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Der Wahn der Machbarkeit

Die Autorin Christine Wiesmüller hat einen Band mit Lesedramen vorgelegt, in denen die „neuen Ideologien“ kritisch ausgeleuchtet werden.
Roboterhand greift nach Weltkugel
Foto: Imago/Christian Ohde | Der Mensch als Schöpfer? Wiesmüllers Dramen kreisen um die Versuchung, die Wirklichkeit nach den eigenen Vorstellungen zu formen.

„Die subjektive Befindlichkeit ist der Maßstab für die Wahrheit. Ich forme die Wirklichkeit nach meinen Vorstellungen, ich hauche ihr die Wahrheit ein. Das, was für mich gut ist, ist auch wahr. Endlich frei! Die Wahrheit ist verhandelbar, das ist der Paradigmenwechsel.

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Ethische Normen, die sich an einem Absoluten orientieren – irrelevant! Der Relativismus hat die Seinsordnung gesprengt, die Grenzen geöffnet. Sämtliche Fragen des Daseins werden nach Machbarkeit und Nutzen entschieden. Das große ‚Umerziehungsprogramm‘ wacht über dem politisch korrekten Denken. Alle Werte sind relativierbar und beruhen auf veränderbaren, gesellschaftlichen Übereinkünften.“, führt der Zyniker und Medienmogul Robert in Christine Wiesmüllers Drama „Der Weinberg“ aus.

Die nicht zu greifende Figur verdichtet den kritischen Ausgangspunkt des Schaffens der Autorin, die sich einer gleichermaßen kristallklaren wie harten Gegenwartsanalyse verschrieben hat. Diese fordert den Leser in ihren Dramen noch unmittelbarer als in ihrer – trotz aller Schonungslosigkeit – dennoch wunderbar schönen Prosa.

Es war eine Überraschung

Es war eine Überraschung, dass Christine Wiesmüller erfolgreichen Prosabänden wie „Mitternacht“ (2021) und „Der Ring“ (2019) im Be & Be-Verlag einen Band mit Dramen folgen ließ. Kühn, da bei der Form des Dramas – wo immer auch die Bühne als idealer Ort einer Realisierung mitgedacht ist – die Barriere des optionalen Lesers wohl höher liegt.

Doch die dramatische Zuspitzung, als deren Meisterin Wiesmüller sich in der Prosa etabliert hat, entfaltet in der ihr ursprünglich korrespondierenden Form eine in der heutigen Zeit ungewöhnliche Wucht, man möchte fast sagen: Gewalt. Der an Schulerfahrungen erinnernde Ausdruck „Lesedrama“ erscheint jedenfalls durch den Band „Kanaa“ plötzlich mit unerwarteter Farbigkeit und Plastizität positiv besetzt, und man möchte Schülern und Lehrern diese Art der lesenden Auseinandersetzung mit unserer Zeit durch packende dramatische Kunst einfach wünschen. Abgesehen davon wäre natürlich eine Bühneninszenierung der Dramen Wiesmüllers wünschenswert.

Rettende und versöhnliche Dimension 

In der Prosa wie im Drama sind Wiesmüller aktuelle gesellschaftspolitische Phänomene das Anliegen. Interessant, dass dabei die rettende und versöhnliche Dimension in der Prosa präsenter erscheint; man denke etwa an Wiesmüllers erschütternde Karfreitagserzählung „Das Kreuz“ im Prosaband „Mitternacht“. Das Drama Wiesmüllers hingegen geht noch radikaler vom negativen Ansatz aus und wirkt wesentlich offensiver. Es fordert radikal zur Stellungnahme, zur Positionierung heraus.

Ausgangspunkt ist vielfach das, was heute gerne als „woke“ bezeichnet wird. Wiesmüller selbst fasst es unter dem Begriff der „neuen Ideologien“ und greift Gender, Cancel Culture, In-vitro-Fertilisation, Political Correctness, Transhumanismus, Cyborgs und KI als verstörende Symptome jahrzehntelanger gesellschaftlicher Fehlentwicklungen auf. Bis hin zur Auflösung der Geschlechtsidentität spiegeln sich alle aktuellen Phänomene der „Wokeness“ im Dramenband der Österreicherin.

