Gottsuche

Der die Feder führt, weist auch jedem seinen Weg

„Gottfinder“ wieder in den Blick gebracht: Auch Dichter-Porträts können ein Mittel der Verkündigung sein.
Sonderausstellung im Kloster Vessra Eine Statue des Hl. Augustinus von Hippo (um1900) ist in der Sonderausstellung Weiße
Foto: via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Der Hl. Augustinus hat mit seinen „Confessiones“ die erste Autobiographie der Literaturgeschichte vorgelegt.

Matthias Hilbert, der ehemalige Gymnasiallehrer und Literaturkenner, hat nach seinem erfolgreichen Sammelband „Gottsucher“ mit zwölf Dichterportraits ein neues Eisen im Feuer. Wer Gott sucht, findet ihn oder wird von ihm gefunden: Die „Gottfinder“ sind wiederum ein gutes Dutzend Schriftsteller und Dichter. Erneut sind bekannte Namen vertreten, wie auch einige, die – meist zu Unrecht – aus dem Blick geraten sind. Und wieder gefällt die präzise und knappe Form, mit der Hilbert vorgeht und die fern von jedem frömmlerischen Schwulst ist.

Gemeinsam ist den Porträts, dass der Einbruch des Gottesereignisses nicht als philosophisch-akademische Angelegenheit geschildert wird, sondern als das, was es ist, ein persönlicher und meist auch erschütternder Wendepunkt in der Existenz. Wer hätte diesen Perspektiven- und Paradigmenwechsel besser verkörpert als Augustinus von Tagaste, gleich bedeutend als Autor wie als Denker und Bischof? Mit seinen „Confessiones“, den Bekenntnissen, hat er wohl die erste Autobiographie der Literaturgeschichte vorgelegt und kann zudem für sich in Anspruch nehmen, zu den Urvätern der Psychoanalyse zu gehören. Sehr ehrlich geht der spätere Heilige mit seinen unheiligen Jugendjahren ins Gericht. In dieser Zeit „verbrachte ich mein Leben in wechselnden Leidenschaften als Verführter und Verführer, als Betrogener und Betrüger, hier wie dort aber voll leerer Eitelkeit“. Sehr menschlich auch, wie er sein Zögern schildert, als ihm schon die Notwendigkeit und Möglichkeit des Glaubens aufschien: „Gleich, ja gleich, Warte noch ein bisschen! Aber das ,Gleich, gleich‘ kam nie gleich und das ,Warte noch ein bisschen!‘ zog sich in die Länge.“ Kaum zu glauben, dass dieser Mann und Vater eines unehelichen Kindes Priester, Bischof, Kirchenlehrer und einer der bedeutendsten Philosophen wurde. Doch hatte er aus tastenden Anfängen zur Gewissheit gefunden, weil er erleben durfte, dass Gott den, der sich ihm vorbehaltlos zuwendet, innerlich erneuert.

Claudels Dichtung hat es heute schwer, lohnt sich aber

Augustinus bleibt immer ehrlich und sieht genau hin: „Der Mensch ist sich selbst ein gewaltiger Abgrund. Seine Haare lassen sich leichter zählen als seine Triebe und die Regungen seines Herzens.“ Paul Claudels Dichtung hat es heute schwer; der Schriftsteller-Kollege und Schulkamerad Romain Rolland spricht von seiner leidenschaftlichen, zuweilen übersteigerten Empfindsamkeit. Wie so viele andere rang er mit Gott und widersetzte sich ihm, auch wenn er mit achtzehn Jahren in Notre Dame ein überwältigendes Offenbarungserlebnis hatte. Dem „Figaro“ gibt er 1937 über seinen Kampf gegen die säkularisierte und materialistische Kultur Auskunft: „Ich war ihr Feind, der ihr gefährlicher wurde als andere.“ Claudel rang fortwährend mit sich selbst, seiner Neigung zur Untreue, dem unerfüllbaren Wunsch Priester oder Mönch zu werden. Häufig erscheint das Motiv der tragischen Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen, die sich magnetisch anziehen und die füreinander bestimmt zu sein scheinen in seinem Werk. Natürlich verfehlen die beiden einander. So gewann er die Gewissheit, dass das Leben auf Erden für den Menschen ein Kampf- und Bewährungsfeld ist – mit Gott aber nicht als unbeteiligten Zuschauer, sondern Mitwirkenden. Er scheut in seinen einstmals viel gespielten Theaterstücken nicht davor zurück, eine Stimme vom Himmel ertönen zu lassen.

