Theologie

Erneuerung ja - Traditionsbrüche nein

Kardinal Walter Kasper sucht Antworten auf die Glaubenskrise jenseits oberflächlicher Modernisierungsideen.
Synoden-Selfie mit Walter Kasper
Foto: Paul Haring (KNA) | Die Arbeit für die Weltkirche hat Spuren im Spätwerk Kardinal Walter Kaspers hinterlassen. Die Aufnahme zeigt ihn dem griechisch-melkitischen Patriarchen Gregoire III.

Kardinal Walter Kasper setzt seinen „Gesammelten Schriften“ eine kleine Krone auf: Drei neue Aufsätze (Theologie – Christologie – Eucharistie) fassen unter dem aktuellen Titel „Erneuerung aus dem Ursprung“ sein Denken zusammen und führen in zentrale Glaubensthemen ein.
Eine Antwort auf die Tradierungskrise des kirchlich-katholischen Christentums bedarf nach Walter Kardinal Kasper mehr und anderes als oberflächliche Modernisierungen. Es geht um die Grundfrage, wie sich das Evangelium Jesu als Norm gebender Ursprung des Christentums in der Geschichte der Kirche vermittelt und Zukunft eröffnet. Dabei ist „die Kirche die Basis alles theologischen Wissens“. Das ist die These der auf Johann Sebastian Drey und Johann Adam Möhler zurückgehenden katholischen „Tübinger Schule“ des 19. Jahrhunderts, die mit dem philosophischen Idealismus Hegels und Schellings (auch ehemalige Tübinger!) rang und in deren sich von der Neuscholastik unterscheidendem geschichtlichen Denken von Lehre und Tradition Kasper auch seine Theologie sieht. Ihr widmet sich der erste theologiegeschichtliche Aufsatz, mit dem Kasper auch sein Konzept einer „theologischen Theologie“, die zur von Karl Rahner ausgerufenen „anthropologischen Wende“ einen Gegensatz und eine Alternative bildet, vorstellt. In origineller und nur einem wahren Kenner möglichen Weise macht Kasper sodann Romano Guardini (1885–1968) und Martin Heidegger (1889–1976) zu indirekten Nachfahren der Tübinger Schule. Für Guardini war in seiner Tübinger Zeit auch in Distanzierung entscheidend für seinen Denkweg der „modernistische“ Wilhelm Koch (1874-1955), für Heidegger der in Freiburg lehrende Tübinger Systematiker Carl Braig (1853-1923).

Postmoderne: gar nicht so anders als die Spätantike

Spannend und kenntnisreich schildert Kasper die geistig-intellektuellen Begegnungen und Entwicklungen, die auch ins 21. Jahrhundert nachwirken könnten.  Guardini wie Heidegger „waren hellsichtig genug, die Krise der Moderne zu erkennen und eine Kehre des Denkens einzuleiten“. Die Postmoderne sei „gar nicht so verschieden von der Spätantike“ und könne sich, wobei Kasper sich auf den Platonismus-Experten Werner Beierwaltes beruft, dem lang verschmähten Neuplatonismus wieder öffnen.

Besonderes Augenmerk gilt dann dem Exegeten, Dogmatiker und Hegel-kritischen Dialektiker Johann Evangelist Kuhn (1806-1887). Mit ihm schlägt Kasper eine „theologische Theologie“ vor, um mit ihr „von dem Gott Jesu Christi her zu denken und von ihm her Mensch und Welt zu verstehen“. Dies führe auch zu einer ekklesiologischen Neubesinnung auf „das Grunddogma des Katholizismus, dass das Urchristentum in der Kirche fortdauert und sich fortsetzt“.  Kasper umschreibt die Wege, die von der Tübinger Schule zur Kirchen- und Offenbarungskonstitution des Zweiten Vatikanum führten. Einzelne Reformen aber sind für sich genommen „nur Flicken auf ein altes Kleid. Es geht darum, das neue Kleid, das Christus ist, anzuziehen (...) Nur im Geist Christi verankert können wir im offenen Strom der Zeit unserer Herkunft treu und zugleich der Zukunft zugewandt Kirche im Heute der Geschichte sein“.

