Literatur

Gottfried Keller: Beinahe kritiklos in den Atheismus geraten

Endlichkeit und Weltfrömmigkeit entfernten ihn vom Glauben – Zum 125. Todestag des Schweizer Schriftstellers Gottfried Keller. Von Gudrun Trausmuth
Gottfried Keller, Schweizer Schriftsteller
Foto: IN

„Augen, meine lieben Fensterlein,/ Gebt mir schon so lange holden Schein,

Lasset freundlich Bild um Bild herein:/ Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu,/ Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh';

Tastend streift sie ab die Wanderschuh',/ Legt sich auch in ihre finst're Truh'.

Wie zwei Sternlein, innerlich zu seh'n,/ Bis sie schwanken und dann auch vergeh'n,

Wie von eines Falters Flügelweh'n./ Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld,

Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;/ Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,

Von dem goldnen Überfluss der Welt!“

Dieses „Abendlied“ (1879) Gottfried Kellers stellt sich in die lange Reihe gleich überschriebener Gedichte, allen voran – und wohl auch unerreicht hinsichtlich Bekanntheit und Tiefe – Matthias Claudius' „Abendlied“. Die Botschaft freilich könnte unterschiedlicher nicht sein: Mündet Claudius' perspektivenreiches Gedicht in ein zuversichtliches Gebet, so schließt Kellers trauriges Abendlied mit der Aufforderung, sich intensiv dem Genuss der Welt hinzugeben. Das Bewusstsein der Endlichkeit und Todesnähe führt nicht zu Besinnung, Einkehr oder wenigstens zu Frage oder Verzweiflung, sondern in einer fast gewaltsamen Wendung zu einem Aufruf zu intensiverer Weltzuwendung. Dieses recht bekannte Gedicht des vor allem als Erzähler bekannt gewordenen Gottfried Keller ist in seiner „Lösung“ der Konfrontation des Menschen mit seiner Sterblichkeit symptomatisch für den Schweizer Dichter: Frömmigkeit als persönliche Beziehung zu Gott wird bei Keller durch Weltfrömmigkeit abgelöst.

Gottfried Keller wurde am 19. Juli 1818 geboren, wenige Jahre vor seiner Schwester Regula, die ihm zeitlebens wohl zentrale Bezugsperson war. Nach dem frühen Tod von Kellers Vater war, nach der Wiederverheiratung seiner Mutter, seine Kindheit geprägt von dem langwierigen Ehescheidungsverfahren, das Kellers Mutter bereits wenige Monate nach ihrer Verehelichung mit dem Werkstattleiter ihres verstorbenen Mannes anstrengte. Traumatisierend für Keller war 1834 der ungerechte Verweis von der Industrieschule, als er infolge einer Verleumdung für den Rädelsführer eines unbedeutenden Schülerstreichs gehalten wurde. Als Berufsziel strebte Keller zunächst eine Laufbahn als Kunstmaler an, ehe er sich dem Schreiben zuwandte und 1846 im Verlag Carl Winter den ersten Gedichtband veröffentlichte. Der spätere Stadtschreiber Zürichs hatte Erfolg mit seinem großen Roman „Der grüne Heinrich“ (erste Fassung 1854/55, zweite Fassung 1879/80) und seiner zweiteiligen Novellensammlung „Die Leute von Seldwyla“ (1853–55 und 1860–75). Die bis heute bekanntesten und mehrfach verfilmten Erzählungen daraus sind „Kleider machen Leute“ und „Romeo und Julia auf dem Dorfe“. Weniger bekannt, aber nicht weniger lesenswert sind Kellers „Zürcher Novellen“, die er 1877 vorlegte, sowie sein Altersroman „Martin Salander“. Keller blieb – ungeachtet mehrerer Heiratsanträge und einer mit dem Selbstmord der Braut tragisch endenden Verlobung, Junggeselle. Gottfried Keller starb vor 125 Jahren am 15. Juli 1890 in Zürich.

Gottfried Kellers entscheidendes weltanschauliches Erlebnis war die Begegnung mit Ludwig Feuerbach im Jahr 1848; durch die Konfrontation mit der Philosophie Feuerbachs wurde die Frage der Religion für Keller in ganz neuer Weise virulent und er erhielt dadurch den entscheidenden Impuls für den Stellenwert der religiösen Frage in seinem Werk. Keller, knapp 30 Jahre alt und als Stipendiat in Heidelberg, hörte dort Vorlesungen Feuerbachs und erlag seiner Philosophie innerhalb kürzester Zeit. Der Keller-Biograph Breitenbruch hat wohl recht, wenn er von einer „fast kritiklosen Begeisterung“ Kellers gegenüber Feuerbach spricht. Auch wenn man bedenkt, dass Keller nun erstmals den ersehnten Zutritt zum Akademischen hatte und in dieser Situation wohl vergleichsweise eindrucksfähiger gewesen sein mag, die Heftigkeit der Überwältigung durch Feuerbach erstaunt dennoch.

