Thriller

„Falscher Garten“ von Ute Cohen: Wandeln auf den Spuren des Bösen

„Falscher Garten“: Ute Cohen zeigt in ihrem aktuellen, dritten Roman die grotesken Züge eines Verbrechers.
Grunewald Berlin
Foto: IMAGO/Joko | In einer Villa in Berlin-Grunewald wohnt die Protagonistin von Ute Cohens neuem Roman „Falscher Garten“.

Jeder Mensch ist ein Abgrund“ – heißt es in Georg Büchners Sozial-Klassiker „Woyzeck“. Ein Urteil, das die Journalistin und Autorin Ute Cohen in ihren bisher drei Romanen bestätigt. Auf unterschiedliche literarische Art und Weise. In dem stark autobiographisch gefärbten Debütroman „Satans Spielfeld“ (Septime, 2017) schildert die promovierte Sprachwissenschaftlerin das Schicksal eines katholischen Mädchens in Bayern, das vom Architekten des gar nicht so idyllischen Heimatdorfes angezogen und missbraucht wird und daran fast physisch und psychisch zerschellt.

„Eine sehr katholische, geradezu Danteske Sichtweise ist das,
die bei Ute Cohen trotz ihrer unbestreitbaren literarischen Modernität stets durchschimmert“

Nur die innere Verbundenheit mit dem „Heiligenbildchenblauen“ Himmel lassen diese aufwühlend-unschuldige Wiedergängerin Lolitas, die sich nach Freiheit und entgrenzenden Erlebnissen sehnt, überleben. Die Sexualität erscheint in dem bedrückend-lesenswerten Roman als eine dunkle Macht, als eine Form von Gewalt, Verachtung, Strafe. Das Bewusstsein von Sünde ist allgegenwärtig – doch wer besitzt den Mut einzuschreiten, wenn das Opfer dem Bösen wehrlos ausgeliefert ist?

Auch in „Poor Dogs“ (Septime, 2020), dem Nachfolgewerk, das in der Welt einer internationalen Unternehmensberatung spielt – eine Welt, die der Autorin ebenfalls persönlich vertraut ist – scheint unterm Strich nur das zu zählen, was die Protagonisten materiell erzielen und liefern – ihre eigene sexuelle Verfügbarkeit eingeschlossen. „Die Nacht wurde zum Tag, der Tag zur Nacht! Sie spielten. Er den Masseur, sie die verheiratete Kundin, die sich von ihrem tyrannischen Ehemann erholen musste und sich profane Genüsse wie Cocktails an der Bar erlaubte. Sie spielte so überzeugend, dass er sich fragte, ob sie, Eva, noch Eva war. Er war sich immer und überall treu, ungeachtet der Gefahr, sich im Nirgendwo zu verlieren.“ Es ist das hedonistische Lebensgefühl der 80-er und 90-er Jahre, das Cohen mit lakonischen Dialogen und Sätzen einzufangen versteht. Doch es gibt auch Transzendenzverweise: „Kein Herzproblem, bitte, lieber Gott! Sie ertappte sich dabei, wie sie betete, das Kreuz schlug. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Bitte, lieber Gott, lass ihn nicht krank sein!“

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Sich selbst verloren in der mondänen Welt 

Am Ende des mondän-sinnlichen Thrillers zeigt sich, dass das Protagonisten-Ehepaar (er ein französischer Jude, sie eine deutsche Katholikin) sich selbst verloren hat, wenn es inmitten von Nobelmarken, Hotels und luxuriöser, aber oberflächlicher Weltgewandtheit überhaupt je im realen Leben existiert hat. Durch Liebe verbunden war.

