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John Rawls: Die gerechte Gemeinschaft gründet in Gott 

Der Philosoph John Rawls sieht die Person als zentral an und bezieht sie auf Sünde, Glaube und Religion.
Menschen in Gemeinschaft
Foto: Thomas Frey (dpa) | Der Mensch braucht Gemeinschaft.

Der englische Ökonom Paul Collier charakterisiert ein Postulat des Philosophen John Rawls folgendermaßen: „Eine Gesellschaft sollte dann als moralisch gelten, wenn ihre Gesetze zum Wohle der am stärksten benachteiligten Gruppen gestaltet waren.“ John Rawls hatte in der Tat gefordert: „Soziale und ökonomische Ungleichheiten müssen zwei Bedingungen erfüllen: erstens müssen sie mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die unter Bedingungen fairer Chancengleichheit allen offenstehen; und zweitens müssen sie den am wenigsten begünstigten Angehörigen der Gesellschaft den größten Vorteil bringen...“ Gerade durch das zweite Postulat wurde Rawls zum Philosophen der Identitätspolitiker, die immer neue Opfergruppen in der Gesellschaft künstlich per Oberseminarzeugung erschaffen. Allerdings drehen die Identitätspolitiker die erste Forderung des Philosophen in ihr Gegenteil, wenn es ihnen mittels positiver Diskriminierung gerade darum zu tun ist, die „Bedingungen fairer Chancengleichheit“ durch Quoten auszuhebeln, um die „Benachteiligten“ zu bevorteilen und die angeblich „Bevorteilten“ zu benachteiligen. 

Freiheit und  Gerechtigkeit als Fairness

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Während der Liberalismus auf die Idee der Freiheit setzt, beruht Rawls' Philosophie auf den Prinzipien der Freiheit und der Gerechtigkeit als Fairness. Oder wie Jürgen Habermas die Philosophie von John Rawls in treffender Bildhaftigkeit beschrieb: „Das theoretische Gebäude ruht auf zwei Säulen, die durch einen Architrav verbunden sind. Die Idee der wohlgeordneten Gesellschaft und der politische Begriff der Person werden über die Idee der Gerechtigkeit als Fairness miteinander verschränkt.“ 

Will man nun verstehen, woher die Vorstellungen der wohlgeordneten Gesellschaft und der Rawlssche Begriff der Person kommen, wird man fündig in einer überraschenden Publikation. Eric Gregory entdeckte kurz nach dem Tod von John Rawls in der Bibliothek von Princeton die Abschlussarbeit des Studenten Rawls, die er unter dem Titel „Eine kurze Untersuchung über die Bedeutung von Sünde und Glaube: Eine Auslegung anhand des Begriffs der Gemeinschaft“ im Dezember 1942 am Philosophy Department in Princeton eingereicht hatte. Ein zweiter Text zum Thema Religion fand sich im Nachlass des Philosophen, den er unter dem Titel „Über meine Religion“ um 1997 nur für sich verfasste. Es war bekannt, dass Rawls' philosophische Überzeugungen im Unterschied zu anderen liberalen Philosophen stark im Religiösen verwurzelt waren. In der „Kurzen Untersuchung über die Bedeutung von Sünde und Glaube“ wird deutlich, dass die große Rolle, die für ihn die Gerechtigkeit spielt, sich aus religiösen Überzeugungen herleiten. Die wohlgeordnete Gesellschaft ist die durch politische Theorie säkularisiert. 

Der Mensch braucht Gemeinschaft

Die Welt sieht der junge Rawls als eine „Gemeinschaft von Schöpfer und Erschaffenen, und sie hat ihren Ursprung in Gott.“ In der Schrift „Politischer Liberalismus“ bemerkt der Philosoph, dass politische Philosophie einen vernünftigen Glauben verteidigen solle, beispielsweise den Glauben an eine gerechte konstitutionelle Demokratie. Geht man davon aus, dass Gerechtigkeit ein grundlegendes Prinzip für das Handeln von Personen in der Gesellschaft darstellt, dann kommt das zweite wichtige Thema der Jugendschrift in den Blick, nämlich die Person. Für Rawls bedarf der Mensch der Gemeinschaft oder der Gesellschaft, um Person zu werden. Die Personalität weist über die einzelne Person hin-aus, sie könnte man auch als „Geist“ (spirit) bezeichnen. „Wir sind überzeugt, dass Personalität etwas Einzigartiges ist und dass sie nicht auf den Besitz eines bestimmten Körpers oder der Summe von menschlichen Zuständen reduziert werden kann.“

