Berlin

Heinrich Mann führte ein zerrissenes Leben in schwieriger Zeit

Heinrich Mann
Foto: IN | Die Vereinigung von Geist und Macht suchte Heinrich Mann nicht in Traumwelten, sondern im tagtäglichen literarischen und politischen Kampf.

Heinrich Mann ist unser.“ Den Satz sprach Walter Ulbricht, als am 25. März 1961 Heinrich Mann – elf Jahre nach seinem Tod im März 1950 in den Vereinigten Staaten – in ein Grab auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof umgebettet wurde. Allein dieser Satz hat die Rezeption des älteren Bruders von Thomas Mann bis heute nachhaltig beeinträchtigt, ja beschädigt. Der ältere der beiden Mann-Brüder war seitdem im Westen, wo er schon zuvor ohnehin wenig genug wahrgenommen wurde, persona non grata, dem Vergessen preisgegeben. So, wie er schon zu Lebzeiten immer wieder für politische Interessen instrumentalisiert wurde, ging es nach seinem Tod weiter.

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Es spricht einiges dafür, dass Ulbricht mit dem erwähnten Satz eine Wertschätzung heuchelte, die ihm tatsächlich fernlag. Die beiden – Mann und Ulbricht – kannten sich aus der Zeit des französischen Exils, in das Mann 1933 emigrieren musste, um seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten zu entgehen; Mann erlebte Ulbricht als geistlosen Kaderapparatschik und war ihm seit dieser für ihn schmerzlichen Erfahrung in herzlicher Abneigung verbunden. Ulbricht dürfte auch der wesentliche Grund dafür gewesen sein, dass Mann der heftigen Werbung der Ost-Berliner Kommunisten nach 1945 widerstand– trotz vielfacher und außerordentlich verlockender Angebote einer Rückkehr aus dem Exil. Selbst seit Ende 1940 in bitterer Armut in Los Angeles lebend, fiel ihm diese Standhaftigkeit gewiss nicht leicht. Aber trotz seiner großen Sympathie für die Idee des Sozialismus war ihm klar, dass dieser Traum sich nicht umsetzen lasse, wenn Männer wie Ulbricht an der Spitze des Staates stehen.

Vergebens: Suche nach Versöhnung von Geist und Macht

Das Thema seines Lebens war die Versöhnung von Geist und Macht. Dieser Versöhnung galt seine Leidenschaft. Ein ganzes Leben lang suchte er nach Menschen, die diese Vision teilten und bei ihrer Verwirklichung helfen könnten. Er stolperte auf dem Weg dieser Suche von Misserfolg zu Misserfolg, von Niederlage zu Niederlage, von Exil zu Exil. Aufgegeben hat er den Traum bis zu seinem Tod nicht.

Die Stationen und Etappen dieses Lebensweges, der eine fortgesetzte Suche jenseits aller Beschaulichkeit und Selbstzufriedenheit war, schildert Günther Rüther in seiner großartigen Biographie Manns. Auch wenn er bis heute im Schatten seines Bruders Thomas steht, lohnt diese Beschäftigung in jedweder Hinsicht. Denn Heinrichs Leben war so zerrissen und zersplittert wie das Zeitalter, in dem er lebte. Und damit wird er zu ihrem Symbol. Wie Millionen von Menschen, deren Namen heute niemand mehr kennt, wurde sein Leben zermahlen zwischen den Mühlsteinen im Kampf der Weltanschauungen – verbrannt im Feuer jenes Bürgerkrieges, der ganz Europa in Flammen setzte.

