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Ein Sozialist in der Welt des Glamours

Johannes Mario Simmel wurde geliebt oder gehasst, dazwischen war nichts. Claudia Graf-Grossmann hat eine Biografie des Schriftstellers vorgelegt.
Johannes Mario Simmel, österreichischer Schriftsteller und Drehbuchautor
Foto: IMAGO/United Archives / Valdmanis (www.imago-images.de) | 1987 erschien Johannes Mario Simmels Erfolgsroman "Doch mit dem Clown kamen die Tränen".

Es gab noch keine Biografie von Johannes Mario Simmel. Darum hat sich Claudia Graf-Grossmann ans Werk gemacht. In diesem Jahr wäre der Schriftsteller 100 Jahre alt geworden. Ein deutliches Handicap legte Simmel seiner Biografin posthum in den Weg. Er hat seinen Nachlass bis zum Jahr 2079 der Öffentlichkeit entzogen. Das zwang die Biografin zu einer mühsamen Suche nach Quellen, Zeitzeugen und historischen Belegen. Dass diese Arbeit erfolgreich war, davon zeugen 35 Seiten Anhang mit Belegen, Quellen und einer Publikationsliste des Schriftstellers.

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Johannes Mario Simmel war in den 70er und 80er-Jahren im bürgerlichen Bücherregal so präsent, wie er zugleich abwesend im Feuilleton war. Die Kritik kannte für Simmel nur den Verriss. Die Fans liebten ihn dafür umso mehr. Erst mit dem Roman „Mit den Clowns kamen die Tränen“ begann seine Anerkennung in der Literaturkritik.

Eine widersprüchliche Persönlichkeit 

Simmels Biografin zeichnet das Leben des Autors nach. Er wurde als Sohn eines evangelisch getauften jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter1924 in Wien geboren. Simmel, der als Kind Jan genannt werden wollte, musste erleben, wie sein Vater mit dem Anschluss Österreichs nach London floh. Zeitlebens kämpfte der Schriftsteller gegen Nazis und alles, was er für Nazis hielt. Er blieb sein Leben lang ein Pessimist, der den nächsten Krieg hinter jeder Ecke kommen sah. Claudia Graf-Grossmann beschreibt den Erfolgsautor mit einer beeindruckenden Mischung aus Distanz und echter Bewunderung.

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Das scheint in der Tat die einzige Möglichkeit zu sein, der widersprüchlichen Persönlichkeit Johannes Mario Simmels auf die Spur zu kommen. Sehr intensiv widmet sich die Biografie den Wendepunkten in Simmels Leben. Da ist zum einen die Therapie seiner Alkoholsucht. Der Schriftsteller trinkt danach nie wieder einen Tropfen. Ein weiterer Wendepunkt ist die Trennung von seiner ersten Frau und der Umzug mit seiner zweiten Frau nach Monte Carlo. Simmel führt plötzlich ein Leben inmitten von Glamour. Das böse Ende kommt, als er die Oberflächlichkeit seiner zweiten Frau begreift und reumütig zu seiner Lulu zurückkehrt. Das späte Glück mit Lulu währt nur noch drei Jahre. Danach ist Simmel Witwer.

Zahlreiche Freundschaften

Graf-Grossmann beschreibt Simmels Freundschaften unter anderem zu Marlene Dietrich und zu Iris Berben. Große Teile der Biografie zeigen, welche persönlichen Erlebnisse der Autor, teils mehrfach, in seinen Werken verarbeitet hat. Graf-Grossmann zeigt, wie die frühere Arbeit als Journalist Simmels Art zu schreiben prägte. Die gründliche Recherche war Bestandteil aller Romane. Immer wieder packte Simmel heiße Eisen an und blieb sozialkritisch. Selbst in der Welt der Reichen und Schönen blieb er Sozialist, was ihm den Vorwurf des Salonsozialismus einbrachte.

Mit 73 Millionen verkauften Büchern gehört Johannes Mario Simmel zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Welt. Mag mit der Jahrtausendwende auch der Hype um Simmel abgeklungen sein. Die Biografie von Claudia Graf-Grossmann ist durchaus eine Einladung, erneut zu den Romanen Simmels zu greifen. Inzwischen haben sie alle den Charakter einer Zeitreise in unsere eigene Vergangenheit.


Claudia Graf-Grossmann: Johannes Mario Simmel. „Mich wundert, dass ich so fröhlich bin“. Die Biografie.  Droemer Verlag, München 2024, 368 Seiten, gebunden, EUR 28,–

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