Würzburg

Internationale Zeitungsschau vom 23.04.20

Rückkehr des Virus durch Migration? - Ein Europa starker Nationalstaaten - Zweifelhafte Produktion - Koran mit christlichen Kommentaren - Den Umgang mit der Ungewissheit wieder neu lernen.
Internationale Zeitungsschau: Französische Zeitschrift Futuribles
Foto: Futuribles | Die französische Zeitschrift Futuribles widmet sich in einem Dossier möglichen Szenarien nach der Eindämmung der Coronakrise.

Rückkehr des Virus durch Migration?

Vor dem französischen Senat über die Migrationsbewegungen befragt, stellte Patrice Leggeri, der Direktor von Frontex (Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache) laut Valeurs actuelles derzeit einen Rückgang des Zustroms von Migranten fest, fürchte sich aber vor dem, was sich nach der Aufhebung von Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen abspielen werde. Er mache sich Sorgen, schreibt das Wochenmagazin, „über die Rückkehr des Virus nach Europa durch illegale Migrationsströme“.

Ein Europa starker Nationalstaaten

Gegen die Vorwürfe der Europäischen Union, der ungarischen Opposition und westlicher Medien, dass der ungarische Präsident Orbán sich durch eine neue gesetzliche Regelung unter dem Vorwand, das Coronavirus zu bekämpfen, zum autoritären Herrscher gemacht habe, wehrt sich Katalin Novák.

In einem Interview mit Valeurs actuelles betont die ungarische Familienministerin und Vizepräsidentin der Regierungspartei Fidesz, dass die neue Regelung „völlig konform mit der ungarischen Verfassung ist. Sie ist einen klassischen parlamentarischen Weg gegangen, und ihr wurde mit einer Zweidrittelmehrheit zugestimmt.“ Für die Regierung sei einzig „die Zustimmung und das Vertrauen des ungarischen Volkes von Bedeutung“. In Bezug auf den mit der gesetzlichen Regelung verknüpften Verweis darauf, dass diese Bestimmung „ohne zeitliche Beschränkung“ gelte, erläuterte Novák: „Das Parlament hat das Recht, jederzeit die der Regierung erteilte Autorisierung zurückzuziehen. Demzufolge steht die Entscheidungsmacht dem Parlament zu und nicht der Regierung.“

Im Gegensatz zu dem, „was einige unserer Zeitgenossen vorbringen, sind wir keine Feinde der Europäischen Union. Unser Feind ist weder die Europäische Union, noch die Europäische Volkspartei [im EU-Parlament] und noch nicht einmal die ungarische Opposition, sondern das Coronavirus. Wir konzentrieren alle unsere Bemühungen auf den Kampf gegen die Epidemie und den Schutz unserer Bürger. In einer Zeit wie dieser scheint uns der Erfahrungsaustausch von entscheidender Bedeutung zu sein. Das Coronavirus stellt Europa vor eine gemeinsame Herausforderung.“

Sie glaube allerdings, so fährt die Familienministerin fort, dass sich eine Einheit bei der Bekämpfung der Seuche „nur im Rahmen starker Nationalstaaten verwirklichen kann. Jedes Volk hat seine Besonderheiten, seine Eigenarten, die nicht in einem Einheitsbrei ertränkt“ werden sollten: „Gestatten Sie mir diese triviale Erinnerung, aber ein Ungar ist kein Franzose, wie auch ein Schwede kein Spanier ist. Doch von dieser Andersartigkeit ausgehend – unter der Bedingung, dass sie gewahrt werde – kann man das Gemeinsame und gegenseitiges Vertrauen anstreben. Genau deshalb, weil wir Europa lieben, verteidigen wir dieses Modell.“ Die jetzige Europäische Union habe sich jedoch vom Europa seiner Gründungsväter entfernt und einen solchen Anspruch aus dem Auge verloren: „Wenn eine Schwierigkeit auftaucht, wiederholen die Vertreter der Europäischen Union unermüdlich, ,dass wir mehr Europa brauchen‘. Wir sagen, dass wir ein besseres Europa brauchen, das die Souveränität der Nationalstaaten achtet und dem Subsidiaritätsprinzip verbunden ist.“

Zweifelhafte Produktion

Obwohl die Produktion von Corona-Test-Sets in Frankreich langsam ansteigt, werden die meisten dieser Testmaterialien für die Coronaerkennung doch noch immer in Asien produziert. Die Chinesen, die naturgemäß einen Vorlauf von mehreren Wochen haben, stehen laut der französischen Wochenzeitung Le Journal du Dimanche an erster Stelle. Das Internet listet 105 chinesische Unternehmen auf, die in der Lage sind, Test-Sets für die Erkennung des Coronavirus herzustellen: „Doch nur 13 Laboratorien werden von der chinesischen Behörde NMPA (National Medical Products Administration) anerkannt. An erster Stelle steht das BGI (Bejing Genome Institute) in Wuhan. Es wird als das größte Privatunternehmen der genetischen Sequenzierung betrachtet und hatte 2003 das Sars-Virus decodiert und ein spezielles Erkennungs-Set entwickelt.“

4 000 Forscher arbeiten mittlerweile in diesem Unternehmen. Da es innerhalb von drei Monaten sieben Millionen Sets produzierte, wird das BGI inzwischen „sehr hofiert. Soeben hat es seine Produktionskapazitäten auf 600 000 Sets täglich gesteigert.“

Auch wenn das BGI „in 26 Länder exportiert, wird Europa doch nur mit recht geringen Mengen beliefert. Man muss sich daher an andere Marktakteure wenden.“ Zudem hätten 90 Prozent der chinesischen Hersteller in diesem Bereich keine offizielle Zulassung. Die von der chinesischen Gesellschaft Bioeasy nach Spanien versandten Test-Sets, „die eine 80-prozentige Zuverlässigkeit haben sollten, hätten jedoch nur 30 Prozent der Kranken erkannt“.

Koran mit christlichen Kommentaren

Ende April erscheint im evangelikalen Verlag Zondervan eine englische Koranübersetzung, in die christliche Kommentare eingefügt sind, wie die Zeitung The Christian Post berichtet. Ziel ist es, Christen ins Gespräch mit Muslimen über den Koran zu bringen. Dazu will das Buch „The Quran with Christian Commentary: A Guide to Understanding the Scripture of Islam“ Argumentationshilfen bieten.

Den Umgang mit der Ungewissheit wieder neu lernen

Die französische Zeitschrift Futuribles widmet sich in einem Dossier möglichen Szenarien nach der Eindämmung der Coronakrise. In diesem Rahmen meint der Philosoph Laurent Bibard, dass die Krise uns dazu auffordere, die Existenz der „Ungewissheit“ von neuem anzuerkennen und zu lernen, mit ihr auch angemessen umzugehen.

Im vergangenen Jahrhundert hätten die Wissenschaftler von Krise zu Krise mehr verstanden, „dass das am Ende des 19. Jahrhunderts erhoffte totale Wissen illusorisch sei; man müsste daher das Ungewisse in Betracht ziehen“, was dazu führe, Bescheidenheit erneut zu lernen. Denn „die technischen Fortschritte haben nicht nur die große Öffentlichkeit maßlos fasziniert, sondern auch die Finanz- und Wirtschaftskreise, und damit die Illusion einer möglichen totalen Beherrschung der Welt verbreitet“.

Diese Fortschritte hätten uns auch eine „ganz neue Macht“ gegeben, die uns zerstören könne, indem sie Katastrophenrisiken entwickele. Die aktuelle Krise „animiert uns dazu, erneut mit der Ungewissheit leben zu lernen“.

DT/ks

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