Theologe Benedikt XVI.

Die Theologie muss zu den Quellen zurückkehren

Maßstab für kirchliche Theologie: Band 5 der Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers beleuchtet Schöpfungslehre sowie Mariologie und Anthropologie.
Mariensäule in München
Foto: Imago images | Ihrer Verdrängung durch übereifrige Theologen nach dem Konzil hat sich Joseph Ratzinger widersetzt: Maria ist das Urbild der Kirche.

Sie „lehrten die Kirche, was sie selbst von der Kirche empfangen haben“. So hat der heilige Augustinus die Leistung kirchlicher Theologen bestimmt. Damit hat er zugleich auch den Maßstab für das benannt, was kirchliche Theologie insgesamt zur Aufgabe hat. Diesem Anspruch hat sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. in seinem theologischen Lebenswerk nicht nur gestellt, er hat ihn bekräftigt und wesentlich erneuert. Benedikt steht in der Reihe der großen katholischen Reformtheologen des 20. Jahrhunderts. Ihnen ging es um eine neue Hinwendung zu den Quellen, eben zu dem, was wir von der Kirche empfangen haben: Die Heilige Schrift, das Glaubensbekenntnis, die Liturgie und die Theologie der Kirchenväter. Mit dem nun vorliegenden Band 5 „Herkunft und Bestimmung“ über Schöpfungslehre, Anthropologie und Mariologie steht die 16-bändige Ausgabe seiner Werke vor ihrem Abschluss.

Es steht lediglich noch der Band 15 mit der Autobiographie „Aus meinem Leben“, weiteren biographischen Texten und den gesammelten Wortmeldungen des emeritierten Papstes aus. Band 16 wird eine vollständige Bibliographie der Publikationen von Joseph Ratzinger und ein systematisches Register zu allen Bänden enthalten. In Band 5 haben die drei Teile Schöpfungslehre (170 Seiten), Anthropologie mit Gnadenlehre (184 Seiten) und Mariologie (150 Seiten) ungefähr den gleichen Umfang. Auf allen seinen Stationen als Hochschullehrer, beginnend in Freising, über Bonn, Münster, Tübingen und zuletzt in Regensburg hat Ratzinger Vorlesungen zur Schöpfungslehre und theologischen Anthropologie angeboten.

„Als Mutter Gottes verkörpert Maria ‚in Person das wahre Zion‘
und damit die Einheit der Schrift. Ihre Erbsündelosigkeit ist Ausdruck der Gewissheit,
dass es die heilige Kirche in Person wirklich gibt.
Ihre leibliche Aufnahme in den Himmel schenkt die Gewissheit der Auferstehung“

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Bereits in Freising hielt der junge Dozent ein Seminar über „moderne mariologische Literatur” (1955/56) und eine Mariologievorlesung (1957). In Tübingen folgten wieder ein Seminar über „Probleme der Mariologie“ und in Regensburg eine Vorlesung über „Christologie und Soteriologie und Mariologie“.

Am umfassendsten hat Ratzinger die Schöpfungslehre in vier Fastenpredigten 1981 während seiner Zeit als Erzbischof von München und Freising dargestellt. Sie wurden 1985 erstmals unter dem Titel „Im Anfang schuf Gott“ publiziert. Neben zwei Lexikonartikeln, Rezensionen und Geleitworten, antworten diese Katechesen auf das „nahezu vollständige Verschwinden der Schöpfungsbotschaft“ aus Theologie und Verkündigung. Dass die Orientierung an der Schrift und ihrer Auslegung aus der Einheit des Alten Testaments mit dem Neuen Testament und die Orientierung an der Vätertheologie für Ratzinger in keiner Weise bedeutet, Einsichten der Naturwissenschaft und der Exegese zu ignorieren, zeigt exemplarisch der Beitrag „Abschied vom Teufel“: Eine Antwort auf das gleichnamige Bändchen des Alttestamentlers Herbert Haag.

