Nach dem Lyrikband „Geistgewärtig“ legt der österreichische Theologe Johannes Wais beim Echter Verlag nun einen weiteren Band besonderer Art vor: „zentriert verrückt“ enthält die lyrisch-biografischen Porträts von 15 Männern und 15 Frauen aus dem Heiligenkalender und aus nahezu allen Jahrhunderten der Kirchengeschichte. Strukturell wird dabei jeweils einem Kurztext, der das Leben der Heiligen komprimiert darstellt, ein poetischer Text gegenübergestellt, der Wesentliches verdichtet. Die faszinierende Reibung, die dadurch entsteht, eröffnet aktualisierende Zugänge zu Personen, die durch Idealisierungen und Stereotype als unnahbar und auch wenig spannend erscheinen können.
Der Titel von Johannes Wais’ Band, „zentriert verrückt“, ist Programm: Durch das Einbrechen Gottes in ein scheinbar fest gespurtes Leben und eine Neuausrichtung auf den Höchsten („Zentrierung“) erfolgt ein „Verrücken“ der bisherigen Maßstäbe. Zugleich präsentieren sich die Porträtierten in der Außenwahrnehmung manchmal als „verrückt“ im Rückschluss vom Verhalten auf ihren Geisteszustand.
Das Bild von Heiligen als glattes Ideal, an dem man abrutscht, kann man nach der Beschäftigung mit Johannes Wais’ Band jedenfalls nicht aufrechterhalten. Die ausgewählten Heiligen, die den Leser gleichsam in einem Kalendarium - nach Gedenktagen im Jahresverlauf geordnet, mit ihren Lebensdaten und biografischen Fakten - begleiten, offenbaren sich als Menschen mit enormen Spannungen und Herausforderungen, etwa Mutter Teresa von Kalkutta, bei deren lyrischem Porträt „glaubensbankrott“ Wais die Theodizee-Frage aufklingen lässt. Er verknüpft das zentrale Motiv der Spiritualität Mutter Teresas, die Identifikation der Bettler mit Jesus, mit jener Gottesferne und inneren Dunkelheit, in der die Gründerin der „Missionarinnen der Nächstenliebe“ offenbar viele Jahre gelebt hat: „sein röcheln/ nimmt ihr das wort/aus dem mund …// die glaubensbankrotte frage an gott:// warum hast du uns verlassen?“
Vorbilder auf unserem Weg zu Gott
Der Eindruck eines unangefochtenen Heiligenlebens wird durch „zentriert verrückt“ jedenfalls gründlich korrigiert. Die Heiligen treten uns in Wais’ Kurztexten als Menschen entgegen, denen wir uns vor allem in ihren Kämpfen nahe fühlen können. Jenseits von Stilisierung und Ornamenten können die von Wais ausgewählten 15 heiligen Männer und Frauen für uns das werden, als was die Kirche sie uns vor Augen stellt: Vorbilder auf unserem Weg zu Gott.
Gleichsam in den Spuren von Walter Nigg und Ida Friederike Görres öffnet Johannes Wais mit „zentriert verrückt“ auch neue Dimensionen zeitgenössischen hagiografischen Schreibens. Zentral ist, dass es ihm nicht einfach um Brechung traditioneller Topoi geht, sondern gelingt, sie spielerisch aufzugreifen: So klingt etwa im Gedicht über Franz von Assisi auch die legendenhafte Überlieferung mit, der Heilige hätte die Sprache der Tiere beherrscht, wenn es in der letzten Zeile heißt: „hoch oben/ direkt unter dem dach/ besprechen zwei vögel/ die szene“.
Johannes Wais: „zentriert verrückt. Dreißig lyrisch-biographische Heiligenporträts“, Würzburg: Echter Verlag, 2025, 71 Seiten, EUR 14,90
Die Rezensentin ist Publizistin, Journalistin und Literaturhistorikerin.
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