Wahrheit & Mythos

Die Kunst, Weihnachten zu verstehen

Was ein Volkshochschullehrer über die Stille Nacht, die Jungfrauengeburt und christliche Formen des Feierns denkt.
Anbetung des Christkindes
Foto: IMAGO / Heritage Images | Die Wahrheit der Heiligen Nacht, sollte nach langer Forschung über fehlleitende Thesen, nicht erneut verzerrt dargestellt werden.

Es ist kein geringer Anspruch, den der Verfasser, Theologe und Mitarbeiter der Münchener Volkshochschule, erhebt: „Weihnachten auf den Grund zu gehen und das Fest aus den biblischen Erzählungen heraus zu erfassen.“ Gegliedert in 24 Kapitel, präsentiert sich der Band zudem als Adventsbegleiter. Dazu gehören auch die scheinbar unvermeidlichen QR-Codes, über die man sechsundzwanzig „Songs” anhören kann.

„Dieses Produkt des Katholischen Bibelwerks wird
weder zentralen neutestamentlichen Aussagen gerecht,
noch dem darauf beruhenden Bekenntnisglauben der Christen“

Es wirkt befremdlich, wenn es nach der Darstellung des messianischen Königtums heißt: „Wow, was für eine Jobbeschreibung!“ Bereits zum ersten Kapitel stellen sich Fragen. Dort heißt es: „Wie alle großen Ereignisse soll diese Geburt aber Dreh- und Angelpunkt von Größerem sein und entsprechend vielstimmig gedacht werden.“

Bekanntlich wollte sich Lessing, vor die Wahl gestellt, die Wahrheit besitzen zu dürfen oder sie ewig zu suchen, für Letzteres entscheiden. An diesen modernen Wahrheitsverzicht erinnert die Ansicht des Verfassers, den Advent als „Sinnbild für unser Warten in Sehnsucht und Mangel“ der „Weihnachtszeit als Füllezeit vorzuziehen: „Ich persönlich finde ja die ,Mangelzeit‘ des Advents und der Fastenzeit vor Ostern immer viel interessanter, weil sie die Spannung unserer Existenz deutlich machen, während die Füllezeit(en) nach Weihnachten und Ostern eigentlich ,nur‘ das Thema grenzenloser Freude kennen.“ Geht es denn nicht darum, von Gott gefunden und angenommen zu werden, Vergebung zu finden?

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Es geht um das Bezeugen befreiender Erfahrung

Zeigen uns nicht Heiligenleben, welches Abenteuer es ist, in Gottes Einsatz zu leben? Geht es nicht statt um „Wahrheitsbesitz“ vielmehr um die Bezeugung von befreiender Erfahrung? Unzutreffend ist die Behauptung, dass die Namen Caspar, Melchior und Balthasar vom Türsegen „Christus mansionem benedicat“ hergeleitet wurden. Ein zentraler Punkt wird mit der Behauptung berührt, dass „Erzählmotive“ wie die Jungfrauengeburt „in antiken Texten keinesfalls einmalig waren“. Hier ist zu widersprechen: Für die neutestamentlich bezeugte Geburt des messianischen Gottessohnes aus der Jungfrau Maria gibt es keine religionsgeschichtlichen Entsprechungen.

Für die einmalige Menschwerdung des Erlösers gibt es keine hellenistischen Quellen. Nach Durchgang und Kommentierung der Kindheitsgeschichten bei Matthäus und Lukas wendet sich der Verfasser zu Liturgie und Brauchtum. Zu den O-Antiphonen, ursprünglich Verse vor dem Magnifikat, mit denen vom 17. bis zum 23. Dezember jeden Tag ein Messiastitel auf Jesus Christus angewandt wird, bietet der Verfasser allenfalls knappe Erstinformationen. Über die eigentliche Bedeutung der Apokryphen hat er sich nicht genügend informiert. Es bleibt bei Klischees: „Es werden Dinge unnötig verzerrt“, mit „Sensationserzählungen“ werde versucht, „klaffende Lücken zu füllen, die sich in den neutestamentlichen Schriften auftun“.

Eine Banalisierung des Heilsgeschehens und seiner Geschichte

Demgegenüber stellt etwa die Hebammengeschichte aus dem Protoevangelium des Jakobus (zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts nach Christus) einen Antwortversuch auf die herabsetzende antichristliche Ehebruchsthese dar und verdiente eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrer Aussageabsicht. Die Vorbehalte des Verfassers richten sich eigentlich gegen den Glaubenssatz von der Jungfrauengeburt an sich: Denn „die Gefahr (!), die von einigen außerkanonischen Texten ausgeht“, bestehe darin, „dass man die jungfräuliche Geburt als biologisches Faktum zu verstehen versucht und ihr nicht als theologische Glaubenswahrheit nachspürt“.

