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Erwachsenwerden

„Coming-of-Age“-Romane gibt es zuhauf. Doch Stefan Meetschen weiß seiner Geschichte einer Initiation eine besondere Note zu geben, auch weil er dem Glauben Raum verschafft.
Mädchen mit Perlenohrring
Foto: Wikimedia Commons | Die Angebetete des Protagonisten ruft Assoziationen zu Jan Vermeers „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ (circa 1665) wach.

Je ne sais pas“ („Ich weiß nicht“) heißt ein Chanson, das der französische Poet Jacques Brel Ende der Fünfzigerjahre schrieb. Es ist ein melancholisches, aber auch seltsam glückverheißendes Lied, das von Vergänglichkeit und Ewigkeit, existenzieller Ungewissheit und dem Verlust der Illusionen erzählt. Natürlich klingt darin in jedem Vers die Liebe hindurch, dieses mächtige Gefühl, das uns in Abgründe zu stürzen, aber auch der profanen Wirklichkeit zu entheben weiß. „Je ne sais pas“ ist auch die Tonspur des neuen Romans von Stefan Meetschen. Es ist ein Nachhall der Jugend, der sich in einen sphärischen Klang wandelt, anstatt zu verklingen. „Das Mädchen in Blau“ wird zu einer Chiffre für jugendliche Sehnsucht und die rare Empfindsamkeit, in der Welt mehr zu erkennen als Macht und Materie.

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Im Zentrum des Buches steht der Abiturient Mattes, der sich zwischen Ferienjobs und ersten Tändeleien durch das Leben hangelt. Ein Schwanken und Schwirren, das jedem vertraut sein dürfte, der die stürmischen Höhen der Jugend überwunden hat. Besonders an Meetschens Protagonisten ist jedoch, dass er sich mit dem Offensichtlichen nicht begnügt und hinter die Kulissen der profanen Welt zu blicken versucht. Ein wahres Erweckungserlebnis hat er, als er mit seinem Schulfreund im ersten Sommer nach der Reifeprüfung an die Côte d’Azur reist. Ein Mädchen im blauen Badeanzug ist es, das ihn verzückt. Mehr als körperliche Anziehungskraft bedeutet es, Schlüssel zur Welt ist es ihm und Tor zu einer ungekannten Sinnlichkeit.

Der Autor spielt mit der Vorstellungskraft seiner Leser, indem er die holländische Herkunft der Angebeteten erwähnt und Bilder der niederländischen Maler aufscheinen lässt. Johannes Vermeers ikonisches Bild „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ und blau-gelbem Kopfputz taucht dabei vor dem inneren Auge auf. Der Maler war berühmt für das kostbare Pigment Ultramarinblau, das aus Lapislazuli angefertigt wurde. Es ermöglichte einen lichtdurchfluteten und doch kraftvollen Blauton von spiritueller Intensität, der auch in Meetschens Beschreibungen sichtbar wird: „Etwas an ihr zog ihn sofort an: Hoheit, Stolz – aber auch Entrücktheit, als hätte ein präraffaelitischer Maler sie aus einer anderen Epoche hierher versetzt.“ Einer Erscheinung kommt dieses Bildnis gleich: „Der sonnenumkränzte Körper im blauen Badeanzug (…) Seine Epiphanie, wie er es ironisch nannte.“

Nicht nur eine Einweihung in die Welt

Es ist diese bei aller Sinnlichkeit, bei allem jugendlichen Ungestüm unschuldige Verehrung, die das Buch aus dem Meer sogenannter „Coming-of-Age“-Romane heraushebt. Nicht ohne Grund trägt es den Untertitel „Roman einer Initiation“. Über das Erwachsenwerden, erste sexuelle Erfahrungen und die unweigerliche Konfrontation mit einer rüden, entzauberten Welt reicht Meetschens Buch hinaus. Es ist ein Initiationsroman im französischen Sinne, der Initiation nicht nur soziologisch oder als kulturellen Ritus begreift, sondern als symbolische und existenzielle Schwellenerfahrung. Mit dem Verlust der Unschuld geht nicht nur eine Einweihung in die Welt, sondern auch die Ahnung einer dahinterliegenden Kraft und Größe einher.

