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Fotoband von Paul McCartney: Ein Wirbelsturm namens „Beatlemania“

"1964: Augen des Sturms" erinnert daran, wie die Beatles vor 60 Jahren die Welt eroberten.
Paul McCartney
Foto: Paul McCartney (© 1963 - 1964 Paul McCartney/Ver)

Der 9. Februar 1964 verändert die Welt, jedenfalls in den USA. 73 Millionen Amerikaner – seinerzeit immerhin ein Drittel der damaligen Bevölkerung der Vereinigten Staaten – sitzen an diesem Tag vor den Fernsehbildschirmen und schauen die „Ed Sullivan Show“, in der vier junge Musiker aus Liverpool in identischen Anzügen und Krawatten sich anschicken, die Herzen nicht nur der Teenager zu erobern: Denn unter den 738 live anwesenden Zuschauern, die das Glück hatten, unter 50.000 Bewerbern ausgewählt zu werden, geraten auch nicht mehr ganz so junge Damen in Ekstase.

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Nur fünf Songs stehen auf der Setlist: „All My Loving“, „Till There Was You“, „She Loves You“, „I Saw Her Standing There“ und die damals aktuelle Nummer-1-Single „I Want to Hold Your Hand“. Und obwohl die Bandmitglieder nett und harmlos aussehen, ist ihr Auftritt etwas Besonderes – sie stehen einfach da und machen Musik, nichts wirkt einstudiert, sondern völlig natürlich und für damalige Verhältnisse gerade ungezügelt. Es sollen noch zwei weitere Auftritte in der „Ed Sullivan Show“ folgen, nach New York kommt Miami und noch einmal New York, doch der erste vom 9. Februar gilt als die Geburtsstunde der amerikanischen „Beatlemania”.

Vier ahnungslose Kulturrevolutionäre

Dass die Beatles im Zentrum der entstehenden Kulturrevolution standen, war den vier Anfang Zwanzigjährigen natürlich nicht bewusst; was sie mit ihrer Musik lostraten, auch nicht – wie Paul McCartney mit Blick auf das Jahr 1964 anmerkt: „Mit Worten lässt sich kaum beschreiben, was uns da widerfahren ist – man muss sich das so vorstellen, als würde jeder Traum in Erfüllung gehen, den man je hatte, vielleicht trifft es das so ungefähr.“ Das begriffen sie erst, als sie kaum noch einen Schritt ohne Bodyguards und polizeiliche Abschirmung machen konnten und sich auf der Bühne untereinander nicht mehr hören konnten – die komplett entfesselten, außer sich kreischenden Fans wurden zur Bedrohung und trugen mit zur Auflösung der Band im Jahr 1970 bei. Doch zunächst war das Leben wild und aufregend, wie der vorliegende Fotoband von Paul McCartney bezeugt. Es ist eigentlich ein Ausstellungskatalog von der National Portrait Gallery in London, die sich der historischen Schnappschüsse angenommen hatte, und ist doch sehr viel mehr.

Paul McCartney, neben dem 1980 ermordeten John Lennon einer der beiden maßgeblichen Komponisten, Texter und Frontmen der Beatles, hatte schon als Junge gerne fotografiert und sich vom ersten Geldsegen eine Pentax Spiegelreflexkamera geleistet. Sie begleitete ihn auf der ersten großen Tournee der Band von Liverpool über London und Paris nach Amerika: New York, Washington D.C. und Miami. Die chronologisch in der Reihenfolge der besuchten Orte angeordneten Fotografien werden von einer einleitenden Zusammenfassung der Ereignisse durch Paul McCartney begleitet. Es sind nur drei Monate - vom Dezember 1963 bis zum Februar 1964 – und doch wird beim Betrachten der spontan geschossenen Fotos deutlich, dass der in so kurzer Zeit zurückgelegte Weg von Liverpool nach Miami Welten umfasst.

Video

Das ist nicht nur geografisch zu verstehen: Die vier Jungs werden in den drei Monaten erwachsen. Sind die Gesichter von Paul McCartney (*1942), John Lennon (1940-1980), George Harrison (1943-2001) und Ringo Starr (*1940) zu Beginn des „Wahnsinns“, der in ihrer Heimatstadt Liverpool begann, noch glatt, neugierig und offen (obwohl sie da ja bereits zwei Jahre in Hamburg-St. Pauli hinter sich hatten), so scheint es am Ende der Tournee, dass sie so langsam den sich abzeichnenden „Ernst der Lage“ begreifen, auch wenn sie offensichtlich nicht wirklich verstehen, warum ausgerechnet sie, die vier Arbeiterkinder aus Englands Norden, mit ihrer Musik weltweit die Jugendlichen in Aufruhr versetzen können. Die Liverpool-Fotos von Paul McCartney zeigen neben den drei anderen Beatles ihren Manager Brian Epstein (1934-1967), Familienangehörige und Vorbereitungen für die Auftritte; im Londoner Kapitel kommen Aufnahmen seiner damaligen Verlobten, der schon berühmten Schauspielerin Jane Asher, hinzu, auch diese völlig unprätentiös beim Haarekämmen vor dem Spiegel, und perspektivisch interessante Fotos von John Lennon, mal mit, mal ohne Brille, die Sängerin Cilla Black bei gemeinsamen Proben.

