Würzburg

Internationale Bücherschau am 7. November

Liebe zum Papsttum und kindlicher Widerstand - Bestandsaufnahme der „Grande Nation“ - Vorbildliches Mittelalter.
Internationale Bücherschau
Foto: Angelico Press | Liebe zum Papsttum schließt kindlichen Widerstand nicht aus, so der Historiker Roberto de Mattei in seinem neuen Buch zur Papstgeschichte.

Liebe zum Papsttum und kindlicher Widerstand

In seinem neuen Buch nimmt uns Roberto de Mattei mit auf einen Parforceritt durch die Jahrhunderte der Papstgeschichte. Der Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, vielen Lesern als kritischer Beobachter zeitgeschichtlicher Veränderungen innerhalb der katholischen Kirche bekannt (zuletzt erschien von ihm auf Deutsch seine „Verteidigung der Tradition“), veröffentlicht hier Essays und Vorträge, in denen die luziden Entscheidungen von Päpsten angesichts der Konfrontation mit Häresien offenbar, aber auch ihre katastrophalen Entscheidungen zum Nachteil der Kirche nicht verschwiegen werden.

Grundsätzlich geht es dabei um die „Liebe zum Papsttum“, zugleich aber auch um die Pflicht der Gläubigen zu einem „kindlichen Widerstand dem Papst gegenüber“, wie dieser sich im Laufe der Kirchengeschichte zuweilen kundtat. Wobei auch der Unterschied zwischen „kindlichem Widerstand“ und „Ungehorsam“ gegenüber den Nachfolgern Petri erläutert wird. Der Autor zeigt, dass heutige Tendenzen einer Skepsis gegenüber päpstlichen Entscheidungen nichts Neues sind. Er ruft die „unwiderruflichen Pflichten der Kardinäle in der Heiligen Römischen Kirche“ ins Gedächtnis zurück und benennt die Fälle, in denen eine „öffentliche Korrektur eines Papstes dringlich und notwendig ist“. Die weiteren Kapitel sind den Päpsten seit der frühen Kirche bis in unsere Zeit gewidmet und zeigen die Grenzen päpstlicher Autorität auf. In seinem Vorwort bescheinigt Leo Kardinal Burke dem Verfasser, einen „unschätzbaren Beitrag zum Leben der Kirche in unserer Zeit“ geleistet zu haben.
Roberto de Mattei: „Love for the Papacy & Filial Resistance to the Pope in the History of the Church.“
Angelico Press 2019, 215 Seiten, EUR 18,19

Bestandsaufnahme der „Grande Nation“

Lange Zeit wollte man in Frankreich nicht wahrhaben, was sich in der Gesellschaft tatsächlich abspielt: Wie tief gespalten Stadt, Land und Banlieues, die Franzosen und die aus fremden Kulturen heraus entstandenen Parallelgesellschaften, ein sich dem Laizismus verpflichtet fühlender Staat und die stets zahlreicher werdenden Muslime wirklich sind. Jérôme Fourquet trifft ins Schwarze und legt eine Bestandsaufnahme der wahren Situation der „Grande Nation“ vor, wie sie umfassender nicht sein könnte. In den Fokus stellt der Politikwissenschaftler, der seit 2011 als Direktor der Abteilung für Meinungsbildung und Unternehmensstrategien des führenden französischen Meinungsforschungsunternehmens IFOP (Institut français d'opinion publique) tätig ist, den gesellschaftlichen Wandel, der sich in nur wenigen Jahrzehnten vollzog.