Im Anfang war das Wort

Ohne Wenn und Aber wird darin die Verhaftung des biblischen Schöpfungsberichtes in altorientalischen Mythen zugegeben und gleichzeitig am Wesentlichen, dem Schöpfergott und der Erschaffung aus dem Nichts als den eigentlichen theologischen Aussagen entschieden festgehalten: Es zeigt sich, so Ratzinger, „dass Johannes 1, 1 die neutestamentliche Aufnahme des Genesistextes ist und seine bunten Schilderungen in die eine Aussage zusammenzieht: ,Im Anfang war das Wort?. Alles andere wird damit in die Welt der Bilder verwiesen. Was bleibt, ist die Schöpfung aus dem Wort (…).“ Hinsichtlich des Satans zeige sich allerdings einer unvoreingenommenen Exegese keine Konzentration, sondern „die Bewegung der Expansion“:

„Der geistliche Kampf Jesu gegen die versklavenden Mächte, der Exorzismus über eine von Dämonen geblendete Welt, gehört unabtrennbar zum geistlichen Weg Jesu und zur Mitte seiner eigentlichen Sendung (…).“ Konkret werde dies im Sinne der Vätertheologie in der Taufe als der „Existenzentscheidung, die Christsein meint“: Die Absage an den Satan „bildet zusammen mit der Zusage an Jesus Christus die unerlässliche Eingangstür ins Sakrament“. Sodann wird aus der Erkenntnisquelle der Liturgie argumentiert: Wer die „Realität der dämonischen Mächte streichen wollte“, der würde „die Taufe und damit christlichen Lebensvollzug ändern“.

Ein Konsens ohne tragfähiges Fundament?

Im gnadentheologischen Teil von Band 5 finden sich Klarstellungen von Kardinal Ratzinger zur Rechtfertigungslehre. Als Präfekt der Glaubenskongregation war er maßgeblich an der „Antwort der katholischen Kirche“ (1998) auf die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ beteiligt. Während Vertreter des lutherischen Weltbundes und der katholischen Kirche einen Konsens in „Grundwahrheiten“ für erreicht ansahen, wurde in der offiziellen „Antwort der katholischen Kirche“ nur ein Teilkonsens mit erheblichem weiterem Klärungsbedarf konstatiert. Vier Tage nach der Unterzeichnung des Konsenspapiers am Reformationstag 1999 in Augsburg hielt Kardinal Ratzinger vor einem Ökumenekreis in Duisburg den hier abgedruckten Vortrag „Wie weit trägt der Konsens in der Rechtfertigungslehre?“ Alle hier vorgelegten Einwände sind nach wie vor von größter Bedeutsamkeit.

Von hierher wird sehr deutlich, dass das Eintreten des 2019 vorgelegten Konsenspapiers „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ (2019) für die gegenseitige Kommuniongemeinschaft der Konfessionen aus katholischer Sicht kein tragfähiges Fundament hat. Ratzingers Vortrag wäre sehr geeignet, auf dem ökumenischen Kompass der Mehrheit der deutschen Bischöfe Nordmarkierung und Kompassnadel wieder in Übereinstimmung zu bringen.

Küng hatte seine Interpretation Barths vorschnell geglättet

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In zwei Rezensionen der Dissertation von Hans Küng („Rechtfertigung. Die Lehre von Karl Barth und eine katholische Besinnung“) aus deren Erscheinungsjahr 1957 und nochmals 1958, hat Ratzinger nachgewiesen, dass die von Küng behaupteten Übereinstimmungen der Aussagen Barths mit der katholischen Lehre hinsichtlich wesentlicher Grundfragen „vorschnell geglättet erscheinen“. Die systematische Einordnung der Marienlehre in den Zusammenhang von Schöpfungstheologie, theologischer Anthropologie und Gnadenlehre wird in den abgedruckten grundlegenden „Erwägungen zur Stellung von Mariologie und Marienfrömmigkeit im Ganzen von Glaube und Theologie“ (1979) begründet. Grundsätzlich stimmte der Konzilstheologe Ratzinger der Aufnahme der Mariologie in die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanums zu. Steuerte dies doch der Bestimmung Marias als einem isolierten und privilegierten Individuum ebenso entgegen, wie dem apersonalen Verständnis der Kirche als bloßer Institution.

