Ringen um Wahheit

Es war alles ganz anders als Brecht behauptet

Stück für Stück, Behauptung für Behauptung zerlegt Ingo Langer in seinem Theaterstück „Mikado“ Berthold Brecht und dessen Geschichte "Leben des Galilei". Zentrale Motive werden untersucht und die Brechtsche Fama zurechtgerückt.
Galilei
Foto: Imago / Reimann

Seien wir ehrlich: Die Faszination, die Brecht auf das deutsche Publikum ausübt, war schon immer schwer zu verstehen. Vielleicht handelt es sich hierbei um einen „acquired taste“, vielleicht ein in Schulzeiten entwickeltes Stockholm-Syndrom – kurzum, es ist schwierig, mit Brecht etwas anzufangen: Die ideologische Schlagseite, die verbissene Botschaft und das proletarisch-graue Lebensgefühl mit seinem eklatanten Mangel an Transzendenz wirken letztlich abstoßend. Umso bedrückender ist es, die sakrosankte Bedeutung Brechts als „Klassiker“ konstatieren zu müssen, welche auch nach dem Untergang des real existierenden Sozialismus keinen Abbruch erlitten hat.

Brecht auf eigenem Terrain geschlagen: auf der Bühne

Daher ist Ingo Langner nur Beifall zu zollen, der in seinem Stück „Mikado“ den brillanten Versuch unternommen hat, Brecht nicht nur theoretisch oder biographisch auf den Zahn zu fühlen, sondern ihn auf seinem ureigenen Terrain zu schlagen: der Theaterbühne, und das in mehrfacher Brechung. Denn „Mikado“ handelt von der geplanten Inszenierung eines Theaterstücks, das selbst wiederum eine Variation auf Brechts umstrittenes „Leben des Galilei“ sein soll.

Das Thema ist wohlbekannt: Brecht hat versucht, durch die Umsetzung des Galilei-Prozesses, in dessen Zentrum Galileis Widerruf seiner heliozentrischen Theorie aus Angst vor kirchlicher Repression stand, augenscheinlich eine Parabel auf die schwierige Situation eines jeden Menschen zu liefern, der sich autoritärer Repression gegenübersieht und die Treue zur Wahrheit mit dem Wunsch abzuwägen hat, sich und sein Werk für spätere Zeiten zu konservieren. Es wundert daher nicht, dass das Stück in den allgemein verbreiteten Deutungen einseitig als Verteidigung der Aufklärung gegen kirchlichen „Obskurantismus“ oder rechten Totalitarismus gelesen wird. Wie sehr eine solche (auch vom Autor beförderte) Deutung allerdings in die Irre geht, stellt die wichtigste (wenn auch nicht die einzige) Intention von Langners Stück dar.

„Es ging vielmehr darum, dass Galilei sich erdreistet hatte,
seine Behauptungen als „Wahrheit“ und nicht,
wie von der Kirche empfohlen, als „Hypothesen“ zu kennzeichnen“

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Zum einen dreht die Handlung um die wissenschaftlich schon seit langem bekannte, bezeichnenderweise aber nie zu einem breiteren Publikum durchgedrungene Tatsache, dass der Galilei-Prozess eben nicht zum Inhalt hatte, dass der – ohnehin schon seit der Antike bekannte und auch im Mittelalter immer wieder besprochene – Heliozentrismus dem kirchlichen Dogma widersprochen hätte und daher unterdrückt werden musste. Es ging vielmehr darum, dass Galilei sich erdreistet hatte, seine Behauptungen als „Wahrheit“ und nicht, wie von der Kirche empfohlen, als „Hypothesen“ zu kennzeichnen, und obendrein recht selektiv mit wissenschaftlichen Argumenten vorgegangen war; allen voran durch Unterdrückung des (korrekten) ellipsoiden Umlaufmodells von Brahé zugunsten seines eigenen (falschen) zirkulären Modells und durch die (ebenfalls irrige) Berufung auf die Gezeiten als Beleg für den Heliozentrismus. Langner weiß, wovon er spricht, hat er doch 2006 zusammen mit Walter Brandmüller eine eigene Studie zu diesem Thema verfasst („Der Fall Galilei und andere Irrtümer“). Gerade Galilei eignete sich also nicht als Beispiel für den Kampf von Wahrheit gegen Dogma, und zu zeigen, dass Brecht diese Verzerrung wider besseres Wissen in den Vordergrund stellte, ist einer der großen Verdienste von „Mikado“.

