Würzburg

Internationale Zeitungsschau vom 17.06.2020

Ist Antirassismus der neue Totalitarismus? - Finkielkraut über "Autorassismus" - Umsturz von Denkmälern.
Internationale Zeitungsschau: Valeurs actuelles vom 17.06.20
Foto: Valeurs actuelles

Ist Antirassismus der neue Totalitarismus?

Wegen „Rassismus“ wurde „Vom Winde verweht“, „einer der legendärsten Filme der Kinogeschichte zum symbolischen Opfer des totalitären Impulses eines verrückt gewordenen Antirassismus“, wie der Kulturkritiker Laurent Dandrieu in Valeurs actuelles bemerkt: „Wenn es noch eines Fallbeispiels für die traurige Stimmigkeit der Prophetie Houellebecqs, derzufolge die Welt nach dem Corona-Virus dieselbe wie vorher – nur schlimmer – wäre, bedurft hätte, dann spräche das für sich.“ Auch stimme er der genialen Vorahnung von Alain Finkielkraut zu, demzufolge „der Antirassismus der Kommunismus des 21. Jahrhundert sei: die gleichen freiheitsfeindlichen Triebe im Namen eines ebenso unerschütterlichen guten Gewissens, ja sogar des Willens, die Geschichte mit der Tinte der Ideologie neu zu schreiben“.

So habe die neue amerikanische Streamingplattform HBO Max angekündigt, den Film „Vom Winde verweht“ aufgrund seiner „ethnischen und rassischen Vorurteile“ von ihrer Filmliste zu streichen. Was „zweifellos unerträglichen Kampagnen zum Ausüben von Druck auf konkurrierende Plattformen den Weg ebnet, die die Dreistigkeit besäßen, den Film weiterhin zu senden“. Die „Zensoren des Films“ hätten „noch schöne Tage vor sich – ganz abgesehen von der Literatur, angefangen mit der Romanvorlage von Margaret Mitchell, die mit ihrer Rechtfertigung des Ku-Klux-Klans nach den heutigen Kriterien vermutlich noch skandalöser ist“. Der Film stelle tatsächlich „eine Sicht der Beziehungen zwischen Herren und Sklaven dar, die nicht der heutigen Agenda entspricht, eine Sicht, die man zu Recht für unerhört idealisiert halten kann – man hat aber auch das Recht, daran zu erinnern, dass sie sich auf das Zeugnis zahlreicher Menschen stützt, die diese Situation tatsächlich erlebten“. Die Anhänger einer Zensur verteidigten die Entscheidung von HBO Max damit, dass der Film schon immer Gegenstand von Kontroversen gewesen sei: „Aber sind die Kontroversen so furchtbar, dass man sie durch die Totenstille der Zensur ersetzen müsse – oder nicht eher mit einer sachlichen Auseinandersetzung der Standpunkte? Wird man demnächst aufhören, Filme zu produzieren, in denen Sklaverei dargestellt wird – nur um niemanden zu verletzen?“, fragt Dandrieu. Denn wenn man den damaligen Standpunkt der amerikanischen Südstaaten auslösche, werde der Sezessionskrieg „völlig unbegreiflich“.

Paradox sei, dass der Film acht Oscars erhielt, „darunter einen Oscar für die beste weibliche Nebenrolle, der an Hattie McDaniel verliehen wurde, die die Rolle der Dienerin spielte. Sie war die erste schwarze Schauspielerin, die eine solche Auszeichnung erhielt, was aus dem Film eine bedeutende Messlatte bei der Weiterentwicklung Hollywoods in Richtung auf die Vielfalt der Rassen machte.“ Doch „wenn sich der Antirassismus in eine totalitäre Ideologie verwandelt, dann könnte der Antirassist von gestern der Rassist von morgen sein – ganz nach dem alten Mechanismus der Revolution, die ihre eigenen Kinder frisst“.

