Würzburg

„Es gibt kein Vergessen“

Rückblick auf eine Kindheit voller Ideologien: Böhmische Notizen aus dem Nachlass von Barbara König.
Liberec Town Hall in the Czech Republic
Foto: Adobe Stock | Das Lebensgefühl der Stadt ist geblieben: Buchautorin Barbara König wurde 1925 in Reichenberg, dem heutigen Liberec, in Böhmen geboren.

Zu Literatur geformt, gewinnt Geschichte oft die Leuchtkraft eines Kristalls, der weißes Licht bricht und in ein funkelndes Farbenspiel verwandelt. Eine solche Rückführung von objektiven Tatsachen auf subjektive Wirklichkeit gelingt ausnehmend gut Barbara König in ihren jetzt als Buch erschienenen „Böhmischen Notizen“.

König, eine Schriftstellerin von Rang, verwandelt journalistische Beobachtung in literarische Glanzlichter. Den Schlüssel zum tieferen Verständnis dieser Literarisierung des Historischen liefert König selbst, wenn sie schreibt: „Mir schien – und scheint noch –, dass es keine Vergangenheit gibt und dass Vergessen nichts ist als eine Stelle vorübergehend gelöschter Gegenwart.“ Jede Erinnerung ist im Menschen bleibende Gegenwart; und gerät eine Erinnerung scheinbar in Vergessenheit, kann sie sofort wieder lebendig werden; Anlässe einer solchen Rückkehr des Vergangenen in die Gegenwärtigkeit des Erlebens sind Begegnungen, Gespräche, Besuche, eine Empfindung, Reisen, ein Lied, der vertraute Tonfall einer Stimme. Plötzlich ist, was längst vergessen schien, mit aller Macht wieder zum Erlebnisraum im Jetzt geworden. Man muss nach der verlorenen Zeit gar nicht suchen; sie meldet sich von selbst zurück und umfängt einen Menschen mit Eindrücken und Gefühlen, die nichts von ihrer ursprünglichen Leuchtkraft eingebüßt haben.

"Gegenwart.“ Jede Erinnerung ist im Menschen bleibende Gegenwart;
und gerät eine Erinnerung scheinbar in Vergessenheit,
kann sie sofort wieder lebendig werden"

Wer alles das selbst erleben will, der greife zu den „Böhmischen Notizen“. In 32 Miniaturen vergegenwärtigt König ihre Jugendjahre. Das sind – König wurde 1925 in Reichenberg, dem heutigen Liberec, in Böhmen, dem heutigen Tschechien, geboren und flüchtete im Juli 1945, unmittelbar nach Kriegsende, in den Westen – zwei Jahrzehnte, von denen man im Rückblick sagen kann: Es waren lebensprägende Jahrzehnte. Königs Eltern wurden noch als k.u.k-Österreicher geboren. „Und kaum hatte ich“, so schreibt sie über sich selbst, „das Gymnasium verlassen, da machte ich schon meine nationalen Erfahrungen: Die Deutschen – unter Hitler – sperrten mich ein, die Tschechen – nach Kriegsende – warfen mich hinaus … Damals beschloss ich, nie mehr mit Völkern, nur noch mit Einzelnen umzugehen. Ich habe es nicht bereut.“ Königs Miniaturen, in zarten Pinselstrichen und meist pastellfarben gemalt, in unaufgeregter, dafür umso eindringlicherer Sprache geschrieben, stellen Menschen, Begegnungen und Landschaften in den Mittelpunkt; sie erzählen in einem sanften Ton, manchmal fast flüsternd, und verzichten auf alle grobschlächtigen Hinweise zu einer politischen Interpretation von Großereignissen; die Autorin nimmt Abstand von Verurteilungen und verrechnet nicht die Schuld der einen mit der Schuld der anderen. Königs Miniaturen aber sagen mehr über Zeit und Lebensumstände, als alle Datenbanken es je tun könnten. Und der tonus rectus dieser Miniaturen findet sich in der Überschrift gleich der ersten, mit der die Schriftstellerin ihre Sammlung eröffnet: „Böhmen ist schön“, heißt es da. Wie recht sie damit hat. Das Land in Europas Mitte verbindet slawische mit germanischer Kultur, zeigt auch heute noch den milden Abglanz der k.u.k. Monarchie, liegt im Schnittpunkt der alten Nord-Süd- wie West-Ost-Handelsstraßen, kam selten zur Ruhe, aber immer wieder auf die Beine: eine Landschaft, die über die Jahrhunderte selbst zur Miniatur europäischer Kriegs- und Friedensgeschichte geworden ist.

