Rezension

Entdeckungsreise durch die Evangelien

Hinrich E. Bues befasst sich mit der biblischen Kunst des Menschenfischens.
Still ruht der See Genezareth
Foto: Christian Wölfel | Still ruht der See Genezareth, auf dem Jesus seinen Jüngern einst eine turbulente Nachhilfestunde in puncto Gottvertrauen erteilte.

 Darf man heutzutage unbefangen von „Mission“ sprechen? Hinrich Bues, Dozent für christliche Spiritualität und Evangelisation an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz, hat hier keine Berührungsängste: Mit seinem Buch „Mission Menschenfischer – mit Jesus neue Christen gewinnen“, lädt er dazu ein, sich mit der Aufgabe aller Getauften auseinanderzusetzen: zu missionieren, das heißt, als Gesandte Christi Menschen zu Gott zu führen. Es ist bemerkenswert, dass er die Notwendigkeit der Mission so kompromisslos herausstellt: Historischer und semantischer Ballast, die dem Begriff zu Unrecht anhaften, sind für ihn kein Thema, wohl aber die konkrete Gefahr, nicht gerettet zu werden, weil man vom „Rettungskreuzer“ Kirche nicht aufgelesen wurde.
Bues, vor seiner Konversion zum Katholizismus evangelischer Pastor, schöpft aus jahrzehntelanger missionarischer Praxis. Er referiert hier jedoch nicht als Experte sein Wissen. Vielmehr wählt er die Heilige Schrift als Grundlage, und wendet sie auf eigene Erfahrungen an. Zur Sprache kommen die Voraussetzungen und Herausforderungen von Mission. Breiten Raum nimmt die Frage ein, warum die Kirche im deutschsprachigen Raum nicht missionarisch ist.

Maria steht am Anfang

Überraschenderweise stellt Bues an den Anfang seiner Überlegungen zur Mission die Gottesmutter. Er nennt sie nicht nur im Hinblick auf ihre Offenheit für Gott. Er stellt sie auch als Missionarin dar, die Menschen zu Jesus führt. Seine Gedanken finden sich auch in marianischen Schriften, etwa von Louis Marie Grignon de Montfort; namentlich, dass die Maxime „Zu Jesus durch Maria“ keinen „Umweg“ beschreibt. Vielmehr sei es angemessen, denselben Weg zu Gott zu nutzen, den er gewählt hat, um zu uns zu kommen. Ausgerechnet an der Unbefleckten Empfängnis macht Bues deutlich, dass die erste Voraussetzung unserer Gottsuche Gottes Hinwendung zu uns ist. Sein unbefangenes Bekenntnis ist von erfrischender Unbekümmertheit. Überhaupt strahlen Bues‘ Worte großen Freimut aus: Hölle, Strafe, Irrlehren werden unumwunden benannt. Ob seine Aussagen bei Ökumenikern, Muslimen, Atheisten oder sonst jemandem „anecken“, ist ihm gleichgültig: Wer Missionar sein will, darf sich um unbequeme Wahrheiten nicht drücken. Eine Kernaussage des Buches, die der Autor vorbildhaft umsetzt. Bues Kühnheit inspiriert dazu, Menschenfurcht hinter sich zu lassen und den Glauben ohne Rücksicht auf politische Korrektheit zu verkünden.

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Der Lesefluss kommt jedoch etwas stockend in Gang. Der Autor erläutert selbst, dass die Kapitel einzeln lesbar sein sollen, und bittet um Verständnis für etwaige Dopplungen. Allerdings finden sich Redundanzen und eine gewisse Sprunghaftigkeit mitunter auch innerhalb eines Abschnitts. Das ändert sich abrupt, wenn der Autor im zweiten Kapitel die eigene Berufungsgeschichte darlegt. Hier ist alles stimmig und eindrücklich. Man spürt, dass sowohl das Zeugnis als auch die Berufungsgeschichte des Autors geistdurchwirkt sind. Mit Bues begibt sich der Leser auf Entdeckungsreise durch die Evangelien und betrachtet die Berufungsgeschichten der Apostel. Seine These ist einfach: Christen müssen so verkündigen, sprechen und handeln, wie Jesus es getan hat. Jesu Vertrauen, Gebet, Zugewandtheit; aber eben auch seine drohenden und unbequemen Worte; der ganze Christus soll verkündet werden, so, wie er es vorgemacht und den Aposteln aufgetragen hat.