In den Abgründen des politischen Kampfes

Heinrich weigerte sich, seine zahllosen Enttäuschungen durch eine Neigung zur Selbstherrlichkeit oder gar Überheblichkeit zu übertünchen und aufzuwiegen. Sein Leben führte er am Puls der Zeit – das Leiden seiner Epoche war das Leiden seiner Existenz. Es schillerte zwischen den Erfahrungen großer Bewunderung, gnadenloser Verfemung und lebensbedrohlicher Verfolgung, im Auf und Ab von großbürgerlichem Wohlstand und bitterer Armut, Friedens- und Kriegszeiten, Siegen und Niederlagen. Er war die moralische Autorität der Weimarer Republik; ja, er war der „Mann der Republik“, ihr intellektueller Repräsentant, ein gefeierter Star und Rhetor, aber zum Lebensende so vergessen wie heimatlos geworden. Und heute? Die Älteren denken vielleicht noch an Marlene Dietrich und Emil Jannings im Film „Der blaue Engel“ – einem Kassenschlager der frühen 30er Jahre – nach Manns Roman „Professor Unrat“. Der Rest an Erinnerung verliert sich im Schatten seines jüngeren Bruders.

Am Ende dieses Lebens, das einer Achterbahn glich, blieb Bedeutendes zurück: „Heinrich Mann hinterließ ein spektakuläres Werk, das in seiner Vielschichtigkeit, seinem Reichtum an Geschichten, Ideen, Originalität, Kreativität, der Kraft seiner Worte und Bilder seinesgleichen in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts sucht. Da es in einem konfliktreichen, zerstörerischen Zeitalter entstand, konnte es nicht frei von Widersprüchen und Verirrungen sein. Zuletzt blieb ihm nur der Traum von einer besseren Welt.“

„Sein Mut, als politischer Publizist in die Niederungen
des Tageskampfes zu steigen, ist bewundernswert.“

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Manns Vision der Versöhnung von Geist und Macht ist eine Utopie; die Suche nach der Verwirklichung dieser Vision führte ihn aber nicht in entlegene Traumwelten; er suchte sie im tagtäglichen – literarischen und politischen – Kampf. „Er passte seine Ideale der rauen Wirklichkeit an, ohne sich zu entblößen“, wollte „die sittlichen Gesetze der geistigen Welt für die Politik fruchtbar machen“. Das musste erfolglos bleiben, ist aber als Vision aller Ehren wert. Und so stürzte sich Heinrich in die Abgründe des politischen Kampfes; Während sein Bruder „Bücher für die ,Ewigkeit‘“ schrieb, nutzte Heinrich die Feder „für den ,Augenblick‘“. Ruhm und Glück sind so nicht zu gewinnen. Aber die Entschlossenheit, trotz aller Aussichtslosigkeit des Unterfangens seiner Überzeugung zu folgen, spiegelt den Charakter eines Menschen, dem es nicht um sich selbst ging. Er freute sich über seine Erfolge. Aber der Erfolg war nicht Richtschnur und Antrieb für seine unermüdliche Arbeit.

Dem älteren der Brüder ging es um mehr. Er zielte auf die Symbiose von Geist und Tat. Das klingt sehr akademisch, und Politiker neigen – damals wie heute – dazu, dieses Ziel als lebensfremd abzutun. Heinrich kannte alle diese Einwände, hielt aber daran fest, dass Politik mehr sein müsse als reiner Pragmatismus um des Machterhaltes willen. Wer in Deutschland so argumentiert, gilt unbesehen als „links“. Ja, Heinrich, geboren 1871, war ungefähr seit der Jahrhundertwende ein „Linker“ – nachdem er zuvor glühender Wilhelminist gewesen war, ein Aristokrat blieb er Zeit seines Lebens. Er irrte sich, wo immer man sich irren konnte – bis zuletzt hielt er an seiner Bewunderung für Lenin fest, von dem er glaubte, ausgerechnet dieser Mann könnte eine Versöhnung von Geist und Macht verkörpern. Die Zahl seiner Irrungen ist Legion. Und trotzdem: Sein Mut, als politischer Publizist in die Niederungen des Tageskampfes zu steigen, ist bewundernswert. Seine Bestimmung der Kunst auch als ein Mittel, soziale und politische Reformen durchzusetzen, mag heute vielen als blauäugig erscheinen. Aber ist sie deshalb abwegig? Heinrich blieb Optimist, bis zum Ende seines Lebens, selbst in seiner Verarmung und tiefer Vereinsamung. Er glaubte an die Kunst, glaubte an das Gute, und hatte die Zuversicht, dass sich das „Gute“ letztendlich durchsetzen werde. Das klänge reichlich platt, wenn man diese Überzeugung loslösen wollte von einem Lebensvollzug, der eine fortgesetzte Kette von Demütigungen, Verfolgungen und Verfemungen war. Und hier zeigt sich eine Größe besonderer Art: nämlich die Größe, in zahlreichen Niederlagen nicht zu verhärmen. Seine Lebenserfahrung hätte Heinrich leicht zum Zyniker machen können. Er war es unterdessen zu keiner Sekunde.