Ein Beatle knipst zurück

Die drei Wochen Paris mit zwei täglichen Konzerten im Olympia ließen noch Zeit für Cafépausen und ein Treffen mit dem französischen Rockstar Johnny Hallyday, dessen Verlobte Sylvie Vartan im Vorprogramm der Beatles auftrat. Da spiegeln die eher touristischen Fotos die elegante Leichtigkeit der Metropole, die sich ihnen gegenüber zunächst etwas sperrig zeigte. Doch lange hielt die französische Bastion nicht stand – auch sie wurde im Sturm erobert. In Paris hält Paul McCartney zum ersten Mal die auf die Beatles gerichteten Kameras fest, und die Fotografen werden selber zum Objekt.

Amerika, der lang ersehnte Höhepunkt der Tournee, wurde von den Fab Four als extrem aufregend empfunden, und doch wirken sie auf den Fotos entspannt, neugierig und offenbar ohne Angst vor Reportern und deren Fragen. In New York rückten die Fans immer näher, rannten dem Wagen hinterher und versuchten, sich in die Hotelzimmer zu schleichen. Paul McCartney hält den irrwitzigen Massenansturm fest, die berittenen Polizisten, die die Fans zurückhalten, die fotografierenden Journalisten. Er erwischt aber auch stille und nachdenkliche Momente – den schlafenden George Harrison im Flugzeug, Cynthia, die schöne und vertrauensvoll lächelnde Ehefrau von John Lennon, die die Amerikareise begleitete, Fotos der Bandmitglieder im Central Park mit einem lachenden John Lennon im Fokus – 16 Jahre später wird er nicht weit von dieser Stelle erschossen werden.

Aus dem Zug nach Washington, D.C. Blicke auf tief verschneite Bahnstationen, in der Kapitale selber, die noch im Schockzustand nach dem drei Monate zuvor erfolgten Attentat auf John F. Kennedy verharrte, klassische Bilder vom Weißen Haus und dem Kapitol und vom Coliseum, wo sie am Abend ihr einziges Konzert gaben, bevor es am nächsten Tag weiterging nach Miami. Bisher waren alle Fotografien schwarzweiß. Miami war warm, leuchtend gelbe Sonne, knallblauer Himmel, saphirblaues Meer – der Amateurfotograf griff zum Farbfilm, und man kommt in eine völlig andere Welt, näher an der Gegenwart. Eine Woche blieben die Beatles dort, traten in ihrer zweiten Ed Sullivan Show auf und erholten sich am Strand, alle in Badehosen und mit  kurzen weißen Frotteejäckchen bekleidet, die das Hotel bereitstellte. Bereitwillig hingegeben an alles, was diese Welt für sie bereithielt – sie würden es schon bewältigen, das Leben.

Paul McCartney am Strand von Miami
Foto: imago stock&people | 1964 war das Jahr, welches die „Beatles“ endgültig zu begehrten Weltstars machte – wie auch Paul McCartney am Strand von Miami erfahren durfte.

Das Buch ist nicht nur ein historischer Schatz und eine Zeitreise, für uns genauso wie für seinen Schöpfer Paul McCartney: „Die Kraft und die Liebe zu sehen, das Staunen über das, was wir erlebt haben, das diese Fotos einfangen, darum geht es. Das ist es, was das Leben so großartig macht.“ Das Buch ist völlig unsentimental, einzig eine Doppelseite mit den in Miami aufgenommenen Porträts von John Lennon und George Harrison, den beiden verstorbenen Beatles, und dem Satz „Ich liebe und vermisse sie beide“ weist darauf hin, dass der große Musiker beim Sichten seiner jahrelang vergessenen Kontaktabzüge dann doch Emotionen zugelassen hat.

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Er verhilft den Lesern über die Fotos und die klugen Texte zu einem tieferen Verständnis einer Zeit, in der Wunder möglich waren. Vier Jungs aus Liverpool erobern die Welt mit ihrer Musik und vergessen trotz Ruhm und Reichtum nicht, woher sie kommen. Die beiden Überlebenden der Beatles, Paul McCartney und Ringo Starr, haben ihre Bodenständigkeit nie verloren, auch für George Harrison traf das zu. Nicht der einzige Grund, warum Ende vergangenen Jahres die späte Singleveröffentlichung „Now and Then“ auch 60 Jahre nach „Beatlemania“-Beginn erneut die Charts im Sturm erobern konnte.

Nicht nur die Beatles kamen, um zu bleiben

John Lennon ging einen anderen Weg. Man kann nicht wissen, wohin er ihn geführt hätte, seine Lebenszeit wurde zu früh gewaltsam beendet. Die 1966 verkündete blasphemische Aussage zum Christentum, für die er sich später entschuldigt hat, bekommt in heutigen Zeiten eine neue Aktualität, wenn man erlebt, dass Kinder beim Besichtigen einer Kirche ihren Vater fragen, wer der Mann am Kreuz ist: „Das Christentum wird vergehen. Es wird verschwinden und eingehen. (…) Wir sind heute beliebter als Jesus – ich weiß nicht, was zuerst verschwinden wird, der Rock ’n’ Roll oder das Christentum.“

Beides ist noch da. Und wird hoffentlich lange bleiben.


Paul McCartney: „1964: Augen des Sturms“, mit einer Einleitung von Jill Lepore, aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösch. Verlag C.H. Beck, München 2023, 335 Seiten, EUR 49,90

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Gerhild Heyder John F. Kennedy Tourneen

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