Denn dazu scheint es besonders ihm, André, an Empathie und Tiefgang zu fehlen. „Drei Frauen, drei Funktionen, drei Wege zum Erfolg“ – so einfach und bizarr lautet die in „Poor Dogs“ auftretende Wegweisung zum existenziellen Unglücklichsein. Mordgelüste inklusive. Ein Buch, das den Leser angreift und wie die passende literarische Ergänzung zu Urs Widmers Theaterstück „Top Dogs“ (1996) wirkt. Wobei Cohen ohne zu moralisieren, durch ihren schonungslos realistischen Erzählstil keinen Zweifel daran lässt, dass der Mensch mehr ist als ein Produkt – wenn er es denn will und den gefährlichen Verlockungen nicht auf den Leim geht.

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Hinter der Fassade lauert das männliche Monster

Lernen zu leben und das manchmal ungerechte Spiel der vitalen und destruktiven Kräfte zu verstehen, lehrt die Natur. „Sie ging hinauf ins Wohnzimmer, rückte einen Sessel ans Fenster und ließ ihren Blick hinaus in den Garten schweifen. Verkümmernde Rhododendren verbargen ihre zerbrechlichen Äste unter zusammengerollten Blättern, versuchten einen Rest Feuchtigkeit zu speichern, bäumten sich auf gegen Trockenheit und Tod. Nur das Unkraut schoss aus dem Boden.“ Ein Krimi der grotesk unterhaltsamen Art ist dagegen Ute Cohens aktuelles Werk „Falscher Garten“, den die Autorin nicht ohne Selbstironie als „schwarze Kapriole“ bezeichnet: die Heldin Susa hat Kinder, lebt in Berlin-Grunewald und ist eine ebenso wissbegierige wie Freiheitsliebende Journalistin mit „Punk“-Vergangenheit. Der Mann an ihrer Seite heißt Valverde, ein vorbestrafter Krimineller, der wie eine Karikatur der männlichen Protagonisten in Cohens früheren Werken wirkt.

Es scheint Valverde lediglich um bürgerliche Ruhe und botanische Ordnung zu gehen, doch hinter der Fassade der Harmlosigkeit lauert auch hier ein männliches Monster, das von Susa („Sie war einfach fasziniert vom Bösen, ganz wider Willen“) als solches aber nicht wahrgenommen wird. Wie könnte sie auch ahnen, dass ausgerechnet ihr Partner ein kunstvoll agierender Frauenmörder ist, der mit seinen Taten Akzente der sozialen Gerechtigkeit setzen möchte. Ihre psychologische Spurenwitterung stimmt aber: „Der Typ weiß nicht nur über Kunstgeschichte Bescheid, sondern kennt sich auch mit de Sade aus. Ich könnte mir sogar denken, dass er ein De-Sade-Freak ist. Was nämlich die meisten vergessen, ist, dass de Sade nicht nur ein Faible für grausame Tötungsarten hatte, sondern eben auch ein scharfer Gesellschaftskritiker war.“

Figuren zwischen Gut und Böse

Man merkt der Prosa Ute Cohens, die längere Zeit in Frankreich gelebt hat und weiterhin viel kulturelle Kraft aus Frankreich-Aufenthalten tankt, bei all der überschäumenden Phantastik ihrer Plots an, dass eine poetria docta am Werk ist, welche ihre literarischen Figuren zwischen den Polen von Gut und Böse, Materie und Geist, Alltag und Bildung geschickt zu bewegen versteht. Ohne Scheu vor sprachlicher Brutalität.

Ohne Scheu, die Grenzen von Gut und Böse auch schon mal zu verwischen, denn die Dämonen, so lautet vielleicht die heimliche Botschaft ihrer Werke, lauern überall. Gerade dort, wo das Licht des Erfolgs glänzt und aufgrund des gesellschaftlichen Prestiges unschuldig erscheint. Eine sehr katholische, geradezu Danteske Sichtweise ist das, die bei Ute Cohen trotz ihrer unbestreitbaren literarischen Modernität stets durchschimmert. Man darf deshalb umso gespannter sein auf ihre weiteren Werke – auch wenn sie die literarisch anspruchsvollen Leser durch weitere Kreise der Hölle führen werden.


Ute Cohen: Falscher Garten. Septime Verlag 2022, 186 Seiten, ISBN 978-3-99120-017-8, EUR 22,90

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