Rezension

Heimweh nach der wahren Wirklichkeit

Keine theologischen Floskeln. Ein Trappist zeigt, wo in der Welt Hinweise auf Erlösung aufleuchten. Es geht um die Erinnerung.
Engelszell
Foto: Schorle / Wikimedia (CC BY-SA 4.0) | Das herrliche Stift Engelszell, einziges Trappistenkloster im deutschen Sprachraum.

Wie schön, ein Buch in die Hand zu bekommen, das über Gott und den Menschen spricht und keine theologischen Floskeln verwendet. Der Autor Erik Varden, Jahrgang 1974 und gebürtiger Norweger, war Abt des Trappistenklosters Mount Saint Bernard in England und ist seit 2020 Bischof von Trondheim in Norwegen; als solcher hat er kürzlich die Bedenken der Nordischen Bischofskonferenz gegen den deutschen Synodalen Weg unterschrieben.

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Gedenke!

Varden schlägt ein großes Thema an: die Erinnerung. Ein Vorwort, sechs Kapitel und ein Nachwort „In Memoriam“ (des 2013 in Syrien spurlos verschleppten armenisch-katholischen Priesters Michael Kayal) sprechen von der Erinnerung an eine Geschichte, die die Gegenwart lenkt. Sie sind gesammelt unter den Stichwörtern, richtiger sogar unter den Befehlen: „Gedenke!“, dreimal nämlich: …dass du Staub bist; dass du Sklave in Ägypten warst; denke an Lots Frau. Denn aus dem Staub ist der Mensch genommen – aber doch von den göttlichen Händen durchknetet und im Uranfang geformt, ein zweites Mal aber von den Händen Christi neugebildet.

Denke an die Fleischtöpfe Ägyptens, nach denen alle jammern – aber lockt nicht viel mehr der Duft eines unbekannten Festmahls, neben dem die Fleischtöpfe fade riechen? Bedenke das unentschiedene Halb-und-Halb des Lebens – warum dreht man sich immer wieder zur Vergangenheit um, die zerfällt, wenn es doch in die Zukunft geht? Lots Frau erstarrte zur Salzsäule beim Zurückschauen, und so alle mit ihr im Blick auf das schreckliche Sodom und Gomorrha, das hinter ihnen verbrennt. Stattdessen kein Umdrehen und Nachtrauern, sondern rückhaltloses Zulaufen auf den Einen, der aus dem Verbrannten in die Zukunft führt.

 

 

Erinnerung an alles 

Die Befehle zu gedenken gehen weiter: im „Gedächtnis“ an das Herrenmahl; in der „Erinnerung an alles“, wie es der Geist schenkt, denn so ist es zugesagt; und letztlich kommt es zur Warnung: „Hüte dich, zu vergessen.“ Aber entsteht daraus wirklich etwas Neues? Führt solches Gedenken zum Aufstehen aus der alltäglichen Asche? Ja, sagt der Autor: Heute wird das Mahl von dem wahren Herrn zubereitet, heute greift der „Anwalt“ und Tröster nach denen, die ihn bitten. Er ist nicht zu verdrängen, er ist die Stimme der alles begleitenden menschlichen Sehnsucht, er zieht durch Heimweh – wohin?

Sehnsucht ist es, die aus dem üblichen Überdruss herauslockt, in die Herrlichkeit – oder im Alltags-Grau verdämmert – oder in den Selbstmord abstürzen lässt, wie es Varden bei dem jungen Schriftsteller Stig Dagerman schildert … Heute kann man mit der ehemaligen Dirne und Büßerin Maria von Ägypten die Bedrängnis des Fleisches und der Seele abtun. Wie die Altväter-Legende berichtet, leckt ihr am Ende ein Löwe die Füße, das Symbol der überwundenen Sinnlichkeit, und so geschieht es auch denen, die ihr folgen. Hat man das alte Leben hinter sich gelassen, ist es trotzdem nicht einfach verloren – es gewinnt neue, tiefe Farben, wenn man es dann mit den Augen des Freigelassenen betrachtet. Denn dem Nicht-mehr-Sklaven schmeckt die Freiheit ganz anders als dem, der nie in Ketten in der Finsternis saß.

Durch die Welt der Literatur

So gehen die Gedanken des Mönchs und Bischofs Schritt für Schritt durch die bekannte Welt und holen aus ihr Unbekanntes heraus. Biografisch wichtig auf diesen vielen Wegen war die Welt der Musik mit Gustav Mahlers Auferstehungs-Symphonie, die dem areligiösen jungen Erik einst das Herz öffnete. Die Welt der Gemeinheiten taucht auf mit dem Lager Treblinka; aber ein Porträt zeigt die Schweizerin Maiti Girtanner, die ihrem Folterarzt zu verzeihen lernte trotz bleibender Behinderungen.

Es taucht auf die Welt der Literatur quer durch die Zeiten: auch Homer mit dem verlockenden Unterweltfluss Lethe, in dem man alles vergessen kann. Die eher unbekannte Welt der nordischen Dichter Dag Hammarskjöld, Stig Dagerman und Olaf Bull gibt Einblicke in die menschliche Seele, ebenso die russischen Dichter Tolstoi, Anna Achmatowa und Makine sowie der berühmte heilige Starez Seraphim von Sarow am Vorabend der menschenfressenden Revolution von 1917. Auch schildert der Mönch die hochgespannte und anziehende Welt der alten bezwingenden Lehrer Ignatius von Antiochien, Origenes, Athanasius, Johannes Chrysostomus, Bernhard von Clairvaux. Er entfaltet die Benedikt-Regel, an deren zuchtvollen Anleitungen er sich mit Freude schult.

Auf Christus hin gelesen

Als unersättlicher Leser freut er sich an der expressiven Sprachgewalt Paul Claudels und Rainer Maria Rilkes. Zuletzt erscheint die Welt der Erlösung mit der Weisheit der Rabbiner, die Welt Israels, die Welt Christi und seiner Interpreten, die Welt der beiden übervollen Schatztruhen, die sachlich Altes und Neues Testament heißen. So weist das Buch eine große Weite auf – es erinnert an jüdische, agnostische, irritierte, mystische, kaum deutbare, ergreifende Erfahrungen.

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Sie werden auf Christus hin gelesen und münden in ihm. Aus der Weite der Kultur geht es abgründig mit Christus in die Tiefe. Unaufdringlich wird klar, dass der menschliche Staub die göttlichen Finger auf sich spürt, ob er sie so nennt oder nicht. „Was als Verlust erschien, erweist sich als Gewinn; die scheinbare Niederlage offenbart ihr Antlitz als Sieg; angesichts einer Gegenwart, die das Herz in Flammen setzt, schmilzt das Alleinsein weg.“ Schon diese Sprache ist schön.

Das einzige, das kritisch angemerkt sei, ist das Titelbild: Grau in grau steht ein Mensch verloren am Meer, überwölbt von einem dunkel drohenden Himmel.

Genau wie man nordische Einsamkeit assoziiert. Aber eben genau das Gegenteil des Titels. Bei einer zweiten Auflage sollte das geändert werden, denn das Buch ist voll von Helligkeit, wunderbaren und unbekannten Lesefrüchten, unverbraucht im Ausdruck.


Erik Varden: Heimweh nach Herrlichkeit.
Ein Trappist über die Fülle des Lebens; mit einem Vorwort von Erling Kagge,
aus dem Englischen von Bernardin Schellenberger.
Verlag Herder, Freiburg 2021, 6 Abbildungen, 176 Seiten,
ISBN 978-3-451-38688-6, auch als e-book, EUR 18,–

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