Theologie

Georg May: Ein Soldat Christi

Der Mainzer Kirchenrechtler Georg May blickt auf sein Leben zurück.
Georg May
Foto: KNA | Georg May leidet mit der Kirche und scheut das offene Wort nicht.

Einer der großen Kirchenrechtler Deutschlands und zugleich ein scharfer Beobachter der nachkonziliaren Krise, der sich immer wieder mit markanten Beiträgen zu Wort gemeldet hat, ist Georg May. Der nun 96jährige gebürtige Schlesier, der zuletzt in Mainz lehrte, hat Lebenserinnerungen vorgelegt, die präzise und knapp – wie es einem Juristen ziemt – Auskunft geben über die Vita und den jahrzehntelangen Einsatz Mays für die Katholizität der Kirche. Sie erzählen die Geschichte eines Eisenbahner-Kindes aus Liegnitz, der gegen alle Wirrungen und Schicksalsschläge unbeirrt seine Ziele verfolgt und mit enormem Fleiß ein vielgestaltiges Werk vorgelegt hat. Zugleich ist das starke Interesse des Autors für innerkirchliche Vorgänge, sein Mitleiden mit der nach dem Konzil ins Wanken geratenen Kirche, ein Zeugnis für die  „Theologisierung“ des Kirchenrechtes unter Mays Lehrer Klaus Mörsdorf, die die Disziplin vom Rande des Fächer-Kanons in die Mitte theologischen Forschens geholt hat.

Schon nach wenigen Zeilen kommt May auf ein Streitthema – seinerzeit viel diskutiert – zu sprechen, die Bekenntnisschule, für deren Notwendigkeit er eintritt: „Nicht wenige meiner Mitschüler, die aus abständigen Familien stammten, wurden erst durch die Einschulung in die Bekenntnisschule zum Bewusstsein ihrer Konfessionszugehörigkeit gebracht.“ In der jungen Bundesrepublik spielte das Thema noch einmal eine Rolle, was zu einem Streit vor dem Bundesverfassungsgericht und zum Konkordatsurteil von 1957 führte. Es ist klar, wofür May eintrat, wenn auch letztlich vergebens. Seine Haltung dazu ist aber typisch für den Gelehrten: „Es war dies einer der vielen Gegenstände, bei denen ich auf verlorenen Posten gekämpft habe. Dass eine Position von der Mehrheit behauptet wurde, hat mich allerdings niemals von meiner auf Vernunftgründen beruhenden Stellungnahme abgebracht.“ Die Vertreibung aus der Heimat war für Georg May und seine Familie die große Zäsur, sie brachte das Ende auch für die blühenden deutschen Ortskirchen in Schlesien und dem Ermland. Nicht überall hat er sich, auch im Raum der Kirche, bei den Glaubensbrüdern im Westen damals willkommen geheißen gefühlt.

