Theologie

Ein Denker für heute

Ein Sammelband erschließt die Aktualität von John Henry Newman. Eine Rezension von Gerhard Kardinal Müller.
Lektüre der Kirchenväter prägte den heiligen John Henry Newman so tief
Foto: Wikimedia commons | Die Lektüre der Kirchenväter prägte den heiligen John Henry Newman so tief, dass er sich zum Übertritt in die katholische Kirche entschloss.

Das vorliegende Buch über den heiligen Kirchenlehrer John Henry Newman (1801–1890) umfasst Beiträge von elf namhaften Autoren. Die einzelnen Texte können hier nicht in der Weise besprochen werden, wie es ihrer Qualität entspricht. Denn die einen nur kurz zu streifen und bei anderen ausführlich zu werden, entbehrt nicht der Gefahr der subjektiven Willkür, das ihren Verfassern als Unrecht gegenüber ihrer unbestreitbaren Fachkompetenz erscheinen mag. Ohne Ausnahme zeigen sich alle Autoren als Spezialisten in ihrem gewählten Thema. Jedem gelingt es, eine wichtige Perspektive in der gewaltigen Geisteswelt Newmans herauszuarbeiten, die auch dem Christen von heute eine Orientierung im Glauben bietet oder dem wissenschaftlich gebildeten Leser einen intellektuellen Genuss bereitet. Es beginnt mit einem geistlichen Porträt Newmans (Keith Beaumont) und der philosophischen Erkenntnistheorie (Grégory Solari) sowie dem Plädoyer, nach dem Vorbild Newmans selbst Gott und die Realität seiner geschichtlichen Offenbarung (Nicolas Steeves) ins Zentrum aller Newman-Studien zu stellen. Dazu gehören die Darstellung von Newmans Ekklesiologie (Joseph Carola), seine Theologie und Praxis der Liturgie als Erfahrung der Gegenwart Gottes und der Teilhabe an seinem Leben (Uwe Michael Lang); ferner die biografische Erschließung seiner inneren Konversionen, die Newman schließlich ohne einen Bruch in seiner religiösen Persönlichkeit vom Anglikanismus zur vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche führten (Thomas Möllenbeck). Dass seine Konversion nicht nur den Austausch einer intellektuellen Weltsicht durch eine andere bedeutet, zeigt sich besonders an einer geistlichen Vita communis im Oratorium aus dem urchristlichen Geist des heiligen Philipp Neri (Paul Bernhard Wodrazka), wie überhaupt die Kirchenväter die geistliche und theologische Ökonomie des Newman'schen Intellektes bestimmten. Von daher fragt Peter Becker, was Newman konstruktiv, aber auch kritisch den neuen geistlichen Gemeinschaften zu sagen hat, die in den letzten 50 Jahren entstanden sind und zum Erwachen des kirchlichen Geistes in einer säkularisierten Gesellschaft beitragen wollen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die überaus subtile Einführung Tobias Schwaderlapps in das Gedicht „Der Traum des Gerontius“ – nicht nur, was den literarischen Aufbau und Stil angeht, sondern auch hinsichtlich der Theologie und Spiritualität des Sterbens, des Gerichtes, des Fegfeuers. Letzteres ist kein finsterer Ort der Vergeltung, sondern hoffnungsfrohe Reinigung und Läuterung im Feuer der Liebe Gottes.

Wie das Gehäuse einer toten Schnecke

Von einem der Hauptwerke über die „Entwicklung der Glaubenslehre“ ausgehend befasst sich Richard Schenk mit der Auswirkung dieses Konzeptes auf die Idee der Universität nicht nur im Sinn ihrer Strukturreform, sondern des Ideals der Persönlichkeitsbildung. Bischof Rudolf Voderholzer stellt Newmans Prinzipien der homogenen Dogmenentwicklung oder Dogmengeschichte der Hermeneutik des Bruchs entgegen, die – vertreten von Michael Seewald und Matthias Daufratshofer/Hubert Wolf – eine Lehrkorruption zur Folge habe und damit das katholische Glaubensbekenntnis und die apostolische Lehrautorität des Papstes und der Bischöfe prinzipiell delegitimiere. Von der katholischen Kirche bliebe nur die äußere Hülle übrig wie das Gehäuse einer toten Schnecke, das allenfalls noch als Exponat des naturkundlichen Museums dient. Aber wie Bischof Voderholzer überzeugend an der Prinzipienlehre Newmans herausarbeitet, tragen die vorgebrachten historischen Beispiele einer Lehrentwicklung nicht die Argumentation für einen Kurswechsel der definierten Glaubenslehre in die diametral entgegengesetzte Richtung.

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Bei aller Vielfalt der Themen und des erkenntnisleitenden Interesses konvergieren die Beiträge des vorliegenden Newman-Buches im Primat der Wahrheit Gottes und des Menschen, der die Aktualität Newmans ausmacht und der mit Johann Adam Möhler wohl der bedeutendste katholische Theologe des 19. Jahrhunderts ist. „In einer Gegenwart, die in Europa nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kirche von starken Polarisierungen gekennzeichnet ist, scheint Newman deshalb von besonderer Relevanz. Nicht zuletzt die Tatsache, dass theologische Denker unterschiedlicher Prägung und Herkunft in Newman Ressourcen der Innovation fanden und finden, macht ihn zum Gesprächspartner, der für eine symphonisch verstandene Wahrheit öffnen kann, die beim englischen Denker induktiv aufgespürt wird. Der Gefahr, die von Newman gezogenen Spannungsbögen einseitig aufzulösen, ihn lediglich zur Bestätigung der eigenen Position heranzuziehen, kann dabei durch die Weitung der eigenen Kategorien, zu der der englische Kardinal herausfordert, begegnet werden.“ Dieses Resümee des Wiener Newman-Kongresses 2021 rechtfertigt auch die Veröffentlichung der elf Beiträge. Sie sind bedeutsam nicht nur für die Newman-Forschung im engeren Sinn, sondern auch allgemein für die Theologie und Kirche in der Welt von heute.


Peter Becker, Marianne Schlosser und Paul Bernhard Wodrazka CO (Hrsg.): John Henry Newman – Welt Gottes und Wahrheit des Menschen. Herder, Freiburg 2022, 304 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-451-39304-4, EUR 28,–

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