Literatur

„Die Welt als meine Gemeinde“ 

Unerschütterlich im Glauben: Die Autobiographie von Erzbischof Fulton Sheen ist endlich auf Deutsch erschienen Von Hendrik ter Mits 
Fulton John Sheen - Unerschütterlich im Glauben
Foto: CNS

Eigentlich sollte er längst zum Kreis der Seligen der Kirche zählen, doch die für den 21. Dezember 2019 geplante Seligsprechung von Erzbischof Fulton Sheen (1895–1979) fand nicht statt. In der amerikanischen Bischofskonferenz regte sich Widerstand. Seitdem hoffen und bangen Tausende von Gläubigen und Sheen-Verehrern weltweit, dass ihr Held irgendwann doch noch die Ehre der Altäre erfährt. 

Eine gute Methode, um die unbestimmte Wartezeit zu überbrücken, ist mit Sicherheit die Lektüre der Autobiographie des bis heute sehr populären Bischofs, die er am Ende seines Lebens verfasste. Mit dem Titel „Unerschütterlich im Glauben“ liegt sie nun in einer Übersetzung von Susanne Held auf Deutsch vor. 

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So glanzvoll das Leben Sheens, den Papst Pius XII. als „Prophet seiner Zeit“ bezeichnete, als Professor, Nationaldirektor des „Päpstlichen Werkes der Glaubensverbreitung“ und gefeierter katholischer Medien-Star auch war und bis heute nachwirkt – was dem Buch eine besondere Tiefe verleiht, ist Sheens selbstkritischer Blick auf sein Tun und Denken jenseits des schönen Scheins. „Wenn ich Ideal und Wirklichkeit anschaue, dann frage ich mich, ob ich dem Herrn jemals wirklich gefallen habe. Doch er griff selbst ein.“ 

Zum Beispiel durch unfaire Attacken von Mitmenschen und Mitbrüdern, auf die Sheen in seiner versöhnlich gestimmten Rückschau aber ganz bewusst nicht eingeht oder durch innere „Disziplinierungsmaßnahmen“, wie Krankheiten, die er anklingen lässt. So musste der sprachgewaltige Verkünder mit der Hollywood-Physiognomie am Ende seines Lebens ein Herz-Operation über sich ergehen lassen, die nicht ohne Komplikationen verlief. „Dreißig Liter Blut wurden nach der Operation am offenen Herzen in meinen Körper gepumpt, denn der Körper weigerte sich lange, das Blut zirkulieren zu lassen.“ Nicht nur auf die Hilfe Gottes, sondern auf die menschliche Solidarität der Spender war Sheen angewiesen. „Was die Blutübertragung in der physischen Ordnung ist, wird zur Übertragung von Verdienst, Gebet und Opfer im Reich des Geistes.“ 

Dabei besaß Fulton Sheen zu seinen besten medialen Verkündigungszeiten durchaus ein gesundes Selbstvertrauen. Als er zu Beginn der 1950er Jahre zum Nationaldirektor des „Päpstlichen Werkes der Glaubensverbreitung“ ernannt wurde und der Wissenschaft, wenn auch nicht dem Wissen, den Rücken kehrte, sah er, dass „die schmale Tür eines Seminarraums“ sich „auf die Welt hin zu öffnen“ begann. „Es war tröstlich, einen universellen Auftrag zu haben und die Welt als meine Gemeinde betrachten zu können. Ich kann mir gut vorstellen, wie eingeschränkt sich unser Herr fühlte, als sein himmlischer Vater seine Aufgabe auf Israel beschränkte.“ 

Dass Sheen, der gern und viel reiste, sich im Heiligen Land besonders wohlfühlte, versteht sich von selbst. „In Nazareth suchte ich jede Zimmerei auf, um ein Gespür für den Baumeister des Universums zu bekommen, der als Zimmermann gearbeitet hatte.“ Kein Europa-Besuch Sheens, bei dem er nicht einen Abstecher nach Lourdes machte, zu der „Frau, die ich liebe“. Sprich: Maria. 