Finkielkraut über „Autorassismus“

Der Philosoph Alain Finkielkraut erkennt im Figaro in der Entfaltung eines neuen Antirassismus den Versuch, „die abendländische Hegemonie in den Ländern des Abendlandes selbst zu dekonstruieren. Der Begriff des ,weißen Privilegs‘ ist eine Form von ,Autorassismus‘, der unter einer neuen Gestalt das schlechte Gewissen der bürgerlichen Schicht aufrechterhält.“ Finkielkraut verstehe die Amerikaner, die nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd „spontan auf die Straße gegangen sind, um ihren Abscheu, ihre Beschämung und Wut zum Ausdruck zu bringen“. Doch er fragt sich, ob das weltweit verbreitete Video über Floyds Tod wirklich „die Wahrheit über Amerika“ darstelle: Die Emotion müsse zwar die Reflexion inspirieren, „aber sie darf nicht vom Wissen befreien. Denn es gibt Zahlen: Den Daten der Washington Post zufolge sind seit dem 1. Januar 2015 doppelt so viele Weiße (2 416) wie Schwarze (1 263) von der Polizei getötet worden.“ Natürlich relativierten sich diese Zahlen nach dem Anteil der jeweiligen Gruppen an der Bevölkerung: Die Schwarzen machen 13 Prozent der amerikanischen Bevölkerung aus, die Weißen 76 Prozent.

Analog zu dem, was sich heute an den Universitäten in Yale, Columbia oder Berkeley abspiele, sitze nunmehr auch an den meisten Universitäten des Alten Kontinents „die abendländische Zivilisation auf der Anklagebank“. Auf die „toten, weißen, europäischen Männer wird mit dem Finger gezeigt. Von ihnen und ihrer Kultur kommt alles Übel, das sich auf der Erde verbreitet hat: Sklaverei, Kolonialismus, Sexismus und LGBT-Phobie. Die Subkultur zu studieren, bedeutet nun, Anklage gegen sie zu erheben, sie zu dekonstruieren, ihr Ansehen zu ruinieren, um den Minderheiten zu ermöglichen, ihren Stolz wiederzufinden, und der kulturellen Vielfalt, sich ungehindert zu entfalten.“ Und so sei der Antirassismus „leider nicht mehr die Verteidigung der gleichen Menschenwürde, sondern eine Ideologie, eine Weltanschauung“. Zu dieser Anschauung gehörten aber weder der arabische Sklavenhandel noch der arabisch-muslimische Antisemitismus. Der Antirassismus habe sich „demnach von Grund auf gewandelt, und die Gastfreundschaft hat ihre Richtung geändert“. Dieser „Autorassismus ist das erschreckendste und absurdeste Leiden unserer Zeit“, resümiert Finkielkraut.

Umsturz von Denkmälern

Im Zuge der von der Bewegung Black Lives Matter ausgelösten Proteste sind, wie der französisch-israelische Anwalt und Politiker Arno Klarsfeld im Causeur berichtet, zahlreiche Denkmäler in den USA und Großbritannien beschmiert, beschädigt oder sogar umgestürzt worden. Doch „die Namen von Christoph Kolumbus oder von Colbert aus dem Gedächtnis der neuen Generationen zu entfernen, würde nicht nur bedeuten, den Glorienschein lediglich von Wissenschaftlern, Künstlern, Dichtern oder von Opfern derjenigen zu bewahren“, die einen Teil der Zivilisationen aufbauten: „Christoph Kolumbus oder Colbert in Frankreich stehen für ein einerseits positives, andererseits negatives Ergebnis in Bezug auf unsere heutigen Werte.“

Werden wir so weit gehen, fragt Klarsfeld, „Platon unsere Wertschätzung und unsere Dankbarkeit zu entziehen, weil er Sklaven besaß oder sich nicht gegen die Diskriminierung der Metöken [in Athen ansässige Auswärtige] in Athen auflehnte?“. Man müsse die Menschen nach ihrer jeweiligen Epoche beurteilen: Es wäre „absurd für das Abendland, seine großen Männer umzuwerfen, wenn die übrige Welt weiterhin die ihrigen glorifiziert, die in den Augen der heutigen Moral bestimmt nicht besser als unsere sind“.

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