Literatur

Das Leben zur Mitte hin wenden 

Wie die Konversion im Werk von Dichtern und Denkern wirkt.
Alfred Döblin
| Alfred Döblin - Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek, Nachlass Eric Schaal, EB 2003/051

Wie Dichter und Schriftsteller zum Christentum fanden, kann auch bei denen auf Interesse stoßen, die zunächst nur das schriftstellerische Werk sehen. Gisbert Kranz und sein „Lexikon der christlichen Weltliteratur“ bleibt in besonderer Erinnerung, das umfangreiche Nachschlagwerk ist auch nach mehr als drei Jahrzehnten unverzichtbar. Matthias Hilbert, gelernter Lehrer, tritt in seine Fußstapfen und stellt sehr einfühlsam zwölf Literaten der letzten beiden Jahrhunderte vor, die den Glauben wiederentdeckten oder zum Glauben kamen. 

Hilbert interessiert nicht nur der persönliche Weg der Konversion in der jeweiligen seelischen Prägung, sondern besonders auch deren Niederschlag im Werk. Er findet Zitate, die auch Kennern der jeweiligen Autoren nicht immer bekannt sein werden. Die sympathische Figur Chesterton steht am Anfang: „Der lebensfrohe, vitale und zugleich kindlich fromme Chesterton ... dachte nun einmal anders als die Mehrzahl der Intellektuellenkaste seiner Zeit, die den damals vorherrschenden Meinungstrends in seinen Augen erstaunlich unkritisch anhingen... Er nahm für sich das Recht in Anspruch, selbständig zu denken und sich eine vom Mainstream unabhängige Meinung zu bilden... Dabei bediente er sich bevorzugt überraschender, witziger (und zugleich doch ernst gemeinter) Paradoxien, die er brillant zu bilden und mit deren Hilfe er den gegnerischen Standpunkt wirkungsvoll zu attackieren verstand“. Das ist punktgenau formuliert und macht deutlich, warum der wortgewaltige Brite auch heute vielen etwas zu sagen hat, denn er „prangerte die weitverbreitete Fortschritts- und Wissenschaftsgläubigkeit seiner Zeit an. Er verwies auf die Relativität und Vorläufigkeit jeglichen wissenschaftlichen Erkenntnisstandes. Die Annahme, dass die Entstehung des Lebens sich ohne einen schöpferischen Akt Gottes abgespielt habe, war für ihn bar jeder Vernunft: ,Niemand kann sich vorstellen, wie sich nichts in etwas umzuwandeln vermöchte‘“. Für Chesterton war der Satz „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ weit logischer als die Annahme, eine „grüne Architektur“ 

der Erde habe sich quasi selbst erschaffen. „Nicht unsere Ähnlichkeit mit den Tieren, sondern unsere Unähnlichkeit ist das Merkwürdige“, gibt er zu bedenken. Jedem der Kapitel fügt Hilbert ein nützliches Kurz-Literaturverzeichnis zum jeweiligen Autor an. 

Wo Chesterton gesunden Menschenverstand und Humor einsetzte, mussten andere ihren Weg durch Dunkel und Tragik suchen, Dostojewski und Kierkegaard – der Philosoph, den man auch als Schriftsteller lesen kann – nimmt Hilbert als Beispiele. Der dänische Existenzphilosoph kannte bereits gut das erschlaffte Christentum nördlich der Alpen: Kierkegaard kritisiert, so Hilbert, „dass man in der Christenheit den Ernst persönlicher Schuld und Sündhaftigkeit gemildert und abgeschafft habe durch die Lehre von der „allgemeinen Sünde“ und den unendlichen qualitativen Unterschied zwischen Gott und Mensch nicht mehr kenne. Für ihn stehe jedoch fest, dass der Zugang zum wahren Christentum... nur über das eigene Sündenbewusstsein führen kann“, weil man nur so die ,Milde, die Liebe und die Barmherzigkeit des Christentums sehen kann‘“.