Ein Beispiel: Künstliche Befruchtung stellt für Christine Wiesmüller insofern einen fundamentalen Schnitt und Quantensprung dar, als dadurch eine Loslösung von der gesamten Tradition und Geschichte möglich ist. Im „Menschen-Machen“ setzt sich der Mensch in letzter Konsequenz an die Stelle Gottes – mit fatalen Folgen. Im Drama „Der Weinberg“ schwebt die technologische Option als zwanghafte Forderung über der leidvollen Sterilität des Ehepaares Mary und Franz.

Aber das ersehnte Kind muss auch perfekt, das heißt gesund, sein, sodass im offenbaren Widerspruch zur Sehnsucht nach einem Kind ein als „nicht perfekt“, das heißt behindert, diagnostiziertes Kind abgetrieben wird. Irgendwann steigt die – durch unzählige Behandlungen – an ihre Grenzen gebrachte, malträtierte Ehefrau aus: „Ich will das nicht mehr!“ Das Leiden an jener letzten „Nicht-Machbarkeit“ des Menschen wird in „Der Weinberg“ zum Fenster der Erkenntnis einer aus den Fugen geratenen Welt.

Ihr Aufschrei

Den neuen Ideologien setzt Wiesmüller die dramatische Überzeichnung ihrer Konsequenzen entgegen – das ist ihr Aufschrei als Künstlerin. Zugleich beklagt sie das Fehlen einer echten weltweiten Gegenbewegung, die intellektuell und analytisch argumentiert.

Wiesmüller, die sich ausdrücklich als „christliche Autorin“ bezeichnet, sieht sich einer gegebenen Seinsordnung verpflichtet und arbeitet im künstlerischen Akt eine gleichnishafte Dimension heraus – im Sinne von Heimito von Doderers Diktum: „Literatur muss gleichnishaft sein, sonst ist sie wertlos.“ Das Gleichnis- und Symbolhafte ermöglicht dem Rezipienten der Dramen die notwendige Balance zwischen Betroffenheit und Distanz, was das in allen Texten Christine Wiesmüllers zentrale kathartische Moment, also die Läuterung, erst ermöglicht: auf der Ebene des Textes gleichermaßen wie bei der individuellen Aktualisierung des Textes im Akt des Lesens.

Die erschütternde Deutung der Wirklichkeit und des Menschen im absoluten Relativismus und Individualismus ist großartig verdichtet im Drama „Der Weinberg“. Hier wie auch in „Kanaa“ und „Der rote König und die weiße Braut“ gibt es in der Menge der Figuren Boten einer möglichen Umkehr: einzelne Hoffnungsgestalten, die sich rettend von der aus den Fugen geratenen Welt absetzen und – einem trostvollen Rest an gesundem Empfinden folgend – in die dem Menschen gemäße Ordnung zurückkehren.

Zum Teil aber nicht ohne schwerste Verletzungen an Leib und Geist; herzzerreißend dargestellt anhand von Mary, die, eingespannt in den Kreislauf von In-vitro-Versuchen, Abtreibung und Machbarkeitsdenken, in ihrem psychisch bedenklichen Zustand hellsichtig wird: „Ich habe Angst vor der Verstümmelung, ich kann sie schon spüren. Ich habe Angst, dass mein Denken verstümmelt wird, dass ich nicht mehr klar sehen kann.

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Ich spüre den Schmerz schon überall am Körper. Ich weiß nicht mehr, was wahr ist.“ Das Fehlen des Maßstabs, der sich an einer überzeitlichen Wahrheit orientiert, ist das entscheidende Phänomen der Gegenwartsanalyse in den Dramen Wiesmüllers.


Christine Wiesmüller: Kanaa. Dramen, Heiligenkreuz: Be & Be Verlag, 2024, 296 Seiten, Softcover, EUR 21,90

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