Lepanto Verlag

Die Dimensionen der geistigen Welt vermessen

Der neue Almanach des Lepanto Verlags entdeckt wieder Höhepunkte christlicher Literatur.
Kardinal Newman Statue
Foto: Adobe Stock | Auf die Realitäten verweisen: der Weltlichkeit der Welt sei mit bewusst frommer Literatur nicht beizukommen, meinte Kardinal Newman.

Ein neues, kräftiges Lebenszeichen sendet der in Franken beheimatete Lepanto Verlag mit seinem zweiten Almanach, der unverdrossen das Feld christlicher Literatur und Geistesgeschichte abschreitet, dabei auch Bezug nehmend auf die mittlerweile fast zwanzig eigenen Veröffentlichungen.

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Man steht in größtmöglicher Entfernung zum Zeitgeist. Doch nicht Trotz oder Larmoyanz bestimmt den Ton, sondern der ruhige Verweis auf zu hebende Schätze, deren Strahlen auch den Unbeteiligten in den Bann ziehen wird – wenn die Kontaktaufnahme gelingt.

Zu den einleitenden großen Essays des Bandes gehört ein luzider Beitrag von Christoph Böhr über den schwierigen Begriff des Konservatismus. Es gibt seit jeher ein Theorie-Defizit des Konservatismus, das von der besser organisierten und zielsicherer agierenden Linken immer ausgenutzt wurde.

Böhr findet eine gar nicht altbackene Definition in Fontanes Alterswerk „Der Stechlin“: „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, wollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben... Sich abschließen, heißt sich einmauern, und sich einmauern ist Tod.“

Keine sündlose Literatur sündiger Menschen

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Böhr schließt daraus: „Es ist immer mehr als nur und ausschließlich die Form, der sich ein Konservativer verschrieben hat; die Form kann sich ändern, ohne dass die durch sie zum Ausdruck gebrachte Überzeugung verraten wird. Schon gar nicht huldigt der Konservative einer Form, die sich längst verflüchtigt hat.“ Doch gelte auch – Mosebach im Sinn –, dass „Formlosigkeit und Ketzerei zwei Seiten ein und derselben Medaille sind“. So schwer es sei, akzidentiell zu bestimmen, welche Färbung des Konservativen die wichtigere sei, gäbe es – auf die Substanz bezogen – doch so etwas wie eine dem Begriff innewohnende Teleologie, die „bedingungslos gebotene Grenze der Verfügbarkeit des Menschen“.

Der Literaturwissenschaftler Christoph Fackelmann sinnt über Schwierigkeiten und Chancen des „Auslegens“, über das Problem christlicher Literatur-Interpretation, nach. Romano Guardini hat sich mit beachtlichem Einsatz darin versucht. Auf Hölderlin und Rilke bezogen, zeigt Fackelmann unterschiedliche Ansätze beim Deutsch-Italiener und bei Heidegger auf.

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Der Newman-Kenner und Dogmatiker Thomas Möllenbeck untersucht das Verhältnis des englischen Oratorianer-Kardinals zur Literatur, ausgehend vom Diktum Newmans, dass es so etwas wie christliche Literatur nicht geben könne. Der dies sagte, war selber eifriger Verfasser von lehrhaften Romanen und Dichtungen. Wenn er nun aber vor „christlicher Literatur“ warnte, ging es ihm darum, wie Möllenbeck sagt, die „Weltlichkeit der Welt“ zu verteidigen, der mit bewusst „frommer“ Literatur nicht beizukommen sei. Newman nannte es einen logischen Widerspruch, „eine sündelose Literatur des sündigen Menschen schaffen zu wollen.“

Katholische Ghettobildung, meinte der Konvertit damals, helfe niemandem. „Man nehme die Dinge, wie sie sind, und nicht, wie man sie wohl wünschen könnte.“ Das helle Licht aus dem Norden, der Philosoph Johann Georg Hamann (1730–1788), der Aufklärung nicht a-theistisch interpretierte, sondern Erkenntnis in der menschlichen Empfindung suchte, strahlt seit einiger Zeit wieder heller. Hamanns Herold ist Till Kinzel, der Hans Urs von Balthasar als Leser des Königsbergers vorstellt, sowie dessen Nähe zu Nicolás Gómez Dávila beleuchtet, dem kolumbianischen Aphoristiker. Balthasar stehe für eine katholische Lecture des Philosophen, der auch schon Grillparzer und Eichendorff zur Stellungnahme herausgefordert hatte.

