Lektüre für Heilige und alle, die es werden wollen, hat der spanische Dominikaner Luis de Granada (1504–1588) verfasst. Franz von Sales, Karl Borromäus, Teresa von Avila empfahlen ihn jedem, der seinen Glauben stärken will. Eines seiner Hauptwerke, die geistliche Wegweisung „Guia de Pecadores“ von 1555, ist jetzt unter dem historischen Titel „Lenkerin der Sünden“ auf Deutsch erschienen. Die glänzende Übersetzung von Alexander Wagensommer, die jede altertümliche oder frömmelnde Phrase vermeidet, macht es dem Leser leicht, dem Dominikaner zu folgen.
Pater Luis spricht nämlich über die Letzten Dinge, doch so, dass er den Leser nicht entmutigt und ihm schon gar nicht Angst machen will. Vielmehr stellt er dem Leser die richtigen Fragen: „Denn sag mir: Was kann man schon Gutes auf einer schlechten Grundlage bauen? Was nützt uns aller Erfolg, wenn unser Leben ganz durcheinander ist?“
Ohne den Willen zur Tugend geht es nicht
Es ist ein vertrauensvoller Ton, den der Pater anschlägt: Er betont die Güte Gottes und macht so Mut, den nächsten Schritt zu gehen: „Die Menschen pflegen sehr großzügig im Versprechen und sehr geizig im Halten zu sein; Gott hingegen ist so wunderbar großzügig im Halten, dass die Worte, die er als Versprechen gibt, im Vergleich zu seinen Werken viel zu bescheiden klingen.“
Pater Luis verfolgt mit seiner Wegweisung ein doppeltes Ziel: „Im ersten Buch sollen die großen Verpflichtungen dargestellt werden, die wir der Tugend gegenüber haben, aber auch die unschätzbar großen Früchte, die aus ihr folgen. Im zweiten Buch wollen wir vom tugendhaften Leben handeln, sowie von den Anweisungen und Ratschlägen, die zu einem solchen Leben führen. Denn zwei Dinge braucht man, um einen Menschen tugendhaft zu machen: erstens, dass er es wahrhaftig sein möchte; zweitens, dass er auch weiß, was er dafür tun muss.“
Nur Gott ist grenzenlos
Zehn Gründe kennt Luis de Granada, die uns zur Tugend und zur Gottesliebe als deren Grund verpflichten. „Der erste und wichtigste Grund, zugleich auch der, den man am schwersten erklären kann, ist, dass Gott einfach ist, wer er ist.“ Der Autor führt Dionysius Areopagita an: „Er lehrt uns, dass wir, so wir Gott erkennen wollen, unsere Augen von den Vorzügen der Geschöpfe abwenden müssen, damit wir nicht dem Irrtum verfallen, Gott mit ihnen zu vergleichen oder von ihnen herleiten zu wollen. Stattdessen müssen wir sie beiseitelassen und uns dazu erheben, ein Wesen zu betrachten, das über allem Seienden steht; eine Substanz, höher als alle Substanzen, ein Licht, leuchtender als alle Lichter.“
Darin liegt der Unterschied zu uns: „Alle erschaffenen Dinge sind ihrem Wesen nach begrenzt und können deswegen nur eine begrenzte Macht ausüben, nur in Grenzen wirken und sich nur an wenigen Orten aufhalten; sie besitzen nur eine begrenzte Anzahl von Namen, die sie beschreiben; sie gehören bestimmten Kategorien an und haben Eigenschaften, die sie identifizieren. Jenes höchste Wesen aber ist unbegrenzt in seinem Sein, aber ebenso in seiner Macht und in allem anderen; daher kann keine Definition es beschreiben.“
Neider schwärzten ihn bei der Inquisition an
Es ist diese unaufdringliche, durchdachte Sprache, die Luis de Granadas Texte so zugänglich macht. Der spanische Schriftsteller José Martínez Ruiz, bekannter unter seinem Pseudonym Azorín, befand: „Bei Granada ist alles einfach, spontan, anmutig und elegant. Denkt nicht an Nachlässigkeit oder Unfähigkeit; hinter diesem Anschein von Leichtigkeit verbirgt sich ein Künstler.“ Die Werke von Pater Luis waren so verbreitet, dass Jesuiten-Missionare, als sie in späterer Zeit nach Japan kamen, bemerkten, dass der Glaube der einheimischen Katholiken in der Zeit der Kirchenverfolgung unter anderem durch Granadas Bücher am Leben gehalten worden war.
Umso erstaunlicher, dass der Dominikaner, der mehrfach für Bischofsämter gehandelt wurde und seinem Orden in hohen Posten, unter anderem als Provinzial in Portugal, diente, zeitweise mit der Inquisition in Konflikt kam. Der Grund dafür war ein schwacher und kam natürlich von klerikaler Seite, die neidisch auf die Popularität des aus ärmsten Verhältnissen stammenden Luis war: Seine Bücher machten keinen Unterschied zwischen Ordensleuten, die Zeit und Grund zur Kontemplation hätten, und Weltleuten, für die Granadas Schriften abträglich und unpassend wären.
Außerdem waren seine Werke bei anerkannten Häretikern gefunden worden. Pater Luis konnte sich glänzend gegen diese Vorwürfe verteidigen und erhielt schließlich sogar ein Lob des Papstes. Der Dominikaner stand diese Zeit in Gleichmut durch und wusste sich vom Heiligen Geist allzeit getragen: „Wenn wir uns von der Sünde abwenden, verdanken wir es ihm; tun wir Gutes, dann tun wir es dank ihm; sind wir beständig, dann weil er es uns schenkt; bekommen wir einen Lohn für unsere Werke, dann ist er es, der ihn für uns verdient hat.“
Himmel oder Hölle
Doch ist er klar in einer Sache, die moderne Theologen vernachlässigt, wenn nicht negieren: Er kennt Himmel und Hölle als konkrete Möglichkeiten. „Entweder wir herrschen für immer mit Gott im Himmel oder wir verbrennen für immer mit den Teufeln in der Hölle.“ Luis warnt daher vor Sorglosigkeit. „Denk daran, dass es unter allen menschlichen Dingen keines gibt, dem man mehr Aufmerksamkeit widmen sollte, als der Wahl unseres Lebensweges.“
Zutiefst davon überzeugt, dass Gott retten und nicht richten will, bietet seine lebensnahe Spiritualität einen Weg für alle Christen an. Für Luis de Granada, diesen klugen Didaktiker der Katechese, wurde an seinem Sterbeort Lissabon 1986 das Seligsprechungsverfahren eröffnet. In der Dominikanerkirche ist er auch begraben.
Luis de Granada: Lenkerin der Sünden, herausgegeben und eingeleitet von Markus Dusek und Paul Bernhard Wodrazka, übersetzt von Alexander Wagensommer, Patrimonium-Verlag, Aachen, 2026, 197 Seiten, EUR 18,–
Der Rezensent ist Augustiner-Chorherr.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









