Verfassung und Verwaltung, über das Militär- wie das Unterrichtswesen. Eine Zeittafel fasst relevante Ereignisse zwischen dem Ausgleich von 1867 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 zusammen. Seinen bleibenden Wert gewinnt das doppelbändige Werk aus der geschmackvollen und harmonischen Komposition von Text und Bild, die einen nicht nostalgiefreien Blick mit moderner Ästhetik, aber auch anekdotisch Unterhaltsames mit komprimierter historischer Information verbindet.


Renate Basch-Ritter, Christoph Hurnaus: Reise durch die Welt von gestern. Altösterreich in neuen Bildern.
Kral-Verlag, Berndorf 2022, Band 1: 224 Seiten, ISBN 978-3-99103-044-7;
Band 2: 256 Seiten, ISBN: 978-3-99103-065-2, jeweils EUR 29,90

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Stephan Baier Christoph Hurnaus Haus Habsburg Papstreisen

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