Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Buchrezension

Ein Fremder in der Heimat

Gisela T. Harand porträtiert den Mönch André Scrima und sein Engagement für den ökumenischen Dialog.
Studie zu André Scrima und dessen Engagement für den ökumenischen Dialog
Foto: KNA | Das 20. Jahrhundert steckte voller ökumenischer Überraschungen. Wer hätte zuvor mit dem Bruderkuss eines Papstes mit dem Ökumenischen Patriarchen in Jerusalem – die Aufnahme entstand 1964 – gerechnet?

Im eigenen Saft zu schmoren oder sich der Begegnung mit dem Anderen auszusetzen, ist ein Grundthema des menschlichen Lebens und des Menschseins. Krieg bedroht die Möglichkeit, die Sicht des Anderen in die eigenen Überlegungen einzubeziehen, wie es der lateinische Grundsatz fordert: „Audiatur et altera pars!“ Trotzdem oder gerade deshalb ist der Umgang mit Alterität Maßstab und wesentliches Kriterium des Menschlichen.

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Menschsein umschließt die Fähigkeit, sich in etwas als etwas anderes hineinversetzen zu können, anderes oder eben auch den anderen in seiner Andersheit wahrzunehmen. Das beginnt mit dem Phänomen kindlicher Neugierde und äußert sich in der Kategorie der Weltoffenheit in der theologischen Anthropologie, die keinesfalls mit einer ideologiebasierten Akzeptanz für alles und jedes verwechselt werden darf.

Schwergewicht im ökumenischen und interreligiösen Dialog

Der größtmögliche Horizont dieser Bemühungen ist die Gottesfrage und tangiert deshalb sowohl das ökumenische Gespräch zwischen den christlichen Kirchen und Denominationen als auch den interreligiösen Dialog. Katholizität impliziert den Anspruch auf ein Verhältnis zum Ganzen und ist deshalb allein durch eine partikulare Integrationsleistung nicht zu erreichen. Das macht demütig, weil am Ende immer die bei Matthäus, Kapitel 25, gestellten Fragen beantwortet werden müssen.

Das Buch über André Scrima stellt einen Menschen ins Licht, der sehr vieles im Hintergrund und im Verborgenen bewirkt hat, unter anderem als offizieller Vertreter des damaligen Patriarchen von Konstantinopel beim Zweiten Vatikanischen Konzil, später auch bei der Begegnung von Athenagoras mit Papst Paul VI., einen Menschen also, dessen „geographischer Radius von Indien und dem Libanon über Istanbul, Rom und Paris bis in die USA reichte“, ein Schwergewicht im persönlichen Gespräch, aber vor allem im ökumenischen und interreligiösen Dialog.

Verweis auf ein größeres Ganzes 

Dabei muss beachtet werden: André Scrima ist Rumäne, aber er blieb der Rumänischen Orthodoxen Welt seltsam fremd. Es gibt einige ponderable wissenschaftliche Arbeiten aus Rumänien und auch aus der Rumänischen Orthodoxen Kirche zu seinem Leben und Werk, weil sein Denken für den Dialog wichtig ist. Auch wenn Joseph Ratzinger – gemäß einer über Pater Stephan Horn und Erzbischof Georg Gänswein gelaufenen Anfrage der Autorin – ihn persönlich nicht gekannt hat, hat das Wirken von André Scrima für die Ökumene-Konzeption der katholischen Kirche, insbesondere im Verhältnis zur orthodoxen Kirche, ein großes Gewicht erlangt und verdient deshalb vertieftes Interesse.

Sein ökumenisches Denken repräsentiert nicht unbedingt die Lehre der orthodoxen Kirche, aber es verweist auf ein größeres Ganzes und fragt nach einer Tiefendimension, die für ein Weiterkommen im Gespräch und im ökumenischen Miteinander notwendig ist.

Entwurzelung und Enthausung - geläutert mit geistlicher Erfahrung

Eine Schlüsselkategorie in diesem Kontext ist die Kategorie der „Fremdheit“, des „Fremdseins“, der „Pilgerschaft“, geboren zum einen aus schwersten persönlichen Erfahrungen Scrimas in der Kindheit: Scheidung und Tod seiner Eltern, Ortswechsel, und die damit einhergehende Entwurzelung und Enthausung, dann aber verschmolzen und geläutert mit einer geistlichen Erfahrung, die dem zeitweiligen Freimaurer (April 1946 bis November 1947) und Nietzsche-Begeisterten den lebensmäßigen Zugang zum Mönchtum eröffnet hat.

