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Es ist das Osterlachen, das den Teufel vertreibt

Thomas Freller liefert eine lesenswerte Studie zum Exorzismus im 18. Jahrhundert.
Abtei Monte Oliveto
Foto: H.Tschanz-Hofmann via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Benedikt treibt einem Besessenen den Teufel aus. Freskenzyklus von Luca Signorelli und Giovanni Antonio Bazzi, genannt Sodoma, im Kreuzgang der Abtei Monte Oliveto in der Toskana.

Warum ist es am Ambo so still geworden, wenn biblische Texte mit dem Widersacher Jesu zur Predigt anstehen? In der Taufe, der ersten Heiligen Kommunion, der Firmung und in der Tauferneuerung der Osternacht schwören Katholiken dem Teufel ab. Wer aber ist dieser Geist, der stets verneint? Person oder Personifikation? Noch haben die meisten Bistümer einen eigenen Exorzisten. Doch wie wäre er im Fall der Fälle zu erreichen? Im Bistum Chur wurde das Amt des Exorzisten abgeschafft. Bischof Joseph Maria Bonnemain erklärte, für angebliche Besessenheiten gebe es medizinische, psychologische und psychotherapeutische Lösungen.

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Gibt es noch Priester, die ernsthaft mit dem Widersacher Jesu und der Apostel rechnen und die dem Herrn in seinem Befreiungswerk folgen? In den Bistümern herrscht ein anderer Trend. Exorzisten treiben den Teufel durch Leugnung seiner Existenz aus. Zu viel Unheil ist geschehen, zu viel Verwirrung entstand etwa durch den mit bischöflicher Genehmigung durchgeführten Exorzismus in Klingenberg. Der Fall Anneliese Michel endete 1976 wie ein Vorspiel des Deutschen Herbstes und Gleichnis der Zeit mit tödlichem Ausgang. Warum haben sich die Bischöfe bis heute über diesen besonderen Fall von geistlichem Missbrauch  ausgeschwiegen?

Öffentlicher Exorzismus

Jenseits der politischen Rhetorik und ihrer Metaphern hält sich die Kirche in der Teufelsfrage zu Recht bedeckt und überlässt vorerst Psychotherapeuten und selbsternannten Heilern das sehr weite Feld echter und eingebildeter Besessenheiten.  Die aktuellen „Normen für das Verfahren zur Beurteilung mutmaßlicher übernatürlicher Phänomene“ des Vatikans vom 17. Mai 2024 klammern daher die Frage der Besessenheit aus.

Von der Arbeit eines Exorzisten alter Schule berichtet Thomas Freller in seiner lesenswerten biografischen Studie „Der Exorzist, sein Jäger und die Schatten der Aufklärung“. Sie führt in die Zeit, da Goethe „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) veröffentlicht und an seinem „Urfaust“, der Geschichte eines verhängnisvollen Teufelspaktes, arbeitet. Werther entstammt einem pietistischen Milieu. Es kennt die Besessenheit und die befreiende Kraft des Gebetes, aber nicht die Vollmacht des katholischen Priesters. Thomas Freller erzählt anhand der Quellen die Geschichte des Exorzisten Johann Joseph Gaßner und seines Gegenspielers Ferdinand Sterzinger. Gaßner gehörte zu den bedeutenden Exorzisten seiner Zeit. Seine Sitzungen waren ein öffentliches Ereignis.

Gaßner unterschied drei Arten der Besessenheit in gradueller Abstufung: „nämlich umgeführte (circumfessi), bezauberte (obsessi) und besessene (possessi) Menschen. Ob nun eine Krankheit natürlich seye, oder ob dieselbe ein Spuk des bösen Geistes wäre, offenbare sich bei dem Exorcismus, bei der Beschwörung des Kranken im Namen Jesu, des Seligmachers und Welterlösers.“ Zeigte der Probeexorzismus keine Wirkung, fühlte sich Gaßner für die weitere Behandlung des Menschen nicht zuständig. Die Krankheit oder Beschwerde hatte eine natürliche Ursache, für deren Behandlung der Arzt zuständig war. Psychische Krankheiten oder politische Besessenheiten fallen ebenso wenig in den Bereich der priesterlichen Amtsausübung. Besessensein kann nur der Gläubige, wusste Gaßner. Für unmündige Kinder und Jugendliche, Gaukler und Geisteskranke sah er sich nicht zuständig.

Vollmacht der Apostel 

Der Exorzismus ist auch eine Demonstration der Vollmacht, in der Jesus und in seiner Nachfolge die Apostel und die Kirche den Kampf gegen den Widersacher führen. Gott hatte die Schöpfung in allem sehr gut gemacht und dennoch war in ihr jener Riss entstanden, durch den das Böse in die Welt kam und das Herz des Menschen von Jugend auf beherrschte wie die biblische Urgeschichte ausführt. Ob Sündenfall oder Engelsturz, die letzten Fragen nach dem Ursprung des Bösen bleiben ein unergründliches Geheimnis. Warum lässt Gott das Böse überhaupt zu? Warum lichten sich die Reihen der Gläubigen? Geschieht es aus Langmut? Sollen die Menschen versucht werden, damit sich die Spreu des Glaubens vom Weizen des Unglaubens in der Kirche trennte? Sollen die Erwählten und der „heilige Rest“ wachsen in Geduld und Demut?