Schon im Februar 1849 führt es Keller auf den Einfluss Feuerbachs zurück, wenn er dem Schriftstellerkollegen Eduard Döszekel brieflich ankündigt: „... und so wird es kommen, dass ich in gewissen Dingen verändert zurückkehren werde.“

Deutlicher ist Keller gegenüber dem Komponisten und Freund Wilhelm Baumgartner und bekräftigt in einem Schreiben aus Heidelberg: „Ich werde tabula rasa machen (oder es ist vielmehr schon geschehen) mit allen meinen bisherigen religiösen Vorstellungen, bis ich auf dem Feuerbachischen Niveau bin. Die Welt ist eine Republik, sagt er, und erträgt weder einen absoluten, noch einen konstitutionellen Gott (Rationalisten). Ich kann einstweilen diesem Aufruhr nicht widerstehen. Mein Gott war längst nur eine Art von Präsident oder erstem Konsul, welcher nicht viel Ansehen genoss; ich musste ihn absetzen. Allein ich kann nicht schwören, dass meine Welt sich nicht wieder an einem schönen Morgen ein Reichsoberhaupt wähle. (...) Für mich ist die Hauptfrage die: wird die Welt, wird das Leben prosaischer und gemeiner nach Feuerbach? Bis jetzt muss ich des bestimmtesten antworten: nein! Im Gegenteil, es wird alles klarer, strenger, aber auch glühender und sinnlicher.“ In diesem Brief an Baumgartner stellt Keller das zentrale Repertoire für seine künftige literarische Thematisierung der religiösen Frage zusammen.

Dass die Gottesfrage und die Frage nach der Unsterblichkeit in obigem Brief wie auch im literarischen Kontext jeweils als zusammengehörig und in Kombination erscheinen, sei nur am Rande vermerkt; bemerkenswerter ist, dass Keller die Frage nach Gott jahrzehntelang in ein relativ konstantes Bildmuster bannt: Keller zitiert 1849 gegenüber Baumgartner Feuerbach mit der Aussage „Die Welt ist eine Republik“ und lässt Jukundus Meyenthal im „Verlorenen Lachen“ (1874) gleichermaßen von einer „ungeheuren Republik des Universums“ philosophieren; im Brief wie in der Erzählung wird spekuliert, ob Gott denn als politisches Oberhaupt dieses Gemeinwesens betrachtet werden dürfe; im Brief wird Gott dann scherzhaft mit dem Amt eines „Präsidenten“, „Konsuls“, „Reichsoberhauptes“ in Verbindung gebracht, in der Erzählung darüber gescherzt, ob Gott „Bürgermeister“, „Wahlkönig“ oder „Weltmann“ für jene „Republik des Universums“ sein könne.

Betont Jukundus im „Verlorenen Lachen“ den durch die Auslassung der religiösen Frage neuen Blick: „Aber die gewonnen Stille und Ruhe ist nicht der Tod, sondern das Leben, das fortblüht und leuchtet wie dieser Sonntagsmorgen ...“, so ist auch dieses Motiv im Brief an Baumgartner bereits grundgelegt, wenn Keller unterstreicht, dass seine durch Feuerbach gewonnene Anschauung alles „glühender“ und „sinnlicher“ mache. Auch im Roman „Der grüne Heinrich“ lässt Keller Dortchens Vater, welcher Heinrich die Ablehnung des „Unsterblichkeitsglauben“ durch seine Pflegetochter schildert, von einem Gewinn an Empfindung und Perspektive sprechen: „Wer sagt, dass es ohne Unsterblichkeitsglauben weder Poesie noch Lebensweihe in der Welt gebe, der hätte sie sehen müssen; nicht nur Natur und Leben um sie herum, sondern sie selbst wurde wie verklärt. Das Licht der Sonne schien ihr tausendmal schöner als andern Menschen, das Dasein aller Dinge wurde ihr heilig ...“

Im „Grünen Heinrich“ spricht Keller in einer Anspielung auf Feuerbach von einem „lebenden Philosophen“, welcher „gleich einem Zaubervogel, der in einsamem Busche sitzt, den Gott aus der Brust von Tausenden hinweg sang“ – angesichts der Macht, mit der ihn die Philosophie Feuerbachs in ihren Bann zog und seine persönlichen und literarischen Äußerungen prägte, ist dieses Bild auch für Keller selbst gültig.