Böhmen: "Eine Landschaft,
die über die Jahrhunderte selbst zur Miniatur
europäischer Kriegs- und Friedensgeschichte geworden ist.

Der Reiz dieses Buches liegt auch darin, dass es mehrere Zeitebenen miteinander verschränkt: die Herkünfte der Vorfahren und der Eltern – Böhmen, Ungarn, Deutschland und Österreich –, die Jugendzeit der Autorin, ihre Flucht aus der Heimat; sodann die seltenen Besuche zwischen 1945 und 1989 sowie schließlich die häufigeren Reisen – auch Lesereisen – in die Heimat nach dem Fall der Mauer – eingeschlossen das Treffen der Gruppe 47, der sie angehörte, im Jahr 1990 in DobøiŸ, wo eine Begegnung mit dem unvergessenen, großartigen, klugen Václav Havel, der ja selbst Schriftsteller war, stattfand. In der letzten Phase spiegeln sich in den Eindrücken aus dem postkommunistischen Land nicht nur die der Jugendzeit vor 1945, sondern auch die Erinnerungen an Reisen vor dem Mauerfall: Es zeigen sich Unterschiede, die größer kaum sein könnten, die aber das eigenständig Böhmische der Menschen und Landschaften nicht haben auslöschen oder auch nur verwässern können: Böhmen ist schön! Böhmen: Das ist längst nicht nur eine Geographie, sondern zunächst und vor allem eine Kultur, ein Lebensgefühl, das stets changiert zwischen Melancholie und Humor, zwischen anlassloser Traurigkeit und gelöster Heiterkeit, zwischen Aufruhr und Gelassenheit. Zu den vielen Verdiensten des Germanisten, Kritikers und Kulturmanagers Bernd Goldmann, zuletzt tätig als Gründungsdirektor des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg, gehört es, posthum diese Sammlung von Miniaturen in Buchform dem Leser zugänglich gemacht zu haben.

Erinnerung an Krieg und Gewalt

Goldmann war der Verfasserin, die 2011 starb, über Jahrzehnte eng verbunden. In seinem gleichermaßen kenntnisreichen wie erhellenden Nachwort schildert Goldmann, wie König von der Frage gequält wurde, ob man – wie im vorliegenden Fall geschehen – Erinnerungen an Krieg und Gewalt „ohne Kritik und Hass“ schreiben kann. „Sie suchte als Journalistin, die Wahrheit zu erfassen und zu formulieren. Daher gab sie sich selbst die Antwort: ,So habe ich es eben erfahren‘.“

Die Frau, die das zu Protokoll gibt, schrieb Hörspiele, Erzählungen, Essays und Romane. Sie arbeitete an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur und hat es – nicht nur – in dieser Hinsicht zu großer Meisterschaft gebracht. Vielfach ausgezeichnet, mit Preisen bedacht und international agierend, kehrt sie mit dem hier besprochenen Buch, dessen Anordnung noch von ihr selbst vorgenommen worden war, zu ihren Wurzeln zurück. Das ist im doppelten Sinne zu verstehen: Es ist eine autobiographische Rückkehr in das Leben der Kindheit, aber ebenso eine Rückkehr in jene schreckliche Zeit der Totalitarismen, Diktaturen und Ideologien, die uns Europäer immer wieder einholt. Und so schließt König den Reigen ihrer Miniaturen, die immer auch als Reflexionen zu lesen sind, mit einem sehr persönlichen, beeindruckenden Bekenntnis: Mir ist „völlig gleichgültig, wie sich die Schuld verteilt und wer vielleicht damit“ – gemeint sind Schrecknisse und Erschütterungen im Jahrhundert der Gewalt – „angefangen hat. Doch was mir ganz und gar nicht gleichgültig ist: die Tatsache, dass all dieses überhaupt geschehen konnte.“

Barbara König: Mein schönes, grausames Märchen. Böhmische Notizen, hrsg. von Bernd Goldmann. Be&Be Verlag, Heiligenkreuz 2020, ISBN 978-3-903118-28-7, EUR 19,90

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