Wie wörtlich hat man die Forderungen des Evangeliums nach Armut, Besitzaufgabe und Selbstverleugnung zu nehmen? Diese Frage begleitet das Christentum von Anfang an. Für die Masse seiner Anhänger lief es stets auf einen von der kirchlichen Obrigkeit genehmigten Kompromiss hinaus. Das absolute Kontrastprogramm zu einer solchen Form von verbürgerlichtem Christentum ist das ägyptische Mönchtum. Einer seiner bekanntesten Vertreter ist Antonius der Große, dem der Patriarch Athanasius von Alexandrien schon kurz nach seinem Tod eine Biografie widmete. In lateinischer Übersetzung war der auf Griechisch verfasste Text auch im Westen jahrhundertelang eine beliebte Klosterlektüre und hat die abendländische Imagination zutiefst geprägt: In der Malerei findet man seine Spuren etwa auf den Antonius-Darstellungen des Isenheimer Altars.
Der Göttinger Patristiker Peter Gemeinhardt hat den berühmten Text erneut ins Deutsche übersetzt und in der Reihe „Fontes Christiani“ mitsamt dem griechischen Text, einer gründlichen Einleitung und ausführlichen Anmerkungen herausgegeben. Diese Ausgabe liegt nun auch in einer Sonderausgabe vor, die im Gegensatz zu den Originalbänden dieser Serie einigermaßen erschwinglich ist. Der Leser taucht in die faszinierende und mitunter auch verstörende Welt des berühmtesten ägyptischen Mönchsvaters ein. Dass dessen spirituelle Praxis ihre befremdlichen Seiten hatte, darf man nicht verschweigen: Wie Antonius gerochen haben mag, nachdem er sich jahrzehntelang nicht einmal mehr die Füße gewaschen hatte – vom restlichen Körper ganz zu schweigen –, das will man sich nicht einmal vorstellen.
Ein Eremit und die Kirche
Doch extreme Körperfeindlichkeit fand man damals nicht nur bei christlichen Asketen, sondern auch in Kreisen der paganen Philosophie, etwa im Neuplatonismus. Man wird Antonius’ mangelhafte Hygiene wohl als Teil des „Ersatz-Martyriums“ verstehen müssen, als das sich das ägyptische Mönchtum präsentierte. Denn auch wenn Antonius im Laufe seines extrem langen Lebens (251–356) noch Zeuge von Christenverfolgungen wurde, war das Christentum in Ägypten schon so stark verbreitet, dass seine Feinde mit ihren Maßnahmen keinen durchgreifenden Erfolg mehr erzielen konnten.
In vorgerücktem Alter erlebte er noch die Konstantinische Wende. Damit waren freilich neue Probleme verbunden, wie die Häresie des Arianismus, gegen die er sich deutlich erklärte. Sein Biograf Athanasius, dessen Wirken als Bischof bekanntlich ganz im Zeichen der Arianismus-Bekämpfung stand, kann das natürlich gar nicht genug hervorheben. Auch in anderer Hinsicht merkt man zielsichere Akzentsetzungen: Athanasius betont die von Antonius gelebte Allianz zwischen Mönchtum und bischöflich verfasster Amtskirche, die in Mönchskreisen damals keineswegs selbstverständlich war.
Johannes Cassian etwa war der Ansicht, der Mönch müsse „vor allen Dingen den Bischof und die Frau fliehen“ – und zwar in dieser Reihenfolge. Anderes lässt Athanasius unausgesprochen: etwa die Tatsache, dass der Eremit Antonius in spiritueller Selbstgenügsamkeit jahrzehntelang keine Kirche mehr betreten und an keiner Liturgie teilgenommen hatte.
Einfach gestrickt, aber schlagfertig
Blickt man auf die literarische Gattung dieser Heiligenvita im Kontext ihrer Zeit, so ist klar, dass Athanasius hier bewusst einen Gegenentwurf zu den in paganen Kreisen beliebten Philosophen-Biografien liefern wollte, mit denen weder er noch sein Protagonist etwas anfangen konnten.
Weder Antonius noch Athanasius hatten – im Gegensatz zu den meisten anderen Kirchenvätern – die traditionelle, klassische Bildung erhalten, sondern ihren Geist von Kindesbeinen an eifrig an der Bibel genährt und sie sich in ihren verschiedenen Teilen tief ins Gedächtnis eingeprägt. Antonius beherrschte, anders als Athanasius, nicht einmal die Bildungssprache Griechisch, sondern sprach nur Koptisch und musste bei Streitgesprächen mit hellenisch Gebildeten auf Dolmetscher zurückgreifen.
Um Worte verlegen war er aber dennoch nicht, wenn er den Intellektuellen seiner Zeit entgegenschmetterte: „‚Ihr aber, was meint ihr? Was ist zuerst, Verstand oder Bildung? Und was ist des anderen Ursprung, der Verstand für die Bildung oder Bildung für den Verstand?‘ Als jene sagten, der Verstand sei zuerst und der Erfinder der Bildung, sagte Antonius: ‚Bei wem sich also der Verstand in gesundem Zustand befindet, für den ist schulmäßige Bildung nicht notwendig!‘“
Kämpfe mit den Dämonen
Eine weit größere Rolle als solche intellektuellen Scharmützel spielen in der Antonius-Vita die Kämpfe mit den Dämonen, die der Heilige angeblich durchzufechten hatte – und zwar teilweise mit den eigenen Fäusten. Sie haben die Fantasie der Nachwelt intensiv beschäftigt. Dem Mönchsvater und seiner Schar gegenüber soll Satan höchstpersönlich seine Niederlage mit folgenden Worten eingestanden haben: „Ich habe keinen Platz mehr, keine Waffe, keine Stadt. Überall gibt es schon Christen, und nun hat sich auch noch die Wüste mit Mönchen gefüllt.“
Doch wie verhält es sich mit der historischen Verlässlichkeit dieser Vita? Vom dokumentarischen Anspruch eines modernen Sachbuchs kann hier natürlich nicht die Rede sein. Doch immerhin verfasste Athanasius seine Antonius-Biografie nur kurz nach dem Tod des Eremiten, als noch zahlreiche andere Zeitzeugen vorhanden waren. Allzu frei über das Leben und Wirken seines Protagonisten fantasieren konnte er nicht, denn das hätte sicher Proteste ausgelöst.
Es gehört zu den Paradoxen des Christentums, dass aus weltfeindlichem Eremitentum schließlich das abendländische Mönchtum als kulturschöpferische Macht hervorging. Dass Antonius damit einverstanden gewesen wäre, darf man nach Lektüre dieser Vita bezweifeln.
Athanasius: Vita Antonii – Leben des Antonius, eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Peter Gemeinhardt, Fontes Christiani, Freiburg: Herder Verlag, 2026, gebunden, 384 Seiten, gebunden, EUR 38,–
Der Rezensent ist promovierter Latinist.
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