Als Kompass in dieser Beschreibung jugendlicher Irrungen und Wirrungen dient kontinuierlich Jacques Brels Lied, das den „großen Jahrmarkt der Illusionen“ besingt und entlarvt. Dies geschieht in einer klaren Beschreibung der Provinzenge, des kosmopolitischen Glamours an der Côte d’Azur, der Verlockung durch Drogen und politische Odysseen. Unter dem Stern einer imaginierten rettenden Liebe entfaltet Meetschen ein historisches Panorama, das die Zeit der Wiedervereinigung aus der Perspektive eines jugendlichen Schwärmers und Propheten erkennen lässt. Während des Wehrdienstes wird Mattes sowohl die Überforderung des Westens als auch des Ostens bewusst, seine Verwobenheit in diese Auseinandersetzung wider Willen, allein ob der Zugehörigkeit zu diesem Stamm: „Deutschland. Duitsland. Germany. Allemagne. Wie immer man dieses Land nennen wollte, nennen musste.“ 

Zwischen Zugehörigkeit und Entschweben bewegt sich Mattes, der auch im Glauben diese Suchbewegung vollzieht. Historische Fakten und naturwissenschaftliche Grenzen verdeutlichen dem jungen Abenteurer die Sinnhaftigkeit seiner eigenen spirituellen Suche: „Ich glaube, dass wir im Westen gerade an einem Wendepunkt stehen (…) Wenn wir durch das Mikroskop in die tiefsten Strukturen schauen, öffnen wir zugleich eine Tür in eine andere Dimension. Dort zeigt sich, dass das Universum nicht aus harten Bausteinen besteht, und dass zwischen ihnen kein Nichts herrscht. Was wir dort finden, ist eine Kraft. Etwas, das man gerne als Magie abtut.“

Die Entdeckung der Quantenphysik festigt wider Erwarten Mattes’ Glauben, anstatt ihn anzufechten. Die Grenze zwischen einer Wiederverzauberung der Welt und dem Verständnis ihres Funktionierens zerfließt. Diese Einsicht macht Mattes immun sowohl gegen die protestantischen Weltzerleger seiner studentischen Wohngemeinschaft als auch gegen die Reduktion von Sexualität auf bloße Mechanik. Meetschen gelingt es, Direktheit und Deutlichkeit im Schreiben über Sexualität zu verbinden mit einer starken spirituellen Assoziationslust. Die Notwendigkeit einer Beschneidung aus physischen Gründen wird für Mattes Ausgangspunkt für religiöse Überlegungen. Die „Beschneidung am Herzen“ (Kolosser 3) wird zum Gnadenmoment. Es ist die christlich-jüdische Verbindung, die nicht nur in diesem Punkt erkennbar wird. Jüdische Initiatoren in eine christlich-jüdische Geisteswelt markieren Mattes’ Entwicklungspfad.

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Meetschens Roman ist auch eine Initiation für historisch weniger bewanderte Leser in unideologisches Schreiben. Es erweist sich darin, dass keine Gewissheiten zementiert werden, dass stets Raum bleibt für das „Je ne sais pas“ und das „Je ne sais quoi“, ein Raum, der lediglich gefüllt werden kann mit Lebendigkeit: „Er spürte, wie sein Herz immer mehr eine neue Form annahm. (…) Es war nicht mehr aus Stein, fand er, sondern aus Fleisch, weil es durchstoßen worden war und dieser Prozess der Entäußerung gar nicht mehr aufzuhören schien.“


Stefan Meetschen: Das Mädchen in Blau. Roman einer Initiation, Frankfurt a. M.: Ruhland Verlag, 2026, 218 Seiten, Hardcover, EUR 26,–

Die Rezensentin ist Schriftstellerin und Publizistin. Zuletzt erschien von ihr „Glamour“ im zu Klampen Verlag.

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