Frankreich

Der „Fall Barbarin“ in der Rückblende

In den Erinnerungen des emeritierten Erzbischofs von Lyon an die Missbrauchskrise und den Prozess gegen ihn, den „Fall Barbarin“, spiegelt sich die Tragik der Kirche.
Philippe Barbarin während seines Prozesses
Foto: Laurent Cipriani (AP) | Kardinal Philippe Barbarin verkörperte über Monate hinweg die Zielscheibe öffentlicher Kritik an der Kirche.

Kaum ein Strafprozess hat die Öffentlichkeit Frankreichs im letzten Jahrzehnt so sehr geprägt wie der „Fall Barbarin“. „In Frankreich gibt es jetzt nur einen Pädophilen - und das bist du“, habe ihm einer seiner Verwandten inmitten der Krise eines Tages ins Gesicht gesagt, erzählt der Kardinal und ehemalige Primas von Frankreich. Dieser Satz fasst die Tragik der Figur zusammen, deren Name – ohne selbst jemals zum Täter geworden zu sein – heute stellvertretend für den Skandal des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in der Kirche Frankreichs steht. Am 30. Januar 2020 wurde Kardinal Philippe Barbarin im Berufungsverfahren von dem Vorwurf freigesprochen, einen Missbrauchstäter gedeckt und die Arbeit der Justiz behindert zu haben. Kurz danach nahm Papst Franziskus sein wiederholtes Rücktrittsgesuch als Erzbischof von Lyon an. Heute lebt der Kardinal als einfacher Hausgeistlicher einer Frauengemeinschaft im Erzbistum Rennes.

Der fe-Medienverlag hat vor Kurzem die persönliche Rückschau Kardinal Barbarins auf seinen Prozess übersetzt und veröffentlicht. In einer Mischung aus Innenschau und Analyse schont der emeritierte Erzbischof von Lyon weder sich selbst noch Kirche, Medien und Gesellschaft. Zwischen 1971 und 1991 hatte sich der Priester und Missbrauchstäter Bernard Preynat wöchentlich an insgesamt mehr als 70 Kindern vergangen. Der Vorvorgänger Kardinal Barbarins als Erzbischof von Lyon hatte ihn 1991 von seiner Pfarrei entfernen lassen; später wurde Preynat jedoch wieder in verschiedenen Gemeinden eingesetzt. Opfer nach 1991 sind nicht bekannt. Hinter vorgehaltener Hand gemurmelte Gerüchte kreisen, angefangen bei seiner ehemaligen Gemeinde. Niemand weiß oder sagt Genaues. Als 2014 ein Opfer Preynats mit Barbarin Kontakt aufnimmt, der seit 2002 Erzbischof von Lyon ist, schickt Barbarin unverzüglich einen Bericht nach Rom und unterstützt den Betroffenen, als dieser die Justiz einschaltet. Fassungslos muss er 2015 und 2016 miterleben, wie er selbst im Laufe der Enthüllungen rund um den Fall Preynat zur „Schwarzen Bestie“ der französischen Medien wird.

Offen spricht der Kardinal von persönlichen Fehlentscheidungen, wie etwa, dass er 2015 dem Rat Roms gefolgt ist, Preynat erst zum Jahresende zu suspendieren, anstatt ihn sofort aus dem Amt zu entlassen. So stand der Missbrauchstäter bei der vorösterlichen Chrisammesse in der Reihe der Diözesanpriester, was die Wut der Opfer hervorrief. Als ungerechtfertigt empfindet er – und weite Teile der katholischen Öffentlichkeit – das mediale Stahlgewitter, das auf ihn hereinprasselt, trotzdem: „Ich habe niemals versucht, pädophile Taten zu decken oder die Arbeit der Justiz zu behindern.“ Dabei beruft sich Barbarin auch auf verschiedene andere Fälle von Missbrauch, in denen er rasch und entschieden gehandelt hat.

Persönliche Einblicke

Das Buch gibt sehr persönliche Einblicke in das Glaubens- und Gefühlsleben des Mannes, der bei Ausbruch der Missbrauchskrise inmitten des Sturms gestanden hat. Immer wieder gehen seine Gedanken zu den Opfern, die als Kinder unvorstellbares Leid erdulden mussten, welches ihr ganzes Leben prägt. Er berichtet vom Scheitern der Kirche, die Priesteramtskandidaten nicht immer sorgfältig genug auswählte, die lange Zeit die Schwere der Taten verkannte, und deren Reaktion spät und verhalten erfolgte. Nicht nur die Kirche, auch die Gesellschaft habe lange Zeit die Schwere des sexuellen Kindesmissbrauchs verkannt, wofür Barbarin auch die Liberalisierung der Sexualmoral seit den Sechzigerjahren verantwortlich macht. Die Mauer des Schweigens und der Scham verdeckte nicht nur innerhalb der Kirche, sondern auch innerhalb der gesamten Gesellschaft den himmelschreienden Skandal.

