Souveränität

Malteser-Ritter agieren als Athleten Christi im Gefüge der Kirche

Das spannungsreiche Verhältnis eines katholischen Ritter-Ordens zu seiner „Zentrale“.
Malteserritter im Vatikan
Foto: imago stock&people | Der Malteserorden habe die Fähigkeit entwickelt, zu Zeiten immer wieder die „richtige“ Antwort auf die Anforderungen des Papsttums zu geben, schreibt Buchautor Bernstorff; hier einige Ordensmitglieder im Vatikan bei ...

Der Malteserorden, jener vor über 900 Jahren gegründete erste Laien-Orden der Kirche mit militärischer Vergangenheit und heute allein caritativer Gegenwart, gerät immer wieder in den Fokus, zuletzt nicht nur aus erfreulichen Gründen. Mitte Juni 2022 begann ein neuer, vom Papst ernannter Statthalter sein Amt. Er soll dazu beitragen, dass der aktuell unter päpstlicher Verwaltung stehende Orden möglichst bald wieder zur Normalität findet. Vorangegangen waren jahrelange Querelen seit dem forcierten Rücktritt des 79. Großmeisters Fra‘ Matthew Festing im Jahr 2017.

„Die Tatsache, dass der Orden die Ausübung dieser Souveränitätsrechte
auf päpstliche Privilegien zurückführte, beeinträchtigt nicht den Tatbestand,
dass diese Rechte existent und wirksam waren.“

Nun muss die Ordens-Verfassung überarbeitet werden, müssen sehr unterschiedliche Standpunkte miteinander versöhnt werden. Bei einer so alten Institution – die also auch diverse Krisen überstanden hat – hilft ein Blick in die Geschichte, das Equilibrium zu finden. Ein Beitrag dazu ist die historische Dissertation des in Mexiko geborenen Ordensmitglieds mit deutschen Wurzeln Ignacio Garcia-Lascurain Bernstorff, der sich einer wenig beleuchteten Epoche der Ordensgeschichte zwischen dem Ende des 14. und dem Beginn des 16. Jahrhunderts widmet.

Der Autor möchte, beeinflusst von Niklas Luhmann, die Frage beantworten, ob auch eine Organisation wie der von Anfang an Kontinente und Nationen überspannende Malteserorden so etwas wie Resilienz als Problemlösungs-Kompetenz aufbauen konnte, worin sie zu finden sei und wie sie sich gegenüber dem „natürlichen Gegenüber“ eines Ordens in der katholischen Kirche, dem Papsttum, damals äußerte.

Lesen Sie auch:

Zwei Gesellschaftssysteme in der katholischen Sphäre

Es geht quasi um zwei Gesellschaftssysteme, die zwar derselben Sphäre, nämlich dem Katholischen angehören, aber unterschiedlich regiert werden und unterschiedlich auf äußere Herausforderungen, wie Finanznot, physische Bedrohung der Zentrale oder die spezifisch katholische Gefahr eines Schismas in der Kirche reagieren. Der Autor legt ein geradezu betriebswirtschaftliches Raster an, das er die „Dynamik der sensiblen Betriebsverwaltung“ nennt und zu der gehören sollen: Lernen aus eigenen Fehlern, Vermeiden vereinfachender Interpretationen, besondere Sorgfalt bei internen Abläufen, Streben nach Flexibilität und Respekt vor fremder Expertise. In der besten aller Welten vermeidet eine Organisation durch Beachtung dieser Vorgaben nicht nur (wenigstens die gröbsten) Fehler, sondern erlangt so auch Vorbild-Charakter.

Auch Nicht-Kenner der Malteser-Geschichte werden erahnen, dass es so glatt aber nicht gelaufen ist, und zwar auf Seiten des Ordens wie der der Kirche. Wie immer hängt es an Menschen und an deren meist unberechtigten Aspirationen. Im Vergleich weniger wichtig sind nicht-beeinflussbare äußere Faktoren, zu denen damals die reale Gefahr durch die Osmanen zählte. Der Autor kann im Einzelnen nachweisen, dass die den Orden lang beschäftigende Frage, wie Regierungsführung und Finanzverwaltung zu verbessern seien, mit damals aktuellen Problemen der gesamtkirchlichen Disziplin und der Kirchenreform gleichsam nach dem Muster kommunizierender Röhren zusammenhingen.

Letztlich untersteht der Orden der Kirche

Der immer seine Unabhängigkeit betonende Ritterorden musste sich gefallen lassen – und hat damit bis zum heutigen Tag zu tun –, dass er jedenfalls in seiner Eigenschaft als religiöser Orden der Kirche, in dem man Profess ablegen kann, eben jener Kirche untersteht und in sie eingegliedert ist. Der Sekretär von Papst Innozenz VIII., Giovanni Pietro Arrivabene, brachte es 1491 auf den Punkt: „Der Johanniterorden ist ein Glied dieses Heiligen Stuhles und damit uns unterworfen.“

Wie manche Sekretäre verkannte er ein wenig seine Rolle, wie die Sprache verrät. Ein Ertrag der vorliegenden Arbeit ist die Erkenntnis, dass noch bis fast in die Renaissance hinein die Kreuzzugs-Idee einen beherrschenden Platzin der politischen Konzeption des Vatikans einnahm. Der Autor: „Das Papsttum war seit dem 13. Jahrhundert so gut wie permanent mit dem Kreuzzug als dem ,negotium Christi‘ beschäftigt. Nach dem Ende des Schismas diente die Förderung des Kreuzzugs vor allem der Neulegitimierung der päpstlichen Autorität.“

