Würzburg

Das Schwingen der Seele

Sophie von Maltzahn ist nicht katholisch. In ihrem neuen Roman "Liebe in Lourdes" nähert sie sich dem bekannten Wallfahrtsort auf ihre Weise. Was steckt dahinter?
Ubi caritas: Impression von einer Malteser-Wallfahrt nach Lourdes
Foto: malteser/Karolina Kasprzyk | Ubi caritas: Impression von einer Malteser-Wallfahrt nach Lourdes.

Frau von Maltzahn, Sie waren selbst mehrfach als Pilgerin in Lourdes, nun haben Sie einen Lourdes-Roman veröffentlicht. Was war Ihre Motivation, sich zu dem bekannten französischen Wallfahrtsort zu begeben?

Ich habe von den Pilgerzügen durch eine Cousine gehört, und fand das gesamte Konzept ausgesprochen anziehend. Sie müssen sich vorstellen: Ich bin evangelisch-lutherisch getauft und erzogen worden. Ohne Marienanbetungen, Rosenkränze oder „hoc est enim corpus meum“. Dazu kommt, dass ich seit meiner Jugend im atheistischsten Gebiet der Welt zu Hause bin: in Mecklenburg-Vorpommern, im ehemaligen Ostdeutschland. Meine Welt ließ die Antwort mancher Lebensfragen offen.

Lourdes war für mich eine Entdeckung, voller Exotik des Neuen, die gleichzeitig die Entdeckung etwas bereits Eigenem bereithielt, schließlich bin ich ja selbst auch Christin. Der Wallfahrtsort entpuppte sich für mich schnell als ein Ort der Aufgeladenheit. Man spürt dort eine ganz besondere Energie, es ist ja schließlich der Erscheinungsort einer göttlichen Kraft. Hinzu kommt das Gefühl, dort eine Zeitreise zu erleben. Ich habe mal Ägyptologie und Archäologie studiert. In der Forschung weiß jeder, wie problematisch es sich gestalten kann, wenn sich auf eine historische Wahrheit geeinigt werden muss; wie viele tintenblutreiche Schlachten von den klügsten Köpfen geschlagen werden, um sich halbwegs harmonisch auf eine historisch korrekt überlieferte Prozessionsroute zu einigen. Für mich war die Teilhabe an einem echten Prozessionszug sehr erkenntnisreich und inspirativ, und das habe ich dann versucht, mit der Figur der Kassandra zum Ausdruck zu bringen.

Warum haben Sie angesichts dieses persönlichen Erfahrungsreichtums letztlich die fiktionale Form des Romans gewählt?

Gibt es das, eine nichtfiktionale Form des Romans? (lacht) Der Roman macht es doch möglich, eine neue Geschichte auf der Spiegelfläche der Wirklichkeit zu erfinden. Dann wird der Text zum Schmetterlingsnetz und versucht möglichst überzeugend, ein Fragment der Wirklichkeit einzufangen. Hier tritt gewiss eine deutlicher Realismus zu Tage. Dennoch, das Buch ist ein Roman und keine Autobiografie, genauso wie ein Spielfilm keine Reportage ist. Auf meiner dritten Reise nach Lourdes ist die Gewissheit quasi in mich eingefahren, dass „Lourdes“ mein nächster Roman sein wird. Es kam mir beim letzten Kinderabendgebet im Acceuil. Der Zeitpunkt passte perfekt, denn ich hatte gerade mein Erstlingswerk abgeschlossen, und wieder Platz im Kopf für Neues.

Sie geben ein wichtiges Stichwort: die Jugendlichen, die Sie auf der einwöchigen Reise begleitet haben. Sie waren auf all diesen Fahrten stets als Betreuerin behinderter Kinder aktiv. Was haben denn diese intensiven zwischenmenschlichen Erfahrungen in Ihnen bewegt?

Das Kernidee der Reise besteht in einer Eins-zu-Eins-Betreuung der Kinder, wodurch enge Kontaktsituationen entstehen. Die Kinder bringen dich schnell in eine ganz besondere Stimmung. Und dann wird's witzig, dann werden Schokoladentafeln gegossen und mit Smarties dekoriert. Oder Musik gemacht und neue Raps erfunden, die dann bei der Kinderdisko zur Aufführung kommen. Ich muss sagen: In diesem Jahr waren wieder auffällig viele Musiktalente unter den Lourdesfahrern. Es gibt auch Kinder, wo der Pflegeaufwand aufgrund ihrer körperlichen Beeinträchtigungen hoch ist. Darüber hinaus überträgt sich das Kümmerantentum, das man für die Kinder entwickelt, auch auf das Team. Ein hohes Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht. Das ist eines der Konzepte dieser Wallfahrt, das dazu führt, dass ihre Teilnehmer ein ganz spezielles Gefühl von Liebe miteinander erleben. Und ja, natürlich ist das, meiner Meinung nach, die göttliche Liebe, die da über allen ausgegossen wird. Diejenigen, die diese Betreuungsfahrten mitmachen, speisen sich aus dem Bekannten- und Freundeskreis rund um den Orden der Malteser. Es gibt auch ganz viele andere Orden, etwa aus Italien und Frankreich, die ähnliche Kinderwallfahrten anbieten.

Kommen wir etwas näher auf Ihr Buch zu sprechen. Im Zentrum steht Kassandra, die, wie Sie, an der Seite eines behinderten Kindes und als Teil eines Pflegerteams nach Lourdes reist und dort sehr einschneidende Erfahrungen des Glaubens macht. Mitunter glaubt sie immer wieder, der Boden unter ihren Füßen würde wegbrechen. Was wollen Sie mit dieser Figur zeigen?

