Literatur

Im Wandel des Lebens erkennen, dass man nie allein ist

Uwe Wolff legt die erste große Biographie zu Edzard Schaper vor.
Edzard Schaper, einstmals ein viel gelesener Autor.
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Lebensernst, Grundanständigkeit und ein nobel-zurückhaltender literarischer Stil zeichnen Edzard Schaper aus, dessen Leben wild und noch ohne gelegentlich haarsträubende Irrungen und Wirrungen gekennzeichnet war.

Er gehört zu den großen tragischen Figuren der jüngeren deutschen Literaturgeschichte, in innerer Gestimmtheit und Lebensumständen: Edzard Schaper (1908–1984), einstmals ein viel gelesener Autor. Von denen, die ihn noch kennen, als Baltendeutscher wahrgenommen, stammte er dem Blut nach aus Norddeutschland. Ein einzelgängerisches, schwieriges Kind, wollte er doch scheinen und etwas darstellen, versuchte sich zunächst ohne großen Erfolg in mehreren Professionen. Estland, der ganze baltisch-skandinavische Kosmos wird ihm nach Wanderjahren zur Heimat. Seit Ende der 1920er Jahre weiß er auch, dass er zum Schriftsteller bestimmt ist.

Ein Leben à la James-Bond

„Tagespost“-Autor Uwe Wolff hat dem einstmals hochgeehrten Schriftsteller und Bestseller-Autor (sechs Millionen verkaufte Werke) eine Biographie gewidmet – die erste wissenschaftliche –, die spannend das wildbewegte Leben des zwischen alle Fronten Geratenen erzählt, allerdings das Werk nur wenig zu Wort kommen lässt. Der Grund dafür dürfte sein, dass man die Vita Edzard Schapers auch als James Bond-Story lesen kann.

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Jahrelang wirkte er als Auslands-Korrespondent deutscher und amerikanischer Medien im Graubereich zwischen Berichterstattung und unerlaubter Nachrichtenbeschaffung. Dass er dauerhaft für Geheimdienste arbeitete, kann man annehmen; beweisen im strikten Sinn lässt sich das nur für die deutsche Spionageabwehr unter Wilhelm Canaris. In etlichen Akten der Geheimdienste verschiedener Staaten taucht Schaper jedenfalls auf.

Epochaler Schriftsteller inklusive filmreifer Fluchten und Todesurteile 

Es sind der spannenden, gelegentlich haarsträubenden Irrungen und Wirrungen so viele – inklusive filmreifer Fluchten und Todesurteile durch gleich zwei Diktatoren –, dass es natürlich nicht ganz einfach ist, sich auf den literarischen Werdegang zu konzentrieren. Dafür liest sich Wolffs Buch sehr flüssig, und sein Grundanliegen, Schaper als einen der epochalen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts einzuordnen, ist unbedingt zu teilen.

Denn Edzard Schaper war in einer existenziellen Weise, wie es für viele der Literaten in der unruhigen Epoche rund um den Zweiten Weltkrieg typisch ist, ein christlich-grundierter Schriftsteller. Sie sind heute nicht mehr gefragt und auch als Figuren schwer vorstellbar: Der Feuerofen der Geschichte, den diese Autoren betreten mussten, ist dem satten Erschlaffen der westlichen Wohlfahrtsgesellschaften gewichen. Im Osten glüht er aber immer etwas mehr, damals wie heute, wovon ein Solschenizyn und eben auch ein Schaper mit der je eigenen Vita und ihrem Werk Auskunft geben.

Grenzgängertum schärfte Sinn für Diesseits und Jenseits

Lebensernst, Grundanständigkeit und ein nobel-zurückhaltender literarischer Stil zeichnen Schaper aus, der am Ende seines Lebens nicht nur katholisch wurde, sondern bereits zuvor eine Jesus-Biographie und ein Vorwort zur „Nachfolge Christi“ des Thomas von Kempen verfasst hatte. Die Brüchigkeit von Heimat – Schapers Vater war Militärbeamter und wurde oft versetzt – und die Flucht-Erfahrung teilen sich dem Dichter früh mit. In seinen späten Jahren erwarb er mit der schweizerischen seine dritte Staatsangehörigkeit, nach der von Deutschland und Finnland. Das Grenzgängertum wird seine eigentliche Heimat und schärfte zugleich den Sinn für Diesseits und Jenseits.

Der Roman „Die sterbende Kirche“ (1936) schildert die Martyrien lutherischer und orthodoxer Christen in der Sowjetunion, ein Thema, auf das er immer wieder zurückkommen wird. Menschen in Grenzsituationen interessieren ihn, um konfessionelle oder anti-bolschewistische Polemik geht es ihm nicht. Wolff: „Ihn bewegte die Frage, was einem Menschen bleibt, dem alle Sicherheiten genommen werden.“ Schaper hatte gut verstanden, dass das Christentum sich angesichts der nihilistischen Herausforderung – sei diese nun rot oder braun gefärbt – vom konfessionellen Hader lösen müsse.