Etwa wenn der wöchentliche Moscheebesuch der Muslime von sieben Prozent im Jahr 1989 30 Jahre später auf 40 Prozent (2019) gestiegen ist, zugleich die Teilnahme der französischen Katholiken an der Sonntagsmesse von 35 Prozent im Jahr 1961 gut 50 Jahre später auf dramatische sechs Prozent eingebrochen ist. Oder wenn die Kinder eben nicht mehr christliche Namen tragen, sondern zunehmend Mohammad, Abdel und Ali heißen: „Der Niedergang des Vornamens Marie [von 20 Prozent im Jahr 1900 auf 0,3 Prozent heute] ist ein Symptom für die Entchristlichung“, beklagt Fourquet. Tatsächlich gehe dieser Prozess viel tiefer als der Zusammenbruch der religiösen Praxis: „Er berührt das Fundament der französischen Gesellschaft. Die katholische Matrix löst sich langsam auf. Warum weinten die Franzosen über den Brand von Notre-Dame? Sie vergossen Tränen über die letzte Sache, die sie daran erinnerte, dass sie einst katholisch waren.“ Diese Auflösung beeinflusst die Haltung zu gesellschaftlichen Themen, wie etwa zu bioethischen Fragestellungen. Während heute 35 Prozent der über 65-Jährigen die künstliche Befruchtung ohne Vater (PMA) befürworten, hat sich dieser Prozentsatz bei den 18 bis 24-Jährigen fast verdoppelt und beträgt nunmehr 64 Prozent.
Jérôme Fourquet: „L'Archipel français – Naissance d'une Nation Multipliée et Divisée“.
Seuil 2019, 384 Seiten, EUR 18,65

Vorbildliches Mittelalter

Von Chesterton ist der Satz überliefert, Häresien seien verrückt gewordene Wahrheiten. Dieses Zitat greift Rémi Brague in seinem neuen Buch auf. Sein Ziel ist es, Tugenden und Wahrheiten, die von der Moderne bis zum Irrsinn getrieben wurden, wieder auf die Beine zu stellen. Das Werk enthält Texte verschiedener Vorträge, die Brague zwischen 2009 und 2016 in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten hielt. Im Gegensatz zu Chesterton meint Brague jedoch nicht, dass es sich um „alte christliche Tugenden“ handele. Es seien – oftmals bereits in der Antike erkannte – Tugenden, die durch das Christentum vertieft wurden. In „Pourquoi je suis catholique“ habe Chesterton den parasitären Charakter der modernen Welt betont, die von geistigen, spirituellen und moralischen Prinzipien und Errungenschaften lebt, die bereits vor ihr existierten. Sie stammten aus dem Mittelalter, wobei das Mittelalter selbst einen Teil des antiken Erbes vertieft und weiterentwickelt habe.

Die These des Buches von Brague besagt, dass die intellektuellen und moralischen Güter, von denen wir leben, sich aufzulösen beginnen, sobald sie mit der Moderne in Kontakt kommen. Daher plädiert er dafür, dass unsere Kultur in irgendeiner Form einen Schritt zurück auf das Mittelalter machen müsse. Damit meine er freilich nicht eine „obskurantistische Epoche, wie man sie uns oftmals darzustellen versucht“, wie er in einem kürzlich erschienenen Interview erläuterte: „Das Mittelalter war eine Zeit, in der sich Erhabenheit und Elend, Innovation und Bewahrung ständig vermischten. Ich mache mir keine Illusionen über das reale Mittelalter: Die Menschen waren genauso dumm und boshaft wie davor und wie wir heute, was schon etwas heißen will! Ich glaube überhaupt nicht an den linearen Fortschritt. Aber es gab eine Bindung an die Transzendenz, insbesondere innerhalb der Eliten, die Sinn vermittelte und dem Leben Orientierung gab. Die Tugenden waren noch unter ihrer ursprünglichen Form vorhanden und noch nicht den Verfälschungen der Moderne unterworfen.“
Rémi Brague: „Des vérités devenues folles“.
Editions Salvator 2019, 192 Seiten, EUR 16,55

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Katrin Krips-Schmidt Christentum Christentumsgeschichte Kardinäle Katholische Kirche Katholizismus Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Kirchengeschichte Päpste

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