Das war namentlich der „Kontakt mit der hesychastischen Tradition des russischen Mönchtums“, das Herzens- beziehungsweise Jesusgebet, „durch eine Gestalt, die ihn für sein ganzes Leben prägen würde: Vater Ivan (Johannes) Kulîghin“, ein russischer Priestermönch, Staretz, geistlicher Vater,  „auch Johannes der Fremde genannt, auf Rumänisch Ioan cel Străin, welches das russische Wort ,stranník‘ (fremd) übersetzt… “, der André Scrima „im Antim-Kloster, innerhalb des Intellektuellenkreises ,Brennender Dornbusch‘ Mitte der vierziger Jahre“ begegnet war.

Vertieft in orientalisch-religiöse Traditionen

Die Autorin berichtet, dass Vater Johannes „im Oktober 1946 von den rumänischen Kommunisten verhaftet und an die Russen auf deren Forderung hin ausgeliefert wurde. Im Januar 1947 wurde er zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt und nach Sibirien deportiert. Dort verlor sich von ihm jede Spur“. André Scrima hingegen wurde vor einem solchen Schicksal bewahrt.

Er hatte sich 1944 an der Fakultät für Philosophie und Literatur in Bukarest eingeschrieben, und darüber hinaus Mathematik und Physik mit einem Schwerpunkt im Bereich der Optik studiert, war bei seinem Freund und Mentor Anton Dumitru Assistent am Lehrstuhl für Logik und Geschichte der Philosophie (1946-48), vertiefte sich in „die orientalisch-religiösen Traditionen“… „genauso wie in katholische Texte und die Schriften der östlichen Väter“, wobei nach Auskunft der Autorin besonders Namen wie Hans Urs von Balthasar, Jean Daniélou und Henri de Lubac wichtig waren.

Zeit beginnender Verfolgung

1948 begann er sein Theologiestudium, das er 1956 mit Auszeichnung abschloss. 1951-52 legte er bei Vater Dumitru Stăniloae, einem der bedeutendsten rumänisch-orthodoxen Theologen des 20. Jahrhunderts, seine Lizentiatsarbeit über „Apophatische Anthropologie“ (Antropologia Apofatică) vor. 1947 oder 1949 trat Scrima in das Noviziat des Antim-Klosters ein.

Es war eine Zeit beginnender, heftiger Verfolgung, die zunächst nur einzelne Mitglieder betraf, im Sommer 1958 aber über alle Mitglieder des Antim-Kreises hereinbrach. Scrima fand nach eigenem Bekunden in dieser Situation Trost in einer „konfessionsunabhängigen, spirituellen Verbundenheit durch das Gebet“.

Reise nach Indienund eine Begegnung mit russischer Exiltheologie 

Der Kontakt zu indischen Diplomaten und seine dabei zu Tage tretenden Sanskrit-Kenntnisse öffneten ihm jedoch die Tür zu einem Promotionsstipendium in Benares, so dass er persönlich der Verhaftung entging. Seine Reise nach Indien führte ihn über Belgrad in die Schweiz, wo er eine Zeit am Ökumenischen Institut in Bossey verbrachte und neben vielen anderen Kontakten eine Einladung nach Paris erhielt.

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Im März 1957 traf Scrima in Paris neben Vertretern der russischen Exiltheologie wie Vladimir Lossky auf Yves Congar, Marie-D. Chenu und Louis Bouyer. Ergänzt sei, dass Louis Bouyer der Doktorvater von Hans Küng war, der nur wenige Tage früher, am 21. Februar 1957, seine an der Sorbonne eingereichte Doktorarbeit zur Rechtfertigungslehre bei Karl Barth verteidigt hatte.

Anthropologie und Ekklesiologie - ein stringentes Ganzes

Zukünftige Arbeiten über religionstheologische Themen bei André Scrima oder Hans Küng sollten dieses Detail nicht übersehen. Während Küng die Orthodoxie beziehungsweise die orthodoxe Kirche in seinem Denken eher stiefmütterlich behandelt, bringt der Mönch André Scrima eine orthodoxe Sichtweise von zu Hause aus mit, obwohl seine Gedanken – wie schon angedeutet – die Lehre der orthodoxen Kirche nicht unbedingt korrekt wiedergeben.