Für Maria, verstanden als Urbild der Kirche, griff es zwar auf die Vätertheologie zurück, konnte aber den Zusammenbruch der Marienfrömmigkeit nach dem Konzil wenig entgegensetzen. Zuerst verschwand Maria gänzlich in der Lehre von der Kirche, sodann wurde im Zuge des nachkonzilaren Biblizismus auch der Wille Jesu zur Kirchengründung selbst in Abrede gestellt.

Maria, das Bild der Kirche

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Ratzingers Antwort auf die nachkonziliare Krise der Mariologie findet sich zuerst in der „Einführung in das Christentum“ von 1968. Sie begründet auch den systematischen Ort der Mariologie in seinem Denken, den er bereits vor dem Konzil bestimmt hatte: „Wenn man einen theologischen Traktat angeben will, dem die Mariologie als dessen Konkretisierung zugehört, wäre es wohl am ehesten die Gnadenlehre, die freilich mit der Ekklesiologie und mit der Anthropologie ein Ganzes bildet. Als die wahre ,Tochter Zion? ist Maria Bild der Kirche, Bild des gläubigen Menschen, der nicht anders als durch das Geschenk der Liebe – durch Gnade – ins Heil und zu sich selbst kommen kann.“

Maria ist „Darstellung der zur Antwort gerufenen Schöpfung, der Freiheit des Geschöpfs, die sich in der Liebe nicht auflöst, sondern vollendet“. Darstellung des freien und befreiten Menschen ist Maria als Frau, das heißt „in der leiblichen Bestimmtheit, die vom Menschen unabtrennbar ist (…)“. Hat doch die Geschlechterdifferenz, „die zum Menschen als einem biologischen Wesen unaufhebbar gehört“, eine hohe Bedeutsamkeit. Sie werde heute als „vollkommen unerhebliche Belanglosigkeit“ angesehen und dadurch „dem Menschen verfügbar“ gemacht und „außerhalb der humanen und geistigen Maßstäbe angesiedelt“. Welche zersetzenden Folgen für alle Glaubensinhalte und das Glaubensleben der Kirche die Leugnung der Geschlechterdifferenz hat, zeigen erschreckend die jüngsten Beschlüsse des Synodalen Weges, die von der Mehrheit der deutschen Bischöfe ausdrücklich gebilligt wurden. Stets hat Ratzinger die Jungfrauengeburt verteidigt.

Die leibliche Aufnahme Mariens schenkt Gewissheit

Eine Aussage in der „Einführung“ wurde allerdings als Begründung eines scheinbar möglichen geistigen Verständnisses missverstanden. Als Ratzinger die Grundzüge seiner Mariologie 1977 unter dem Titel „Die Tochter Zion“ veröffentlichte, stellte er dies Missverständnis ausdrücklich richtig. Hinzuweisen bleibt noch ergänzend auf die programmatischen „sechs Schwerpunkte der Lehre über Maria“, die Ratzinger im Interviewbuch „Zur Lage des Glaubens“ (1985) vorgetragen hat, sowie auf seine mariologische und marianische Verkündigung, die in den Zusammenhang des Kirchenjahres eingeordnet wurde. Er erweist den Marienglauben und die Marienfrömmigkeit als für die Grundstruktur des Glaubens notwendig:

Als Mutter Gottes verkörpert Maria „in Person das wahre Zion“ und damit die Einheit der Schrift. Ihre Erbsündelosigkeit ist Ausdruck der Gewissheit, dass es die heilige Kirche in Person wirklich gibt. Ihre leibliche Aufnahme in den Himmel schenkt die Gewissheit der Auferstehung. Diese Darstellung der Unverzichtbarkeit des Marienglaubens für das Gottesverständnis, das Bekenntnis zu Christus, und das menschliche Selbstverständnis in der Zustimmung zur Differenz der Geschlechter macht der emeritierte Papst der Kirche zum Geschenk. Er lehrt, was er selbst von der Kirche empfangen hat.


Joseph Ratzinger: Herkunft und Bestimmung. Schöpfung – Anthropologie – Mariologie
(Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften Band 5). Gebunden, 627 Seiten,
Verlag Herder Freiburg 2022, ISBN 978-3-451- 38605-3 EUR 80,–

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