Ich habe versucht, mit Kassandra etwas von dem Epiphanie-Gefühl zu vermitteln, das es in Lourdes zu finden gibt, weil dieser Ort eben eine andere Form der Realität für sich beansprucht. Wenn sich ein Pilgernder öffnet, strömt sehr viel Energie ins Innere. Bei meiner Protagonistin spielt besonders eine Nachtwache, die sie auf der Kinderstation im Accueil übernimmt, eine wichtige Rolle. Denn in diesen intensiven Momenten, in der Begegnung mit dem Göttlichen, bemerkt sie, wie sich die Realitätsgrenzen um sie herum auflösen. Glücklicherweise trifft sie auf Oki, der mehr Erfahrung mit diesem Ort hat und der sie begleitet und die Erleuchtungsmomente, ja, dieses Schwingen der Seele, auch einzuordnen weiß. Dadurch fängt er sie auf. Mir ging es vor allem darum, anhand dieser beiden Figuren das grundsätzliche Ritual der Begegnung in Lourdes zu behandeln. In Oki und seiner Weise, Kassandra aufzufangen, offenbart sich auch eine Form von Barmherzigkeit, die natürlich diesen ganzen Ort in vielfältiger Hinsicht trägt.

Nun darf man sich Kassandra nicht als schwärmerische Frau des Glaubens vorstellen. Vielmehr begegnet sie uns von Anfang an in der Haltung der Skeptikerin. Hatten Sie selbst ähnliche Zweifel an Lourdes, bevor Sie sich zur Reise entschlossen oder sind die erst an der Pilgerstätte aufgekommen?

Ich war nicht skeptisch, es hat mich niemand dorthin gezwungen oder gedrängt. Ich war bereit für Neues, aber deshalb schaltet sich ja das Denken nicht aus. Meine Figur Kassandra nimmt auch nicht alles für bare Münze, was man ihr präsentiert. Sie ist Archäologin und hat als solche berechtige Zweifel an der Überlieferung über die wahren Umstände während der épiphanía maría immaculatá. Manches stimmt für sie hier noch nicht. Sie stört sich an märchenhaft wirkenden Interpretationen, die manche Mitpilger als Glaubenswahrheit entwickelt haben. Kassandra hat bei der Frage nach der „Immaculata Conceptio“ jedenfalls eine eigene Theorie. Die diskutiert sie dann auch mit Oki, während sie durch den Heiligen Bezirk laufen. Händchen haltend.

Das Buch ist auch eine Liebesgeschichte. Warum haben Sie diesen Rahmen für Ihre Geschichte gewählt?

Zunächst einmal will ich festhalten, dass dieses Narrativ nicht autobiografisch ist. Aber jeder weiß, dass es die sogenannten Lourdes-Pärchen gibt. Es passiert natürlich, dass sich Menschen in Lourdes verlieben oder verliebt bleiben. Das hängt mit dem Ort unmittelbar zusammen. Die Handlungen haben etwas Liebreizendes, weil sie gewissermaßen das Beste in den Menschen hervorbringen. Es verschwinden viele Barrieren, die uns im Alltag trennen. Eine Lovestory gehört unbedingt zum Lourdes-Kosmos. Liebe ist dort eine universelle Erfahrung, die sich auf verschiedene Beziehungen erstreckt: zu den Kindern, zum Team, aber auch in eine Selbstliebe im Sinne einer inneren Zufriedenheit. Und darüber hinaus vielleicht sogar zu einem möglichen neuen Partner fürs Leben.

Verhandelt der Roman das Thema Sexualität für katholische Leser nicht zu respektlos? Setzt er sich ausreichend vom pornografischen Zeitgeist ab?

Ich bin selbst erstaunt, dass mein Buch von Kritikern, etwa in der Wiener Zeitung, so drastisch ins sexuelle Lager abgeschoben wird. Ich lese von „sexuellen Eskapaden“, die da angeblich stattfinden sollen. Das gibt mein Text aber gar nicht her! Die Phantasie des Kritikers anscheinend schon. Natürlich werden in der Geschichte auch Themen des Sexuallebens verhandelt. Es gibt keine menschliche Erfahrung, und damit keine literarische Bebilderung, die ohne den Einfluss von Sexualität vonstatten gehen könnte. Indes kann ich mir gut vorstellen, dass schon allein die Erwähnung einer „Unbefleckten Empfängnis“ so manchen Geist unweigerlich in Wallung bringen kann.

Wir leben in einer säkularisierten Spätmoderne. Wie ging es Ihnen damit, in einer solchen Zeit ein tiefreligiöses Werk zu schreiben?

Ist das dieselbe Frage, warum ich diesen und keinen anderen Roman geschrieben habe? Ich schreibe mit derselben Selbstverständlichkeit wie ein Maler malt. Es war nicht meine Intention, ein tief religiöses Werk zu schreiben. Ich versuche in Texten festzuhalten, was ich empfinde, beobachte, entdecke; dahinter steckt vielleicht das Bedürfnis der Überprüfung der Wirklichkeit, ein „Sagt mir, spürt ihr das auch?“ Ich schreibe aber auch häufig, wenn mir was – im Zola'schen Sinne – gegen den Strich geht. Ärger kann auch sehr viel Kreativität freisetzen.

Was empfehlen Sie Lourdes-Pilgern?

Genießt es, habt keine festen Ziele. Nicht auf eine Erscheinung oder ein Wunder warten, dann kommen die erleuchtenden Momente schon von ganz alleine. Schließlich macht man sich auf eine aufregende innere und äußere Reise zur Mama Maria, Madonna mia.

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