Beim Briten C. S. Lewis, auch er in Deutschland noch nicht ganz angekommen oder ernstgenommen, lernen wir, dass diesem in Gesprächen mit seinem Freund Tolkien, dem Oxforder Schriftsteller-Kollegen und Katholiken, aufging, „dass zwar in den verschiedenartigen Mythologien der Menschheit manche Motive des Christentums enthalten... sind, dass aber nur einmal, an einer Stelle der Mythos Wirklichkeit geworden ist. Nämlich bei der Menschwerdung, dem Sterben und der Auferstehung Christi, des Sohnes Gottes“. So konnte Lewis kurz nach diesem Gespräch über eine sich anschließende Reise sagen, dass er bei der Abfahrt nicht glaubte, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist, bei der Ankunft aber schon: „Ich hatte während der ganzen Fahrt nicht nachgedacht, noch war ich in starker Erregung gewesen. Es war mehr, wie wenn ein Mensch, der nach langem Schlaf noch reglos im Bett liegt, merkt, dass er wach ist.“

Das existenzielle Betroffen-Sein durch das Christus-Ereignis teilt der Brite mit Carl Zuckmayer, der alles andere als ein volkstümlicher Schriftsteller war und den die hautnahe Erfahrung der NS-Diktatur in einem „prozesshaften Bekehrungsverlauf“ (Hilbert) dem Glauben wieder näher brachte. Zuckmayer gab mitten in der unruhigen 68er-Zeit zu Protokoll: „Es wird immer erwartet, dass Theater gesellschaftskritisch einen gewissen Klassentyp entlarven solle. Das halte ich alles für überlebt und vorgestrig. Wir sind entlarvt, wir sind bis aufs Hemd entlarvt. Wir wissen, was nicht in Ordnung ist, und was geändert werden muss.“ Der aus jüdischer Familie stammende, sich lange als Linker gerierende Alfred Döblin sorgte für einen Skandal, als er 1941 katholisch wurde. Als zwei Jahre später im kalifornischen Exil sein 65. Geburtstag gefeiert wurde und Döblin dabei die Konversion öffentlich machte, kam es zum Eklat. Für die säkular gestimmte Emigrantengemeinde mit den beiden Mann-Brüdern, Feuchtwanger und Eisler war dies zu viel. Einige Gäste verließen das Fest, ohne sich zu verabschieden. Bert Brecht verarbeitete den Vorfall in einem seiner bissigsten Gedichte, „Peinlicher Vorfall“. Hilbert beschreibt, wie Döblin unmittelbar durch Christus selber, und zwar durch die Figur des Gekreuzigten, die Antwort auf seine Lebensfrage empfing.

In dieser Klarheit wird man das von einem anderen jüdischen Konvertiten, Heinrich Heine, nicht sagen können. Dessen Taufe und Aufnahme in die lutherische Gemeinde 1825 war der reinen Notwendigkeit, der Aufnahme in den Verwaltungsdienst, geschuldet, doch hatte er auch eine, seine persönliche Sicht auf die ,Deliquentenreligion‘, wie er das Christentum nannte: „Wer einen Gott leiden sieht, trägt leichter die eigenen Schmerzen. Die vorigen heiteren Götter, die selbst keine Schmerzen fühlten, wussten auch nicht, wie armen gequälten Menschen zu Mute ist und ein armer gequälter Mensch könnte auch, in seiner Not, kein rechtes Herz zu ihnen fassen“. In der „Harzreise“ (1826) heißt es, dass Jesus den Menschen „liebend die Liebe offenbart/ und zum Lohne, wie gebräuchlich// von dem Volk gekreuzigt ward“. Der Spötter, der den Spott sein lässt, der Grübler, dem das Geheimnis aufgeht, der Suchende, der sich selbst und der Welt Geheimnis im sterbenden und auferstandenen Gottessohn erfährt – der Weg der Dichter und Denker zum Nazaräer hat so viele Facetten wie die Buntheit menschlichen Lebens. Matthias Hilberts Versuch, diese Suchbewegungen nachzuzeichnen ist – in Methode und Stil - mehr als gelungen. Ein weiterer Band für dieses Jahr ist angekündigt, vielleicht wird ja ein Lexikon daraus. 

Matthias Hilbert: Gottsucher – Dichter-Bekehrungen im 19. und 20. Jahrhundert. Zwölf Dichterportraits. Steinmann Verlag, Neuenkirchen/Soltau 2020, 122 Seiten, ISBN 978- 3-927043-78-7, EUR 14,80 

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