„Christliche Neuzeit beginnt mit Hamanns Bekehrung“

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Der Schweizer Theologe widmete Hamann ein ganzes Kapitel in seinem mehrbändigen Werk „Herrlichkeit – Eine theologische Ästhetik“. Kinzel hält fest: „Hamanns Theologie ist ästhetisch, weil sie sinnlich ist – denn die Herunterlassung Gottes zu den Menschen kann nur auf dem Weg der sinnlichen Rede geschehen.“ Gómez Dávila ging so weit zu behaupten: „Die Geschichte des Christentums beginnt aufs neue mit dem ersten europäischen Bekehrten seit 1700 Jahren eines hergebrachten Christentums – mit der Bekehrung Hamanns“.

Atemberaubend, dass der Kolumbianer, der Bogotá kaum jemals verließ, Hamann überhaupt kannte und alles von und über ihn in seiner Bibliothek hatte. Gertrud von le Forts Roman „Der römische Brunnen“ wird ausgelotet von Gudrun Trausmuth, die der „seltenen Einheit von erzähltem Raum und Geschichte“ nachgeht.

„Der Lepanto Almanach gibt dieser Gegenwelt
zum nie endenden Aufruhr Stimme“

Die Stadt, verdichtet an einzelnen Orten, ist Mitspieler, nicht nur Schauplatz im Buch. Sie wird zur Herausforderung „der ihnen zugeordneten und ausgesetzten Personen“, schreibt Trausmuth. Der physische Raum wird von der Dichterin auf das Meta-Physische hin geöffnet. Die Begegnung der Konvertitin aus preußischer Offiziersfamilie hugenottischer Herkunft mit einer anderen Stadt, mit Magdeburg, schildert die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Sie schreibt: „Am Schicksal Magdeburgs lässt sich für le Fort Aufstieg und Absturz der Reichsidee ablesen.“ Magdeburg, allezeit die getreue Burg des Kaisers, steht 1630 vor einer neuen Situation, so Gerl-Falkovitz: „Der ,neue Glaube‘ will durch den Schwedenkönig zum Sieg kommen. Dagegen aber steht: Niemals könne sich Magdeburg einem anderen als dem Kaiser beugen.“

Nun, wir wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist. In einer der starken Szenen des Romans, als der Rat der Stadt schon für die Schweden optiert hatte, erglüht das Standbild des kaiserlichen Reiters auf dem Marktplatz, „als strahle draußen mitten in der Nacht noch einmal das Abendrot auf“, als sei Kaiser Otto noch einmal wiedergekommen. Später wird der schwedische Gesandte sich über das „alte Gespenst“ auf dem Platz lustig machen. „Le Fort“, so die Professorin, „sieht den Kern des Untergangs in dem Anspruch der Stadt auf eigenes Herrschen statt dem kaiserlichen Auftrag zu dienen“. Nichts Neues unter der Sonne also, der Mensch wird immer wieder in seiner Geschöpflichkeit versucht. Literatur beschreibt das, christliche Literatur kann es erklären. Der Lepanto Almanach gibt dieser Gegenwelt zum nie endenden Aufruhr Stimme. Er wird ein wichtiges Medium in der geistigen Auseinandersetzung werden; die 400 Seiten des neuen Bandes funkeln in allen Farben.


Lepanto-Almanach – Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte.
Band 2, Lepanto Verlag, Rückersdorf, 2021, 415 Seiten,
ISBN 978-3-942605-23-6, EUR 18,90

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19.09.2021, 13  Uhr
Heinrich Wullhorst
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