An anderer Stelle heißt es: „Historisch kaum zu rekonstruieren, ist Maria zu einer biblischen Figur avanciert.“ Noch deutlicher: „Maria war in erster Linie nichts anderes als eine normale Frau und Mutter.“ Demgegenüber muss festgehalten werden, dass das Schöpfungswunder der Geburt Jesu Christi im Matthäusevangelium als die Erfüllung der von Jesaja für die Zukunft verheißenen Ankunft des von Gott kommenden Immanuel verstanden wird: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, und sie wird ihm den Namen Immanuel (also Gott mit uns) geben“ (Jes 7,14). Dies verdunkelt allerdings die vom Verfasser zitierte revidierte Einheitsübersetzung (2016): „Siehe, die Jungfrau hat (!) empfangen.“

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Abhängig von esoterischen Mythen der Volkskunde

Unzutreffend ist zudem die Behauptung über die Kindheitsgeschichten, dass die „kanonischen Texte eigentlich historisch kaum etwas Stichhaltiges” enthielten. Darum steht für den Verfasser fest, dass der Geburtsort Bethlehem „weniger mit historischer Information zu tun habe, eher mit theologischer Deutung“. Fazit: Dieses Produkt des Katholischen Bibelwerks wird weder zentralen neutestamentlichen Aussagen gerecht, noch dem darauf beruhenden Bekenntnisglauben der Christen. Zudem erweist sich der Verfasser im letzten Teil über das kirchliche Brauchtum und die Kunst als vollständig abhängig von der in allen Punkten widerlegten mythologischen Schule der Volkskunde.

Ochs und Esel werden zwar in der Schrift nicht erwähnt, hatten aber noch vor Maria und Joseph ihren festen Platz an der Krippe. Dafür hat der Verfasser keine Erklärung. Feuerwerk zum Jahreswechsel hat seinen Ursprung nicht im „Geistervertreiben“, sondern im Salutschießen. Perchten- und Krampusläufe haben entgegen der Ansicht des Verfassers ebenfalls keinen vorchristlichen Ursprung. Sie gehören als Teufel in den Nikolausbrauch oder sind Lasterallegoresen im Epiphaniebrauchtum oder Schreckgestalten gegen das Fastenbrechen oder andere Normübertretungen. Auch das Rauhnachtsbrauchtum wird im Sinne heutiger esoterischer Literatur und der Germanenthese des 19. Jahrhunderts fehlgedeutet.

Widerlegte Vorstellungen als Grundlage der Ausführungen?

Bereits 2019 hat das Bibelwerk einen Band mit Anleitungen für magische und esoterische Praktiken herausgegeben, der im Wesentlichen vom irreführenden „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ (1927–1942) abhängig ist. Somit führen die Thesen des Brauchtumsteils des vorliegenden Bandes den Leser in die Irre. Es stimmt auch nicht, wie hier behauptet, dass der Christbaum seinen Ursprung in der Weltenesche der germanischen Mythologie hat und dies „eine der eindruckvollsten ,Ideen-Kaperungen‘ des Christentums“ sei. Abschließend heißt es: „Wir könnten ewig so weitermachen und über Äpfel als Fruchtbarkeitsymbole sprechen.“

Hier stellt sich die Frage, wie lange das Bibelwerk die neuere wissenschaftliche Brauchtumsforschung noch ignorieren will. Dass der Verfasser dem Hymnus Akathistos etwas abgewinnen kann, ist erfreulich. Entgangen ist ihm aber, dass dieser Lobgesang auf die Jungfrau Maria und die Jungfrauengeburt den Schlüssel zur Deutung enthält, dem er sich verschlossen hat: „Freue dich, die du die Gegensätze zu einem zusammen führst; Freue dich, die du Jungfräulichkeit und Mutterschaft vereinigt.“ Damit sagt der Dichter, was begrifflich ein Paradox meint: Die Logik des Geheimnisses.


Robert Mucha: Stille Nacht mit lauter Botschaft. Weihnachten rund um verstehen.
Verlag Katholisches Bibelwerk 2022, 176 Seiten, EUR 19,95; 

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