Lesen Sie auch:

Die Unterwerfung unter das Papsttum stand außer Frage

Als Eugen IV. 1444 dem schon auf Rhodos ansässigen Orden einige Befreiungen zusprach, nahm er in der diesbezüglichen Urkunde für sich in Anspruch, für alles zuständig zu sein, „was die Unterdrückung der Christen durch die Barbaren anbelangt“. Nun waren die dazu gehörigen Militäroperationen, um in der Sprache der Wirtschaft zu bleiben, das Kerngeschäft der Ritterorden, besonders auch der Ritter des heiligen Johannes.

Je weiter man zeitlich voranschritt und sich die islamische Präsenz im Heiligen Land verfestigte, ging es aber immer weniger um Schlachten oder Belagerungen zu Lande, sondern um maritime Unternehmungen. Tatsächlich hat der Orden, der dann später auf Malta ansässig war, bis zu seiner unrühmlichen Vertreibung von dort 1798 durch Napoleon– die ausgerechnet in die Regierungszeit des einzigen deutschen Großmeisters fällt – die schon erwähnte Funktion der Marine-Polizei im östlichen Mittelmeer ausgefüllt. Es ging dann freilich weniger um die Osmanen, die für den Islam kämpften, sondern um Piraten und Korsaren, die Beute machen wollten.

Lesen Sie auch:

Bisher gab es Respekt vor der Entscheidungsautonomie

All das vollzog sich unter den wachsamen Augen des Papstes und der Kurie. Rom griff mehrere Male massiv ein – Papst Paul II. berief 1466 höchstselbst ein Generalkapitel im Vatikan ein und eröffnete es mit einer mahnenden Rede – zeigte dann aber auch wieder, was der Autor den „Respekt der Entscheidungsautonomie“ nennt. Wenn aktuell manche Papst Franziskus kritisieren, der, ohne die Ordens-Autoritäten zu konsultieren, einen Ordens-Statthalter ernannte, der üblicherweise gewählt wird, kann es dennoch sein, dass aus diesem robusten Vorgehen Gutes erwachsen kann, wie die Geschichte lehrt.

Der Berichtszeitraum dieser aus unermüdlichem Quellenstudium erstellten Arbeit umfasst am Ende schon die Zeit, als dem Orden, der Landesherr von Rhodos geworden war, völkerrechtliche Souveränität zukam. Doch betonte der Orden damals trotz aller Konflikte immer wieder seine Unterwerfung unter das Papsttum. Kein Widerspruch, wie der Autor findet: „Die Tatsache, dass der Orden die Ausübung dieser Souveränitätsrechte auf päpstliche Privilegien zurückführte, beeinträchtigt nicht den Tatbestand, dass diese Rechte existent und wirksam waren.“

Gegenseitiger Respekt zwischen dem Vatikan und dem Orden

Der Orden habe die Fähigkeit entwickelt, zu Zeiten immer wieder die „richtige“ Antwort auf die Anforderungen des Papsttums zu geben. Er habe so jene Sensibilität an den Tag gelegt, die nach einer im angelsächsischen Raum entwickelten Theorie Organisationen mit hoher Zuverlässigkeit (High Reliability Organizations) auszeichne. In der Gesamtsicht habe aber auch das Papsttum letztlich immer die Klugheit gehabt, die Entscheidungs-Autonomie des Ordens zu respektieren. Es ist zu wünschen, dass Rom aktuell nicht anders handelt. Nimmt man die Botschaft dieser groß angelegten historischen Arbeit, die auf jahrelangem Quellenstudium fußt, ernst, besteht Grund zur Hoffnung.


Ignacio Garcia-Lascurain Bernstorff: Die Athleten und der Vikar Christi – Untersuchung zur Semantik der Beziehung zwischen dem Johanniterorden und dem heiligen Stuhl (1393–1503). Münchener Theologische Studien, 42. Band,
EOS-Verlag, St. Ottilien, 2021, 399 Seiten, ISBN: 978-3-8306-8039-0, EUR 39,95

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Die Maroniten im Osmanischen Reich, ihre Schutzmacht Frankreich und der lange Weg zu einem eigenständigen Staat.
01.08.2022, 17  Uhr
Alfred Schlicht
Themen & Autoren
Urs Buhlmann Eugen IV. Jesus Christus Johanniterorden Kirchliche Erneuerungen Malteserorden Napoleon Niklas Luhmann Papst Franziskus Paul II. Päpste Ritterorden

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung
Warum gibt es den Absolutheitsanspruch des Dogmas? Sind Lehre und Tradition in der Orthodoxie ein Gegensatz – oder vielmehr eine Notwendigkeit?
01.10.2022, 05 Uhr
Stefanos Athanasiou
...theologisch überfrachtet. Zum Orientierungstext des Synodalen Weges: Wie der Dekonstruktivismus feierlich in die katholische Kirche einzieht.
30.09.2022, 21 Uhr
Ludger Schwienhorst-Schönberger