Idealisten leisten den Widerstand

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Sein Leitstern war jener Begriff von „Humanität“, der schon damals – und bis heute – eine gleichsam zivilreligiöse Bedeutung hatte. Nicht gesehen zu haben, dass dieser Begriff dazu nicht taugt, kann man Heinrich nicht zum Vorwurf machen. Seine Blindheit in dieser Hinsicht ist die Blindheit unserer Gegenwart, die immer noch das Wesen des in der Welt einzig missratenen – zu Exzessen der Gewalt, der Erniedrigung und der Zerstörung jederzeit befähigten und geneigten – Geschöpfes zu ihrem Leitstern erklärt. Mann war ein Träumer – der guten Sache; und ob dieses Leben für die gute Sache so folgenlos blieb, wie es heute manchen, die ihn längst vergessen haben, erscheinen mag, ist eine gänzlich offene Frage. Denn sind nicht heute die wenigen erinnerten Opponenten der Machtergreifung durch die Nazis der einzige den Deutschen verbleibende Rettungsanker in der Erinnerung ihrer Geschichte? Zu denen, die widerstanden, zählt Heinrich Mann. Dass er später die Volksfront forderte, mag uns heute nicht gefallen. Aber war das nicht eine durchaus bedenkenswerte Option Mitte der 30er Jahre, als der Aufstieg Hitlers unaufhaltsam voranschritt? Und dass ausgerechnet Ulbricht ihm bei diesen Überlegungen tiefes Misstrauen einflößte, so dass er auch noch nach der deutschen Niederlage dessen Werben widerstand, spricht für einen lebendigen Wirklichkeitssinn, den der „Träumer“ nie verloren hatte.

In seinem letzten Roman „Der Atem“ – erschienen 1949, im Westen wenig beachtet und kaum gelesen, nicht nur deshalb, weil es ein schwieriger Text ist, spricht er von der Hoffnung auf eine neue Zeit, und zeigt große Sympathie für den Kommunismus. „Fremd, einzigartig und fragwürdig“, so notierte Thomas zu diesem Spätwerk seines Bruders in sein Tagebuch. Dabei scheint, dass der Jüngere nie begriffen hat, was den Älteren beseelte. Fremd blieben sich beide bis zuletzt.

Der ihm - eigentlich - gebührende Platz

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Rüthers Buch ist schon deshalb so zu empfehlen, weil es – seinem Gegenstand auch hierin folgend – facetten- und nuancenreich geschrieben ist. Ein Charakter wie der von Heinrich Mann taugt nicht für eine Schwarz-Weiß-Zeichnung. Gerade das aber macht diese Gestalt so erinnerungswürdig. Man kann nur von Herzen hoffen, dass es Rüther, der sich schon früher in bemerkenswerten Beiträgen und zuletzt im Rahmen einer Biographie Kurt Tucholskys („Wir Negativen. Kurt Tucholsky und die Weimarer Republik“, 2018) zum Verhältnis von Geist und Macht geäußert hat, gelingt, diesem bedeutenden deutschen Schriftsteller in der Erinnerung der Heutigen einen ihm gebührenden Platz zuzuweisen. Sich mit seinem Leben zu beschäftigen, heißt, das zu tun, was er selbst als Überschrift seines vorletzten Buches wählte: ein Zeitalter zu besichtigen.


Günther Rüther: Heinrich Mann. Ein politischer Träumer. Biographie, Wiesbaden 2020, Marix Verlag, ISBN 978-3-7374-1156-1, EUR 24,-

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