Person wird jemand erst in der Gemeinschaft, wenn er zu einem Du als Ich ein kommunikatives Verhältnis eingeht und den anderen in der Tat als Du und nicht als Objekt eigener Bedürfnisbefriedigung ansieht. „Dadurch, dass er eine Person ist, lebt der Mensch in Beziehung zu Gott, den Engeln, zu den Teufeln und seinen Mitmenschen, und er kann diese Beziehung oder diese Verbundenheit mit der Gemeinschaft nicht zerstören.“ Sünde ist deshalb für den Studenten die Ablehnung der Gemeinschaft oder sogar die Zerstörung der Gemeinschaft, während Glaube die richtige Integration in die Gemeinschaft bezeichnet und Gnade wird als Handlung Gottes verstanden, die „Person in die Gemeinschaft zurückzuführen.“ Ermöglicht wird das durch die Gottesähnlichkeit des Menschen, denn Gott lebt durch die Trinität bereits in einer Gemeinschaft. Deshalb ist jede gemeinschaftszerstörende Handlung für den jungen Rawls eine „sündhafte Handlung“. 

In dem späten Text „Über meine Religion“ resümiert der Philosoph, dass er als junger Mensch ein „orthodox-episkopaler Christ“ gewesen sei, aber diesen Glauben bis zum Juni 1945 aufgegeben hat. Zwischen 1942 und 1945 lag der Kriegsdienst. Drei Ereignisse in diesem Zeitraum bewirkten diese Distanzierung: die Begegnung mit einem lutherischen Pfarrer im Krieg, der Falsches predigte, der Tod eines Kameraden im Krieg und „das Hören vom und das Nachdenken über den Holocaust.“

Rechtfertigung vor Gott

Auch wenn Rawls diese Form des orthodoxen Christentums aufgab, blieb der religiöse Ansatz, der sich schließlich in der Theorie der Gerechtigkeit säkularisierte, ohne jedoch seine religiöse Struktur, die sich in eine ideologische wandelte, zu verlieren, bestehen. Bedenkt man, dass Gerechtigkeit im christlichen Sinne die Rechtfertigung des Menschen vor Gott bedeutet, dann versteht man, dass die Säkularisierung dieser Gerechtigkeit zur Selbstgerechtigkeit und auch Ungerechtigkeit, schließlich zur Zerstörung der Gemeinschaft führt, wenn aus der Gleichheit des Bürgers vor dem Gesetz und den Institutionen des Staates die Chancengleichheit wird, denn der Begriff der Chancengleichheit enthält bereits die Konsequenz der positiven Diskriminierung. Wenn man etwa postuliert, dass aus Gründen der Herkunft oder der individuellen Talente nicht alle Menschen die gleichen Chancen besäßen, liegt es nahe, diese Chancenungleichheit dadurch herzustellen, dass man die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz oder den Institutionen des Staates durch Quoten aufhebt und dadurch zweierlei Recht schafft. 

Will man den intellektuell spannenden Weg verstehen, wie die Einschränkung der Liberalität durch Gerechtigkeit als Fairness zum Zerfall der Gesellschaft führen kann, welche Wirkung die Säkularisierung religiöser Vorstellungen als politische Theorie entfaltet, wohin der Wunsch einer innerweltlichen Erlösung führt, dann darf man sich dieser vorbildlichen Edition anvertrauen. Rawls' Texte werden durch eine hervorragende und brillante Darstellung von Joshua Cohen und Thomas Nagel in der Einleitung, durch die zeitgeschichtliche Einordnung von Robert Merrihew Adams und das Nachwort von Jürgen Habermas exzellent eingefasst. 


John Rawls:
Über Sünde, Glaube und Religion.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021,
343 Seiten, ISBN-13: 978-351829- 933-3,
EUR 20,– 

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