Mehr als eintausend Druckseiten über die deutsche Militärgeschichte – was noch vor zehn Jahren höchstens in der publizistischen Schmuddelecke ein Forum gefunden hätte, ziert heute als einer der wichtigsten Werbeclaims die Homepage des angesehenen Verlags C. H. Beck. Die weltpolitischen Anlässe für ein enorm gestiegenes Interesse am Zustand deutscher Verteidigungsbemühungen haben sich in den letzten Jahren vervielfacht. Der bis zu seiner Emeritierung in Bern lehrende Militärhistoriker Stig Förster hat nun ein voluminöses Werk über ein halbes Millennium deutscher Kriegs- und Heeresgeschichte vorgelegt.
Die „Historische Bibliothek der Gerda-Henkel-Stiftung“, bekannt für umfangreiche Arbeiten mit dem Anspruch auf langfristige Geltung als Standardwerk, ist sicherlich ein gut gewählter Erscheinungsort für ein solches Unterfangen. Förster beansprucht, Militärgeschichte nicht allein als politische Ereignisgeschichte und Abfolge von Schlachten und Feldzügen, sondern als vielseitiges kulturelles und soziales Phänomen zu behandeln. So rücken die Lebensbedingungen, die Umstände der Rekrutierung, Mobilisation und Ausbildung gerade in Friedenszeiten sowie die Wechselwirkung zwischen dem zunehmend berufsständisch organisierten Militär und der Gesellschaft gleichberechtigt in den Mittelpunkt seines Interesses.
Mitunter gelingt es dem Autor dabei, in seiner gut lesbaren Erzählung auch weniger Bekanntes zu vermitteln. Lebhaft zeichnet Förster mithilfe von Augenzeugenberichten und archäologischen Zeugnissen etwa die blutige Realität der häufig zu bloßen „Kabinettskriegen“ verklärten Feldzüge des 18. Jahrhunderts nach und geht dabei vor allem auch auf die katastrophalen Begleiterscheinungen (Requirierungen, Zwangsdienste und alltägliche Gewalt) ein, unter denen gerade die einfache Bevölkerung auf dem Land zu leiden hatte.
Auch die allzu einfache Sicht, die mit den Freiheitskriegen gegen Napoleon einsetzende Massenaushebung von Bürgerheeren sei die Geburtsstunde der modernen Wehrpflicht und ein Demokratisierungsimpuls, entromantisiert Förster im Ton womöglich etwas scharf, in der Sache jedoch gänzlich richtig, wenn er bemerkt: „Die allgemeine Wehrpflicht (…) bot den dienstpflichtigen Männern eben keinen Schutz vor Missbrauch, sondern degradierte sie unter dem Jubel national orientierter Liberaler zu Kanonenfutter.“
Doch der verständliche Wunsch, gängige Klischees über den nationalen „Befreiungskampf“ durch das Einnehmen einer europäischen Perspektive zu differenzieren, rechtfertigt jedoch nicht die weitgehende Auslassung von Phänomenen wie den Aufständen des Majors Schill oder des Herzogs von Braunschweig. Auch gelingt es dem Buch mitunter nicht immer, sich von einem gewissermaßen ex post getroffenen und monotonen Erklärungsschema, nach dem eine unterlegene Partei unerklärlicherweise bereits demotiviert, schlecht geführt und verzweifelt in den Kampf gezogen sei, zu befreien.
Der unaufgeregte und sachlich klare Ton, mit dem Förster manche mitunter verbissen umkämpfte Positionen der Geschichtswissenschaft vergleichend heranzieht und anschließend zu eigenen Urteilen gelangt, trägt wesentlich zur erhellenden und kurzweiligen Lektüre des Abschnitts über die deutsche Militärgeschichte ab 1870 bei. Innovativ ist dabei weniger die eine oder andere Positionierung des Buches entlang lang bekannter umstrittener Fragen wie der nach dem exakten „point of no return“ im Ersten Weltkrieg, ab dem ein Verständigungsfrieden zwischen den Kontrahenten eine politische Unmöglichkeit war.
Wirklich relevant wird Förster vielmehr erst nach dem seiner Meinung nach 1945 anzusetzenden Ende „der eigenständigen deutschen Militärgeschichte“. Hier, in der Untersuchung der für die Geschichte der Bundeswehr wesentlichen Einbindung in das nordatlantische Verteidigungsbündnis, gelingen ihm wertvolle, wenn auch sicherlich nicht unkontroverse Akzentsetzungen. So charakterisiert Förster etwa sowohl Adenauers bewusste Tuchfühlung mit den Westmächten als auch die kritiklose Anpassung der SED-Kader an den Warschauer Pakt als „bereitwillige Kollaboration führender Kreise in Politik und Militär bei der potentiellen Vernichtung der eigenen Bevölkerung“.
Sieht man von manchen manifestartigen Zuspitzungen auf den letzten Seiten ab, besteht der Wert des Buches vor allem in der übersichtlichen und auf die Gegenwart bezogenen Darstellung von Kontinuitäten und Diskontinuitäten der deutschen Militärgeschichte ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wie Förster hier mit mehreren liebgewonnenen Vorurteilen aufräumt und auch die jüngste Bundeswehrhistorie geschickt in seine undogmatische Untersuchung einbindet, hätte sich freilich auch ohne den enzyklopädischen Anspruch verwirklichen lassen, dem das Werk nicht immer gerecht wird.
Stig Förster: Deutsche Militärgeschichte. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, München: C. H. Beck, 2025, 1294 Seiten, gebunden, EUR 49,90
Der Rezensent ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alte Geschichte an der FU Berlin.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.