Ein weiterer ist die Tatsache, dass Langner das 1938 geschriebene Stück nicht, wie sonst üblich, als Parabel auf den Nationalsozialismus liest, sondern vielmehr vor dem Hintergrund der zeitgleichen stalinistischen Schauprozesse deutet, in denen der Diktator sich der alten Garde des „wissenschaftlichen“ Kommunismus, allen voran Bucharins, entledigte; eine Entwicklung, zu der Brecht sich bewusst nicht geäußert hat, um seine privilegierten Beziehungen nach Moskau nicht zu verlieren. Das „Leben des Galilei“ wäre daher, wie Langner durch die von seinen Figuren vorgebrachten Verweise auf die einschlägige Literatur zeigt, eine verklausulierte Idealisierung der eigenen Untätigkeit angesichts des stalinistischen Terrors und dazu bestimmt, nach dem Tode des Diktators als triumphaler „Beweis“ seiner moralischen Rechtschaffenheit eingesetzt werden zu können. Freilich, so lässt Langner seine Figuren weiter argumentieren, sei Brecht die Entstalinisierung zuvorgekommen, so dass er nun gezwungen worden sei, das – ohnehin im Hinblick auf den Sündenfall der Wissenschaft durch die Entwicklung der Atombombe bereits in den USA umgeschriebene – Stück noch einmal umzuarbeiten, um nicht das heroische Dulden des Galilei, sondern vielmehr dessen Selbstanklage ins Zentrum zu stellen.

Sexuelle Ausbeutung und die Linken

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Dass diese kritische Umdeutung Brechts wenig Sympathie seitens eines zunehmend links eingestellten Zeitgeists erfahren muss, ist das dritte Thema des Stücks, das in weiten Teilen gerade der unmöglichen Umsetzbarkeit der ursprünglichen Planung gewidmet ist und bezeichnenderweise damit endet, dass der Theatersaal vor der Aufführung von einer Bombe zerstört wird. Ob eine der beiden weiblichen Nebenrollen des Stücks, Eva Mann und Anna Rose, die eine „offene“ homosexuelle Beziehung miteinander pflegen und gegen Ende die titelgebende Mikado-Partie spielen, hierfür verantwortlich ist, vielleicht gar unter Manipulation des Regieassistenten Polgar, der von seinen Kolleginnen zum Beta-Männchen degradiert worden ist?

Dies leitet zum vierten Leitmotiv über, nämlich der hochproblematischen Haltung der politischen Linken gegenüber sexueller Ausbeutung. Einerseits ist es diesem Milieu durchaus zu eigen, über den Missbrauch von Macht hinwegzusehen, wenn dies, wie bei Brecht, der seine Mitarbeiterinnen literarisch wie körperlich schonungslos objektivierte, der „guten Sache“ diente; andererseits wird eben jenes Thema, wie in der „Me-too“-Debatte, immer dann geschickt eingesetzt, wenn es der Stärkung des eigenen gesellschaftspolitischen Agenden dient.

Der wahre Richter sitzt nicht im Publikum

So wird auch rasch klar, dass die von Langner mit einem ganzen Sperrfeuer ebenso kluger wie unterhaltsamer intertextueller Referenzen auf Brecht und viele weitere Texte behandelte Frage nach der indirekten Mitschuld Brechts an der Akzeptanz der stalinistischen Gräuel und seiner opportunistischen Versuche, diese durch den „Galilei“ zu verschleiern, keineswegs akademischer Art ist, stellt sie sich doch heute erneut und mehr denn je. Auch die Gegenwart erlebt eine zunehmende ideologische Verengung der gesellschaftlichen Sphäre, deren ideologische Zielsetzung bedenkliche Züge annimmt: Bedeutet Schweigen da nicht ebenfalls Zustimmung? Zumindest Ingo Langner hat es gewagt, kompromisslos zur Feder zu greifen. Ob sein ebenso nachdenkliches wie gewitztes Stück größere Chancen besitzt, an deutschen Bühnen aufgeführt zu werden, als das „Stück im Stück“, von dem er schreibt – muss zweifelhaft bleiben. Die an den Schlüsselstellen eingefügten Dialoge zwischen Brecht und Galilei im Jenseits – deren Marionettenform auf den Urfaust und die Ursprünge des Theaters verweisen – zeigen jedenfalls neben viel doppelbödiger Ironie und Selbstkritik der beiden heimlichen Protagonisten des Stücks, dass der wahre Richter nicht im Publikum sitzt – sondern ganz, ganz oben.


Ingo Langner: Mikado. Eine Tragikomödie zwischen Himmel und Hölle. Patrimonium Verlag 2020, 98 Seiten, ISBN-13: 978-386417-140-6, EUR 9,90

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