Der Exorzist handelt als Priester und nicht als Professor der Theologie. Er versteht sich als Praktiker wie Jesus, der ohne ausgefeiltes Ritual allein in Vollmacht und vor aller Öffentlichkeit in den Synagogen und bei den römischen Schweineherden von Gerasa allein durch das Wort die Dämonen austrieb. Thomas Freller ist tief in die Archive gestiegen und hat eine Fülle von Dokumenten gefunden, die Auskunft über Gaßners öffentlichen Sitzungen geben. Wenn man die im Internet zugänglichen gruseligen Tonbandaufnahmen des „Fall Michel“ kennt, verwundern die wiederholten Berichte über die Heiterkeit von Gaßners Publikum. Offenbar hatte Gaßner Elemente des Jesuitentheaters übernommen.

Magnetische Behandlung

Die klugen Mitglieder des Ordens des heiligen Ignatius wussten, dass permanente Anspannung nicht zur Entspannung führt. Schon das spektakuläre Ende der Austreibung in Gerasa endete in einem wahrhaften Spektakel: Die von Jesus ausgetriebenen Dämonen fuhren in eine riesige Schweineherde und stürzten sich in den Abgrund. Dort ist der Teufel zu Hause. Eine von Thomas Freller entdeckte Quelle berichtet: „Die Kapelle, wo die Patienten meistens vorgenommen wurden, wurde oft so sehr von schallendem Gelächter erfüllt, dass man sie eher für ein Komödienhaus oder für die Bude eines Zahnbrechers hätte halten sollen, wo einem die lustigste Farce vorgestellt würde.“

Der Exorzist handelt nicht aus eigener Kraft, sondern in Vollmacht Gottes. Nur aus dieser himmlischen Perspektive wirken sämtliche Dämonien dieser Welt als lächerliche Anmaßung von Macht. Es ist das Osterlachen, das den Teufel vertreibt. Priester wie Gaßner bildeten keine Schule und hatten keinen Nachfolger. Sie sind wie der Pfarrer von Ars große Einzelne mit einem vielleicht noch größeren Talent für Suggestion und Hypnose. Wie jeder Mensch hat der Einzelne seine Zeit. Dann kommen andere wie der katholische Aufklärer Ferdinand Sterzinger oder der Entdecker des „tierischen Magnetismus“ Franz Anton Mesmer.

Mesmer glaubte an die Macht des Heilers, aber er löste sie aus dem biblischen Kontext. Krankheit führte er auf eine Störung der Harmonie von Körper und Seele zurück. Er glaubte, „dass entweder eine magnetische, oder elektrische, oder sympathetische Kraft die Wirkung hervorbringe. Gott tut es nicht, der Teufel kann es nicht, also tut es die Natur.“ Von Pater Maximilian Hell ließ sich Mesmer für seine Behandlungen einen künstlichen Stahlmagneten herstellen. Der berühmte Leiter der Wiener Sternwarte hatte 1769 im norwegischen Vardø den Venustransit beobachtet und auf dem Hintergrund seiner Messungen den Abstand der Sonne zur Erde berechnet. Bald stellte sich heraus, dass Magneten nicht die ihnen zugeschriebene Heilkraft hatten. Der Magnetismus war in diesem therapeutischen Falle keine physikalische Größe, sondern eine Metapher.

Befugnisse und Grenzen

Jede Zeit hat ihre eigenen Metaphern für ihre Obsessionen und Illusionen. Wir leben auch als Kirche in einer Zeit des Umbruchs. In ihr sind große Lösungen nicht in Sicht. Thomas Frellers historische Studie „beabsichtigt nicht, sich an der gerade unter Papst Johannes II. intensiver und auch heute noch geführten Diskussion um die Befugnisse und Grenzen der priesterlichen Gewalt zur Durchführung von Exorzismen bzw. der Teufelsaustreibung zu beteiligen.“ Gerade dieser unaufgeregte Blick weist einen Weg aus der Krise der Kirche der Gegenwart. Jetzt ist nicht die Zeit immer neuer Aufschwünge auf den rasenden Zug des Zeitgeistes, jetzt ist die Zeit der Besinnung auf das zur Überlieferung Anvertraute.

Dazu gehört auch die in jeder Messe wiederholte Bitte nach der Erlösung vom Bösen, der ja der Teufel ist und den Teufel als Urheber hat. Auf den großen Bildern des Weltgerichtes sitzen die Erlösten zur Rechten. Der Teufel und die Seinen sitzen links. Auch diese Symbolik will wieder wahrgenommen werden. Die abschließende „Scheidung der Geister“ sollte in der christlichen Berufung und Befähigung zur „Unterscheidung der Geister“ vorbereitet werden.


Thomas Freller: Der Exorzist, sein Jäger und die Schatten der Aufklärung. Johann Joseph Gaßner und Ferdinand Sterzinger. 334 Seiten, Paperback. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2024. 29,80 Euro.

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