„Jesus Christus in der Welt von heute bezeugen“ nennt Kasper sodann seine „Reflexionen zur Christologie“. Im souveränen Überblick über die Dogmengeschichte plädiert er gegen den Trend der Moderne (etwa bei Adolf von Harnack und Hans Küng) vorweg für eine „Christologie von oben“ und stellt klar: „Der auferstandene und erhöhte Christus des Glaubens ist der Jesus der Geschichte.“ Als in der Tradition der katholischen Tübinger Schule mit ihrem geschichtlichen Ansatz stehend, distanziert sich Kasper damit vom transzendentalen Ansatz Karl Rahners. Seine eigenen Forschungen aufgreifend befasst er sich mit der „Logos-Christologie von der Menschwerdung des Sohnes Gottes“, mit dem „unvermischt und ungetrennt“ der menschlichen und göttlichen Natur in Christus, die auch das Miteinander von Theonomie und Autonomie des Menschen sichert. Dann geht es um die „Kenosis-Christologie des Abstiegs, der Demut und der Barmherzigkeit Gottes“ und eine „Christologie der Freiheit und der Befreiung“, die auch Anliegen der lateinamerikanischen „Befreiungstheologie“ anerkennt. Lehrreich ist der Abschnitt „Universale Pneuma-Christologie“, der der Geistvergessenheit mancher Theologien entgegenwirkt und neben östlich-orthodoxen Theologen auch die Enzyklika „Dominum et vivificantem“ (1986) Johannes Pauls II. erwähnt. Zielpunkt ist dann eine „Christologische Ontologie der Liebe“, in der Beziehung/Relation nicht mehr ein Akzidens ist, sondern zum Wesen und zur Substanz der menschlichen und der göttlich-trinitarischen Personen gehört. Kasper verweist philosophisch auf Maurice Blondel („L'action“, 1893) und Karol Wojtyła („Person und Tat“, 1969; deutsch 1981), um dann eine Christologie der Liebe zu entwerfen, die auch das Martyrium inkludieren kann und „nicht Theorie bleibt, vielmehr zur befreienden, versöhnenden und heilenden Tat wird“.

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Zeit für Mystagogie

Der dritte Essay „Mysterium fidei“ ist schließlich eine große und magistrale Darlegung der Eucharistie als „Mitte und Höhepunkt des christlichen Lebens“. Kasper sieht wie schon die Liturgiker Odo Casel OSB und Romano Guardini eine „Zeit für Mystagogie“ gekommen. Man kann sich fragen, ob die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanum die von Guardini bezweifelte Liturgiefähigkeit des modernen Menschen und die einhergehende Säkularisierung gefördert oder behindert hat. Die Rückkehr zur alten tridentinischen Form des römischen Ritus kann aber dafür auf Dauer keine Lösung sein, sondern nur mit der erneuerten Liturgie die wirkliche Neuentdeckung des eucharistischen Mysteriums. Kasper verweist auf den Begriff des Geheimnisses bei Matthias Scheeben und Karl Rahner. Es gründet im „Christus-Mysterium“ wie es im Neuen Testament, bei den Kirchenvätern und in alten Liturgien ansichtig wird. Eucharistie ist dann das „Pascha-Mysterium“, in dem Leben, Tod und Auferstehung Jesu real gegenwärtig und nachvollzogen werden.

Am Ende stellt sich der ehemalige „Ökumene-Kardinal“ auch den mit der Eucharistie verbundenen ökumenischen Fragen um Eucharistie- und Kirchengemeinschaft mit kritischer Würdigung des Papiers des deutschen Ökumenischen Arbeitskreises „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ (Freiburg-Göttingen 2020), das „noch nicht genügend kirchlich ,geerdet‘“ sei.

Das Geheimnis des Heiligen neu entdecken

„Schlussüberlegungen“ widmen sich der allgemeinen Situation eines „säkularen Zeitalters“ (Charles Taylor) und seinen aktuellen Herausforderungen für Glaubende bis zur Klimakrise und zur Corona-Pandemie. Kasper verweist auch auf die große Philosophiegeschichte von Jürgen Habermas, der trotz religiöser „Unmusikalität“ in seinem Postskriptum den Zusammenhang von Kult und Kultur sieht (160). Bei aller berechtigten und nötigen Kritik an Missbrauch und Klerikalismus darf gerade in Krisenzeiten nicht das reiche Erbe der Liturgie um das „Linsenmus selbstgebastelter Liturgien“ verschleudert werden. „Nicht Entsakralisierung ist die rechte Antwort auf den Missbrauch, sondern die Neuentdeckung des Geheimnisses des Heiligen in allen Dingen der Schöpfung und der unantastbaren Würde jedes Menschen, vor allem der Schwächsten unter den Schwachen.“

Walter Kaspers dichte, lehrreiche und gelehrte Essays zu zentralen Glaubensthemen eignen sich als Zusammenfassung seiner bedeutenden und in der katholischen Kirche international wirkmächtigen Theologie. Während sein ehemaliger Tübinger Kollege Joseph Ratzinger mehr „idealistisch“ an Platon und Augustinus orientiert ist, wird Walter Kardinal Kasper eher „realistisch“ mit Aristoteles und Thomas von Aquin verbunden. Es eint sie auch die Verbundenheit zum Nachfolger Petri und die kritische Absetzung von Hans Küng.


Walter Kardinal Kasper: Erneuerung aus dem Ursprung. Grünewald-Verlag 2021, 176 Seiten, gebunden,
ISBN 978-3-7867-3273-0, EUR 24,–

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