In der ersten Zeit nach der Feuerbach-Begegnung war Kellers Haltung von einer großen Nachdrücklichkeit und Härte in der religiösen Frage geprägt. Diese Unbedingtheit ist auch im Gedichtzyklus „Sonnwende und Entsagen“, der Kellers innere Wende thematisiert, vernehmbar, wenn es etwa heißt: „Ich hab an kalten Wintertagen, in dunkler, hoffnungsarmer Zeit, ganz aus dem Sinne dich geschlagen, o Trugbild der Unsterblichkeit.“ Tatsächlich schimmert – wie auch in vorliegendem Brief Kellers aus dem Jahr 1850 – eine gewisse Anstrengung durch, seine neue Weltanschauung zu offenbaren; so drückt Keller die Hoffnung, den Kölner Dom zu besuchen, folgendermaßen aus: „Wir wollen mit Interesse in der wackeren Ruine herumsteigen...“ Gerade derartig heftige Bezeugungen atheistischer Gesinnung lassen an ihrer letzten Gültigkeit zweifeln, auch wenn Keller im selben Brief auf die Frage Freilingraths, wie er denn mit dem lieben Gott stehe, kokett meint: „Gar nicht!“

Kellers „radikale Phase“ ebbt bald ab, und 1951 klingen seine brieflichen Äußerungen in Bezug auf die Gottesfrage schon sehr viel moderater: Er betont dem Komponisten Baumgartner gegenüber die individuelle Dimension der Gottesfrage und deutet an, dass nicht Glaube oder Unglaube entscheidend sei, sondern die Redlichkeit als Mensch. Er beansprucht zwar, dass seine Überzeugung die richtige sei, verwahrt sich aber gegen Intoleranz und plädiert für Respekt der anderen Ansicht gegenüber: „Indessen bin ich weit entfernt, intolerant zu sein und jeden, der an Gott und Unsterblichkeit glaubt, für einen kompletten Esel zu halten.“

Die Betonung der persönlichen Freiheit atmet ganz die Stimmung des zeitgleich entstehenden „Grünen Heinrich“; so verbindet Keller sowohl in obigem Brief als auch im Roman den Glauben an die Endgültigkeit des Todes mit einer Zunahme an Poesie und Verantwortlichkeit: „Wie trivial erscheint mir gegenwärtig die Meinung, dass mit dem Aufgeben der sogenannten religiösen Ideen alle Poesie und erhöhte Stimmung aus der Welt verschwinde! Im Gegenteil! Die Welt ist mir unendlich schöner und tiefer geworden...“ Möglicherweise entspricht die Gelassenheit Dortchens, der liebenswürdigen Vertreterin des Sterblichkeitsglaubens im „Grünen Heinrich“, letztlich der Haltung Kellers zur Gottesfrage am ehesten: „Ach Gott! Es ist ja recht wohl möglich, dass Gott ist, aber was kann ich ärmstes Ding davon wissen?!“ In der zweiten Fassung des Romans von 1879/90 findet sich diese Aussage in einer noch pointierteren Weise: Hier wird die Existenz Gottes als Möglichkeit eingestanden und zugleich augenzwinkernd bereits vorausgesetzt sowie, bezeichnend für Keller, die Aussage durch Verwendung religiöser Sprachmuster fein ironisch verdichtet: „Du lieber Gott, sagt sie, was kann ich ärmstes Ding wissen! Bei Gott ist alles möglich, auch dass er existiert!“

Keller emanzipierte sich im Laufe der Zeit von Feuerbach und einem radikalen Atheismus und gelangte, trotz konstanter Skepsis, zu einer fast launig-offenen Haltung, die den Ton seiner literarischen Auseinandersetzung mit der Gottesfrage zunehmend bestimmte. Dass die religiöse Frage ihn offenbar nicht losließ, macht ihn zu einem interessanten Autor. Dennoch wird aus seinem Werk deutlich, dass Weltfrömmigkeit, willentlich begrenzende, fatalistische Zuwendung zur endlichen Welt, keine Perspektive ist, die bestehen kann und bestehen hilft.

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