Doch die Autobiographie Sheens bietet mehr als lediglich persönliche Anekdoten und Reisebeschreibungen. Als Teilnehmer des Zweiten Vatikanischen Konzils gewährt Sheen Insider-Einblicke in das vielleicht größte Kirchenereignis des 20. Jahrhunderts: „Ich arbeitete in mehreren Kommissionen mit sowohl vor als auch nach dem Konzil und ich kann bezeugen, dass wir über verschiedene lateinische Worte einen Tag lang diskutierten, um zu einer präzisen Bedeutung zu gelangen. Nachdem dann ein Kapitel vorbereitet, gedruckt und an die Konzilsväter ausgeteilt war, gingen die Debatten über jedes Thema noch monatelang weiter, bis sie schließlich zu Dokumenten geschmiedet wurden, die alle annehmen konnten, ausgenommen von ein paar wenigen, die dagegenstimmten, entweder weil sie der Meinung waren, es hätte nie ein Konzil geben dürfen, oder weil eine ihrer Lieblingsideen keine Berücksichtigung gefunden hatte.“ 

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So perfektionistisch und präzise wie es offenbar in Rom zuging, pflegte Sheen auch die eigene Arbeit zu verrichten. Extrem penibel war er, wie man in „Unerschütterlich im Glauben“ lesen kann, bei der Vorbereitung seiner Predigten und Ansprachen. Wobei er nie das eigentliche Fundament seines Wirkens vergaß oder versäumte, nämlich: „täglich eine Stunde durchgängig in der Gegenwart unseres Herrn im Allerheiligsten Altarsakrament zu verbringen“. Den Sinn dieser „Heiligen Stunde“ sah Erzbischof Fulton Sheen darin, „eine tiefe persönliche Begegnung mit Christus zu fördern“. Denn: „Der heilige, glorreiche Gott lädt uns ständig ein, zu ihm zu kommen, mit ihm zu sprechen, ihn um Dinge zu bitten, die wir benötigen, und die Erfahrung zu machen, welch ein Segen es ist, Gemeinschaft mit ihm zu haben.“ Fulton Sheen verschweigt in seiner Autobiographie nicht, dass die Gemeinschaft mit dem jeweiligen Stellvertreter Christi ihm persönlich sehr wichtig war. Geradezu ungezwungen kollegial war sein Umgang mit Johannes XXIII. und Paul VI. Von Johannes Paul II., dem Sheen während des US-Besuchs des Papstes im Jahr 1979 begegnete, sind zwei Briefe abgedruckt, die Sheen nicht ohne Stolz präsentiert. Sheen geizt nicht mit Lob für den Papst aus Polen, dessen Pontifikat er nur kurz miterlebte. „Ich glaube, dass Johannes Paul II. als einer der großen Päpste aller Zeiten in die Geschichte eingehen wird.“ Besonders die „unpolitische Mystik“ des Polen faszinierte Sheen: „Die Mystik, die er predigt, ist die Mystik menschlicher Freiheit, was nicht bedeutet, dazu berechtigt zu sein, zu tun, was einem gefällt, sonst wären nur die Starken frei. Diese Mystik verfällt auch nicht in das entgegengesetzte Extrem des Totalitarismus, in der Freiheit als das Recht definiert wird, zu tun, was man tun muss, sonst gibt es lediglich die Freiheit einer Gruppe. Die Freiheit, die er predigt, ist die Freiheit, zu tun, was man tun sollte, und dieses Sollen beinhaltet ein Ziel, ein Lebensziel und einen Sinn.“ 

 Fulton Sheen sah den Sinn seines Lebens darin, Menschen zur Bekehrung zu führen, ihnen Jesus Christus als Erlöser nahe zu bringen. Trotz mancher Widerstände. „Häufig entpuppt sich das, was als Einwand gegen die Glaubenslehre genannt wird, als Einwand gegen die Morallehre. Die meisten Menschen haben im Prinzip kein Problem mit dem Glaubensbekenntnis, jedoch ein Problem mit den Geboten, auch nicht mit der Lehre der Kirche, sondern stören sich an der Lebensweise, die die Kirche einfordert.“ Als geübter Seelsorger wusste Sheen: „Nach meiner Erfahrung ist es immer gut, nicht auf das zu achten, was die Menschen sagen, sondern warum sie es sagen. Immer wieder stößt man auf eine Rechtfertigung ihrer Lebensweise.“ 

So findet man in der Autobiographie von Erzbischof Fulton Sheen manch anregenden Gedanken, der auch heute innerhalb und außerhalb der Kirche Aufmerksamkeit verdient. Zum Beispiel seine Reflexion zum Schweigen, womit kein kriminelles Verschweigen gemeint ist: „Schweigen empfiehlt sich, weil jede Diskussion über Konflikte innerhalb der Kirche den Gehalt der Botschaft Christi beeinträchtigt – die Liebe innerhalb des mystischen Leibes – wie eine Hand, mit der man sich ständig die Augen reibt, die Sicht verschlechtert.“ Erzbischof Fulton Sheen hatte ein Talent für rhetorisch starke Bilder. Auch das macht seine Autobiographie aktuell und lesenswert. 

 Fulton J. Sheen: Unerschütterlich im Glauben. Media Maria 2021, 416 Seiten, ISBN 978-3-9479311-9-4, EUR 22,– 

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