Theologisch kreist das Buch stetig um die Frage nach dem Glauben. Gleich, ob man den Heiligen Geist in sich wirken lassen oder ob man andere für sein Wirken öffnen will: Jesu Wort ist Glauben zu schenken. So ist „Mission Menschenfischer“ ein leidenschaftlicher Appell, den eigenen Glauben zu erneuern. Bues macht die Gefahren, denen Christen als Boten Christi ausgesetzt sind, deutlich. Im Mittelpunkt steht der geistliche Kampf. Folgerichtig drängt Bues auf die fortwährende Umkehr, die stete Erneuerung des Glaubens bei denjenigen, die „Menschen fischen“ wollen.
Wer hofft, hier einen Ratgeber für erfolgreiche Mission an die Hand zu bekommen, wird enttäuscht. Bues selbst erteilt einem solchen Ansinnen eine deutliche Absage. Man findet dafür etwas viel Wertvolleres: Der Leser kann das eigene Bekenntnis auf den Prüfstand stellen und stärken. Mitunter scheint es gar nicht primär darum zu gehen, die Kunst des Menschenfischens zu vermitteln, sondern dem Leser zu helfen, sich selbst in das Netz zu befördern, das Hinrich Bues so einladend auswirft. 

Luft nach oben beim Lektorat

Ärgerlich ist das mangelhafte Lektorat, das dieses Buch durchlaufen hat: Angesichts der zahlreichen Druck- und Grammatikfehler und anderer Nachlässigkeiten kommt mitunter das Gefühl auf, man lese einen Blogeintrag. Man hat den Eindruck, das Buch sei unter Zeitdruck entstanden. Dies ist doppelt schade, da sowohl Inhalt als auch Aufmachung liebevoll und engagiert sind, was den Kontrast noch verschärft. Man wünscht „Mission Menschenfischer“ weitere Auflagen, die Gelegenheit geben, hier Abhilfe zu schaffen. Die biblischen Berichte deutet Bues nicht nur, er garniert sie erzählerisch. Dass der Unterschied zwischen Erzähler und Exeget verschwimmt, ist teilweise verwirrend, da Sachbuch und romanhafte Wiedergabe stetig wechseln.

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Ein bibelfester Leser mag über die Ausschmückungen stolpern, die dem Text übergestülpt werden. Ein Bibelneuling wird vielleicht falsche Vorstellungen entwickeln. In der problematischsten Passage etwa schildert Bues die Perikope vom Sturm auf dem See Genezareth. Um die Angst der Jünger deutlich zu machen, beschreibt Bues nun, die Jünger hätten sogar Seegeister angerufen. Das ist eine Übergriffigkeit gegenüber der Schrift – und eine verwegene Unterstellung gegenüber den Jüngern! Bues kommt dann auf das Problem zu sprechen, dass wir in Angst dazu neigen, „Götzen“ unterschiedlicher Form zu vertrauen statt dem lebendigen Gott. Die Nacherzählung soll also eine scheinbar „biblische“ Folie liefern, um auf diesen Aspekt eingehen zu können. Ein unnötiger Kniff: Dass Menschen in der Lage der Jünger zu solchem Verhalten neigen, ist auch wahr und einsichtig, ohne dies indirekt dem Evangelium anzudichten – zumal die fünf Bücher Mose auf Schritt und Tritt solche Menschheitserfahrungen schildern.

Liebe zum Evangelium ist spürbar

Angesichts der Fülle der zitierten Bibelverse und der spürbaren Liebe zu den Evangelien besteht kein Zweifel daran, dass eine eigenmächtige Behandlung der Schrift nicht der Intention des Autors entspricht. Etwas mehr Nüchternheit wäre hier daher angeraten gewesen. Die sachlichen Erläuterungen sind treffend und anschaulich, sogar im besten Sinne „erbaulich“ – und zwar auf eine dem 21. Jahrhundert angemessene Weise. Bues‘ zeitgemäße, natürliche Sprache kommt ohne theologischen Fachjargon aus und wirkt dennoch nie banal oder oberflächlich.

 Mit seinem festen Vertrauen in die Heilige Schrift ist es Bues gelungen, die biblische Verkündigung glaubwürdig in unsere Zeit hineinzustellen. Der Autor nimmt die Heilige Schrift ohne Wenn und Aber ernst. Der Autor selbst kennzeichnet seine demütige Haltung mehrfach als „vielleicht naiv“. Ein frommes Understatement, das man ihm nicht durchgehen lassen möchte. 
Allerdings ist dies die einzige Konzession, die Bues an Skeptiker und Zweifler macht. Er ist nicht „naiv“, sondern sieht schlicht und einfach die Glaubwürdigkeit der Evangelien und der sie einordnenden Tradition als gegeben, allen Unwilligen zum Trotz: „Wer hören kann, der höre.“ Allein dieses Glaubenszeugnis macht „Mission Menschenfischer“ bereits zu einem wichtigen Buch für moderne Christen, die im Geist der Jüngerschaft Christus mit und in ihrem Leben verkünden wollen. 


Hinrich E. Bues: Mission Menschenfischer. Mit JESUS lernen, Menschen zu gewinnen. Be+Be-Verlag, Heiligenkreuz, 2022, Hardcover, 330 Seiten, ISBN: 978-3-903602-48-9, EUR 24,90

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