Eine lange Reflexion widmet der Kardinal der geistlichen Dimension des Kindesmissbrauchs, der für ihn in der Kirche ungleich schwerer wiegt als in anderen Kontexten. Der Kardinal identifiziert die geistliche Beziehung zwischen Priester und Gläubigem als potentiellen Schwachpunkt, der mit größter Sorgfalt gehütet werden muss: „Wenn jemand sein Herz öffnet, können wir da nur wie in ein Heiligtum eintreten, in einen Ort, der vom Mysterium Gottes bewohnt ist.“ Wenn die menschliche Person nicht mit unendlichem Respekt behandelt wird, öffnet dies allen Arten von Missbrauch Tür und Tor, mahnt Barbarin an. Hellsichtig und demütig beschreibt er den Priester als einen „Sünder der gewöhnlichen Art“, der ebenso wie andere Menschen den Versuchungen von Geld, Macht und Sexualität gegenübersteht. Wachsamkeit, Gebet, geistliche Unterscheidung und die Beichte seien die Mittel, dem Bösen in der Kirche gegenüberzutreten. Die kirchliche Erneuerung, nach der der Missbrauchsskandal ruft, sieht Kardinal Barbarin folgerichtig nicht in einer Veränderung der Strukturen, sondern einer geistlichen Umkehr der Herzen.

Lesen Sie auch:

Gewinnbringende Analyse

Ausführlich beleuchtet der Autor auch die Rolle der Medien, die aus seinem Prozess wegen angeblicher Vertuschung einen Schauprozess gegen die Kirche in Gestalt eines konservativen Kardinals gemacht haben. Dabei wird die seelische Not eines Menschen deutlich, der jahrelang Tag und Nacht stellvertretend für so viele Täter in den Reihen der Kirche am Pranger stand und der versucht, seinen Weg im Vertrauen auf Gott zu gehen und Sinn in seinem Schicksal zu finden, das ihn tief gezeichnet hat. Diesen Sinn findet er in seinem Dienst an den Betroffenen. Wenig bekannt ist nämlich, dass Barbarin nicht nur zum Inbegriff der Pädophilie in der Kirche geworden ist, sondern auch Anlaufstelle für zahlreiche Opfer sexuellen Missbrauchs. Darüber hinaus, so ist sich der Kirchenmann sicher, habe sein „Fall“ dafür gesorgt, das Drama des sexuellen Missbrauchs auch über die Kirche hinaus endlich ins Licht zu stellen.

Nicht die volle Punktzahl erhält die Publikation für Übersetzung und Lektorat. Die über weite Strecken beinahe wörtliche Übersetzung – inklusive Übernahme des französischen Satzbaus – erschwert das Verständnis mancher Textstellen und macht die Lektüre etwas sperrig: Dem Leser ist auf jeder Seite bewusst, dass es sich um eine Übersetzung handelt.

Nichtsdestoweniger bietet der Text eine schonungslose und gewinnbringende Analyse des sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Die persönliche Sichtweise eines Menschen, der im Mittelpunkt der Krise stand, ermöglicht es, die vielschichtigen Aspekte der Katastrophe abzuwägen, ohne die Kirche und ihre Amtsträger einseitig zu verurteilen oder sie umgekehrt von aller Verantwortung freizusprechen.


Philippe Kardinal Barbarin: Nach bestem Wissen und Gewissen. Der Fall – die Kirche – die Wahrheit eines Menschen. fe Medienverlag 2022, 229 Seiten, ISBN 9783863573485, EUR 12,80

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Franziska Harter Erzbischöfe Erzdiozösen Kardinäle Papst Franziskus Pfarreien Sexualethik

Weitere Artikel

Das mediale Sommertheater im Erzbistum Köln täuscht: Es gibt keinen neuen Sachstand im Fall Woelki, aber neue Grenzüberschreitungen im Erzbistum.
19.08.2022, 15 Uhr
Regina Einig
Im Kölner Klerus wächst das Erstaunen über den Umgang mit dem Kardinal. Das gesamte Erzbistum sehnt eine Entscheidung des Vatikans zur Zukunft Woelkis herbei. Ein Kommentar.
26.07.2022, 11 Uhr
Regina Einig

Kirche

Der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping analysiert das Magnus Striets Buch „Für eine Kirche der Freiheit“
07.12.2022, 11 Uhr
Vorabmeldung
Papst Franziskus überreicht den renommierten Ratzinger-Preis an den französischen Dogmatiker Michel Fedou SJ und den Rechtsgelehrten Joseph Halevi Horowitz Weiler.
06.12.2022, 14 Uhr
Stephan Baier
Der Ton bei Kirchens wird rüder. Nun verschärft das Internetportal katholisch.de seine Netiquette und stellt Kriterien auf, über die man streiten kann.
03.12.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Die Gruppe, die zum kontinentalen europäischen Vorbereitungstreffen der Weltsynode nach Prag fahren soll, repräsentiert die deutschen Katholiken in keiner Weise.
02.12.2022, 11 Uhr
Dorothea Schmidt
Nach russischer Empörung wurden die Internetseiten des Heiligen Stuhls attackiert. Auffällige Parallelen zum Hacker-Angriff auf das Europäische Parlament.
01.12.2022, 12 Uhr
Meldung