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Mit Claudel gemeinsam hat T. S. Eliot, dass er zu Lebzeiten hoch geehrt wurde, im Gegensatz zum Franzosen sogar den Literatur-Nobelpreis bekam. Auch beim Angloamerikaner gibt es eine bewusste Zuwendung zum Christentum, in diesem Fall zur anglikanischen Hochkirche. Ein gewisser melancholischer, auch resignativer Grundton ist in seinem Werk nicht zu überhören. Die Schriftsteller dieser Zeit wussten bereits, dass die christlich geprägte Kultur auf dem Rückzug war. Lärm und Ablenkung waren Eliot Erzübel, weil sie den Menschen vom Nachdenken über sich selbst abhielten. Im Gedicht „Aschermittwoch“ fragt er: „Wo wird das Wort fündig werden, wo wird das Wort mündig werden? Nicht hier, hier ist?s nicht still genug.“ In einem anderen Werk heißt es: „O elendes Geschlecht der aufgeklärten Menschen. Verraten in den Verästlungen eures Scharfsinns ... Ich gab euch Sprache, ihr zerredet alles. Ich gab euch mein Gesetz, ihr bildet Ausschüsse.“ Eliot bleibt aber nicht bei der Problembeschreibung stehen, sondern will Lösungen anbieten. Das Schuldeingeständnis gehört für ihn, dessen erste Ehe scheiterte, dazu, der Verzicht, zu eigener Rechtfertigung ein Lügengespinst aufzubauen.

Bekennende Kirche

Für viele kaum bekannt wird der 1986 verstorbene Willy Kramp sein, gelernter Lehrer und Mitglied der Bekennenden Kirche. Er war sich früh über den dämonischen und antichristlichen Charakter des NS-Regimes im Klaren, stand im Kontakt mit Vertretern des aktiven Widerstandes. Kramp ging davon aus, dass sich an der Gestalt Jesu Christi notwendig die Wege teilten: „Hier galt es, sich für oder wider zu entscheiden, denn auch die dämonische Gegenmacht enthüllte, je länger desto deutlicher ihre grausige Gestalt.“ Der 1939 erschienene Roman „Die Fischer von Lissau“ erzählt, inspiriert von Begegnungen des Autors mit Fischern am Frischen Haff in Ostpreußen, die lutherisch verstandene Botschaft von Erlösungsbedürftigkeit und Erlösungsfähigkeit des Menschen. Aus „schwerer kreatürlicher Gebundenheit“ wollte er lösen, über die Botschaft der Bibel die „nüchterne Wahrheit über den Menschen“ bieten und dessen Hingabefähigkeit stärken. Den Subtext des Buches bemerkten die Machthaber sofort und suchten sein Erscheinen zu verhindern, was aber nicht gelang, nachdem man aus Schweden eine Papierlieferung organisiert hatte.

Leiter der evangelischen Studentenförderung

Nach dem Krieg erlebte der stille und bescheidene Schriftsteller Anerkennung als Leiter der evangelischen Studentenförderung und Sprecher des Wortes zum Sonntag. Auch Dorothy L. Sayers, die Krimi-Autorin, hat mehr zu bieten als Unterhaltungskost. Die Romane um den leicht exzentrischen Gentleman-Detektiv Peter Wimsey sind zwar eine wunderbare Lektüre, seine Erfinderin schickt den Lord aber 1937 nach gut einem Dutzend Fälle in die Pension. Nun schrieb Sayers christliche Dramen und nahm in Essays aus christlicher Sicht Stellung zu aktuellen Themen. Dass heutzutage die völlig in „politischer Korrektheit“ badende BBC eine Hörspiel-Reihe über das Leben Jesu in Auftrag gibt, wie Dorothy Sayers sie unter dem Namen „Zum König geboren“ in zwölf Folgen bis 1942 vorlegte, ist wohl ausgeschlossen. Im letzten Weltkrieg versammelten sich bis zu zwei Millionen Briten vor dem Radio, um zuzuhören. Sayers, Tochter eines Pfarrers und Mutter eines unehelichen Sohnes, lebte ein wenig mystisches, aber selten angefochtenes nüchternes Christentum:„Ich neige nicht dazu, eine ästhetische Freude an Ritualen oder an Architektur mit moralischer Tugend zu verwechseln, oder zu meinen, dass das Vergießen einiger ergriffener Tränen über die Kreuzigung gleichbedeutend mit der Kreuzigung des alten Menschen in mir selbst sei.“ In ihrem Essay „Sind Frauen Menschen“ bringt sie eine erfrischend realitätsbezogene Sicht auf den Feminismus zum Ausdruck.

Im Anhang seines sehr zu empfehlenden Buches legt Matthias Hilbert einen nützlichen Exkurs über Georges Bernanos und die anderen Großen des Renouveau catholique vor, der ja europaweit wirkte.

Matthias Hilbert: Gottsucher – Dichter-Bekehrungen durch die Jahrhunderte. Steinmann Verlag, Neuenkirchen/Soltau 2021, 141 Seiten, ISBN 978-3-927043-83-1, EUR 16,80

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