Kritiker der Entklerikalisierung

Die Entscheidung zur Spezialisierung im Kirchenrecht traf für May, ganz klassisch, sein Oberhirte – dem damals ein Priester noch gehorchte. Bemerkenswert ist, wie May das Universitäts-Milieu jener Zeit beschreibt, nämlich als noch durch und durch katholisch: „Alle Lehrveranstaltungen fand ich anregend, bildend und nützlich. [...] Von Lockerungen oder der Auflösung der katholischen Sexualethik war nichts zu spüren.“ Aber es war eben die Zeit vor dem Konzil, das für Georg May die große Wegscheide darstellt. Eine erste Unruhe sieht er mit dem Pontifikat Johannes' XXIII. einsetzen. Der damalige Münchner Mitstudent Joseph Ratzinger „stand diesen Strömungen offener gegenüber. Einige Studenten stuften ihn, gewiss übertrieben, als ,genialen Linkskatholiken‘ ein“. Ratzinger und May bewahrten sich allerdings immer ein gutes Einvernehmen. Für May setzte mit der Nach-Konzils-Zeit ein schrittweises Nachgeben, Aufgeben, Zurückweichen der Kirche auf allen Gebieten ein, das er mit scharfen Worten geißelt. Beispiel: Die Berufung von Nicht-Priestern auf Lehrstühle der Katholischen Fakultät, etwa in Mainz: „Ich fragte mich, ob es eine glückliche Entscheidung sei, jemanden für die Priesterbildung zu gewinnen, der selbst das Ziel des Priestertums aufgegeben hatte. Doch dieses Bedenken wurde hier und bald überall verworfen. Die ,Entklerikalisierung‘ der theologischen Fakultäten schritt voran.“ Auch in Details wandelte man sich: „Löbliche Übungen kamen außer Gebrauch. Die Gewohnheit, sich an den Namenstagen zu besuchen, schlief mit den personellen Veränderungen an der Fakultät ein. Die Fakultät zerfiel als geistliche Einheit.“ Ein Kollege bezeichnete ihm gegenüber ein bis dahin ganz gebräuchliches Lehrbuch der Kirchengeschichte als „zu katholisch“. Diese Dinge sind auch anderen theologischen Lehrern in den turbulenten 60er-Jahren passiert und sie werden darunter gelitten haben wie Georg May. Doch May mahnte, suchte sich zu wehren und hat sich so immerhin den Status des großen Außenseiters erworben – was ihn gar nicht stört.

Zum unbestechlichen Urteil tritt freilich eine Strenge auf allen Gebieten: Dass Priesterseminaristen in der abendlichen Freizeit ein Bier in die Hand nehmen, findet er bedenklich; an den in Mainz unerlässlichen Fastnachtssitzungen nahm er nur mit innerlichem Widerstreben teil. Ob es wirklich notwendig ist, in den eigenen Memoiren Päpste und Bischöfe, unter und mit denen man lebte, einer Beurteilung zu unterziehen – die meist negativ ausfällt – bleibt dahingestellt.

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Nimmermüder Kämpfer

In der Gesamtwertung der Nach-Konzils-Kirche ist May aber zuzustimmen: Er hat es kommen sehen, und so ist es gekommen. Mit Überzeugung kann er sagen: „Für Glauben und Kirche setzte ich mich ein ohne Rücksicht auf meine Person, mein Ansehen und mein Vorankommen. Den Kampf für die Erhaltung der Identität der Kirche mit sich selbst führte ich nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern offen und ungedeckt, nannte Ross und Reiter, begnügte mich nicht mit dunklen Andeutungen.“ Innerlich getragen hat ihn dabei die „alte Messe“, die für Georg May den eigentlichen Gottesdienst darstellt. Er hat sie auch im liberalen Mainzer Klima immer zelebrieren dürfen, wenn auch wohl mit einem gelegentlichen Seufzen seitens der bischöflichen Behörde. Mays gewichtiges Werk „300 Jahre gläubige und ungläubige Theologie“ (3. Auflage 2021), ein resümierender Durchgang durch die gesamte Theologiegeschichte, wird einmal eine wichtige Verständnishilfe für den nachkonziliaren Zusammenbruch eines Großteils der akademischen Theologie sein. Seine Beschwerde, dass das Werk kaum zur Kenntnis genommen worden sei, kann diese Zeitung jedenfalls abwehren, in der es sehr befürwortend besprochen worden ist. Georg May ist ein nimmermüder Kämpfer und dafür sind ihm Lorbeerkränze zu flechten. Er möge sich weiter zu Wort melden. Instanzen wie er, die aufzeigen, wie nackt die „neue Kirche“ dasteht, sind in der nahen Zukunft eher noch wichtiger. Letztlich berührt neben Mays adlerscharfem Blick auch seine Demut: „Insgesamt bin ich weit davon entfernt, mit Genugtuung auf mein Leben und Wirken zurückzublicken. Über mein Ungenügen war ich mir nie im Zweifel.“ Ein Anderer wird vollenden, was notwendig menschliches Stückwerk bleiben muss.


Georg May: Breslau-München-Mainz. Mein Lebensweg. Christiana Verlag, Kisslegg, 2022, 254 Seiten, ISBN 978-3-7171-1352-2, EUR 10,–

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