Ökumene des glaubenden Herzens

Im Roman spricht er einer Ökumene des glaubenden Herzens das Wort: „Ljusja könnte katholisch oder protestantisch werden, auch rechtgläubig, dieses, ihrer Muttersprache nach, als nächstliegendes: alle Kirchen seien gut für die Seele, die da glauben will und Gott sucht.“ Als Schaper nach der sowjetischen Besetzung des Baltikums 1940 mit Frau und Kindern nach Finnland flieht, dessen Sprache er spricht und wo er rasch Kontakte bis hinauf zu Marschall Mannerheim aufbaut, lebte bereits ein weiterer deutschstämmiger Emigrant im Lande, Bertolt Brecht.

Mit ihm kommt es nicht zur Fühlungnahme, zu unterschiedlich sind die Ausgangspositionen: „Während sich Schaper mit dem estnischen und finnischen Patriotismus identifizierte, begrüßte der spätere Stalinpreisträger Brecht die Sowjetisierung des Baltikums und den Verlust Kareliens als Ausdruck eines legitimen Interesses sowjetischer Expansionspolitik.“ Später wird Schaper den Landsmann einen „Verräter an der Sache der Humanität“ nennen. Was Menschen einander antun können, würde Schaper in den kommenden Jahren am eigenen Leib erleben: Von verschiedenen Seiten als Spion der anderen verdächtigt, von „Freunden“ verraten, ständig unter behördlicher Aufsicht und gelegentlich gejagt.

Scheu, aber auch gewandt und diplomatisch 

Als ihn auf der weiteren Flucht nach Schweden dort ein Auslieferungsbescheid bedrohte, mussten der Justizminister und sogar König Gustav V. eingeschaltet werden, um das zu verhindern. Schaper hatte viele Feinde, aber er hatte auch gute Freunde und wird bei aller Menschenscheu, die ihm seit Kindesbeinen zu eigen war, als jemand beschrieben, der gewandt und diplomatisch auftreten konnte. Seine Leipziger Verlegerin Katharina Kippenberg erinnerte ihn daran, dass gerade an den Kreuzwegen des Lebens geheimnisvolle Schätze vergraben seien.

Ein Züricher Literaturwissenschaftler, der Schaper nur über seine Bücher kannte, aus denen er Kraft geschöpft hatte, ist einer der Wegbereiter für die letzte Wendung im Leben des Dichters, den Umzug in die Schweiz. Hier wird Schaper, schwer gezeichnet von den Unbilden seines Lebens, Ruhe finden. Eine Phase großer Produktivität folgt, 14 Romane, 17 Erzählungen folgen aufeinander, darunter die erfolgreiche Fabel vom „vierten König“, eine der wenigen gelungenen Legenden-Wiederbelebungen des 20. Jahrhunderts.

Mit Preisen, Medaillen, Ehrendoktoraten überhäuft 

An Ehrungen fehlt es nicht. Es ist typisch für diese Autoren des christlich geprägten Existenzialismus, dass sie gegen Ende ihres Lebens mit Preisen, Medaillen, Ehrendoktoraten überhäuft wurden. Vom Vergessenwerden hat es sie nicht bewahrt; Schaper selber war das nur zu bewusst, er kommentierte es ironisch. Doch entgeht dem so viel, der die Literatur dieser Zeit als vergangen und heute nicht mehr brauchbar ansieht. Es ist der durch das eigene Leben beglaubigte Ernst des Suchens und Fragens, der letztlich überzeitlich ist und Fragen stellt, die jeder Mensch stellt – oder gestellt bekommt.

Im Roman „Die Macht des Ohnmächtigen“ von 1952 – typisch für Schaper als historisches Gefangenen-Drama angelegt – heißt es: „Ja, der Mensch in der Zelle schien ihm mit einem Mal der Mensch schlechthin zu sein: der Mensch in seinem Verhältnis zu Gott, der Mensch ohne andere Beziehung als der zu sich selbst und seiner Schuld und seiner Erlösung, der ohnmächtige Mensch mit der Macht der Entscheidung über Leben und Tod, der nackte, dem das Gewand der Gnade übergeworfen werden konnte, der hungernde, der mit Gerechtigkeit gespeist werden konnte vom Vater, der in seiner Zeit verfolgte, den die Ewigkeit in ihren Schoß nahm.“ Es kommt also alles an ein gutes Ende, aber, ach, erst nach der Drangsal.

Edzard Schaper ist dringend wiederzuentdecken, als einsamer, doch stets dialogischer Geist, der gelernt hat, wie dringend nötig der Mensch Gott hat, als genauer Stilist mit strömender Begabung. Uwe Wolff wird für sich in Anspruch nehmen dürfen, an dieser Renaissance führenden Anteil zu haben.

Uwe Wolff: Der vierte König lebt! Edzard Schaper – Dichter des 20. Jahrhunderts. Aschendorff Verlag, Münster 2021, VIII und 386 Seiten, ISBN: 978-3-402-12055-2, EUR 29,80

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