Aber er ist einfach nur Mönch und will nichts anderes sein. Anthropologie und Ekklesiologie bilden in seinem Denken ein zusammenhängendes, stringentes Ganzes, das vom apophatischen Aufstieg zu Gott genährt wird, Selbsterkenntnis ist nur auf dem Weg über den Anderen – den anderen Menschen, die andere Kirche, die andere Religion – zu haben. Das ist natürlich gefährlich und anstrengend, weil es auch auf Abwege führen kann.

Leibliche und geistlich-spirituelle Dimension im Menschen

André Scrima, der besonders auch im Libanon ein Zuhause gefunden hat, hat sich in besonderer Weise im interreligiösen Dialog, insbesondere auch mit Muslimen, engagiert. Der entscheidende Schlüssel ist auch hier sein apophatisches Denken, und ohne Zweifel würde es sich lohnen, diesen Dingen genauer auf den Grund zu gehen. Dabei ist besonders ein Gedanke wichtig: Im Menschen kommen kreuzförmig die leibliche und die geistlich-spirituelle Dimension zusammen. Das ist nach der hier vorgelegten Anthropologie das Geheimnis des Menschen.

In diesem Sinn schildert die Autorin André Scrima als bedeutenden Gesprächspartner im ökumenischen und interreligiösen Dialog, aber auch als geistlichen Vater, der durch seine Persönlichkeit auf den Durst des Westens nach der spirituellen Erfahrung der orthodoxen Kirche und des orthodoxen Mönchtums in Gebet, Schriftauslegung und geistlichem Leben überhaupt antworten konnte. Sie verfolgt dabei nicht die Absicht, völlig neue Forschungsansätze vorzulegen, sondern möchte Denken und Erfahrung André Scrimas einer katholischen Öffentlichkeit ans Herz legen.

Bemüht um römisch-katholische Rezeption des Denkens Scrimas

Insgesamt ist das Buch klar und überzeugend aufgebaut und strukturiert, gibt einen guten Einblick in den Lebensweg und die Bedeutung André Scrimas für den ökumenischen und interreligiösen Dialog, entfaltet die Grundgedanken seiner theologischen Anthropologie und deren Verankerung in der orthodoxen Theologie und in der Erfahrung Scrimas als Mönch, der 1991 wieder nach Rumänien zurückgekehrt war und seine letzten Lebensjahre im Umfeld des New Europe College in Bukarest verbrachte, wohl auch mit dem Gefühl eines Fremdseins in der eigenen Heimat. Paradoxerweise ist genau das der cantus firmus seiner Anthropologie.

Viele Fragen lässt diese Studie zu André Scrima offen. Sie ist auch nicht mit dem Anspruch einer Dissertation oder Habilitation geschrieben, in denen völlig neue Forschungsansätze erwartet werden. Es ist allerdings nicht zu übersehen, dass sich die Autorin dezidiert um eine römisch-katholische Rezeption des Denkens Scrimas bemüht, der seinerseits einem solchen Ansinnen gewiss nicht abgeneigt gegenüber gestanden hätte.

Tiefendimension,  die den Tatsachen standhält

Ausgangs- und Zielpunkt der Arbeit sind bei Dionysius-Areopagita einsetzende Überlegungen Joseph Ratzingers zur Aufgabe der Theologie, die gewissermaßen die Wegmarken für das ökumenische Gespräch und den interreligiösen Dialog im Licht der göttlichen Wahrheit freilegen. Ratzinger und Scrima ließen sich dabei von dem Prinzip leiten, nach einer Tiefendimension zu suchen, die den Tatsachen standhält. Ohne Zweifel wäre es eine lohnende Aufgabe, die Religionstheologie Scrimas in dieser Hinsicht genauer anzuschauen.

Irritierend ist die manchmal – sicherlich technisch bedingte – seltsam anmutende Silbentrennung, zu korrigieren wäre das Sterbedatum Joseph Ratzingers: nicht 31. Januar 2022, sondern: 31. Dezember 2022. Insgesamt ist dem EOS Verlag Sankt Ottilien und der Autorin für ein überaus aufschlussreiches Buch zu danken, das seinen Beitrag in Ökumene und interreligiösem Miteinander leisten wird.


Gisela T. Harand: Kreuzförmig. André Scrima – Mann des Dialogs und geistlicher Vater. Theologische Orient&Okzident-Studien, Bd. 6, hg. von Michaela C. Hastettter und Ephräm Givi Lomidze. EOS Verlag, Sankt Ottilien, 2023, 175 Seiten, EUR 24,95

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