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Botschaft der Dauer

Das Daodejing ist eines der ältesten Weisheitsbücher Chinas. Es irritiert das westliche Machbarkeitsdenken und mutet stellenweise sogar jesuanisch an.
Daodejing
Foto: Imago/China Foto Press | Ein Besucher betrachtet das weltweit größte Kalligraphiewerk des „Daodejing“, das der chinesische Kalligraph Luo Sangui im Rahmen der „Grand Art Exhibition“ 2014 in Nanjing geschaffen hat.

Den Charakter des Daodejing (früher oft „Tao-te-king“ geschrieben) kann man am besten mit einem alten Wort beschreiben: erhaben. Erhaben ist die strenge Form, die Sprache, die durch immer neue Parallelismen, Chiasmen und wiederkehrende Wortgefüge wie in Stein gemeißelt wirkt. Erhaben ist auch der Inhalt, der in immer neuen Rätselbildern und Paradoxien von den beiden Begriffen handelt, um die sich alles im Daodejing dreht: vom „dao“, dem Weg, und von „de“, der Tugend eines dem Weg gemäßen Lebens. Wer diese Tugend verwirklicht, der ist für das Daodejing ein „Heiliger Mensch“, ein „Wissender“.

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Beim Lesen des Daodejing entsteht der Eindruck, dass hier ein Gegenentwurf zu den dominanten europäischen Werten zu finden ist. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht auch in Europa sozusagen „daoistische“ Tendenzen gab und gibt - doch sie traten allenfalls an der Peripherie auf und sind heute, wie es scheint, nahezu völlig verschwunden in einem Strudel der Machbarkeit, der Beschleunigung, der Ökonomisierung und der Technisierung.

Entsprechend beschließt der Sinologe Günther Debon die Einleitung zu seiner Übersetzung des Daodejing mit den Worten: „Die Dinge weit zu treiben war von je die Haltung des Abendlandes. Darin liegt seine Größe. Die Botschaft des Tao-Tê-King heißt: Dauer.“ Das Daodejing ist gerade aufgrund dieser Botschaft in seiner Unzeitgemäßheit aktuell.

Eine gewissermaßen „daoistische“ Option tauchte zwar am Anfang der europäischen Philosophie bei Heraklit auf, doch blieb sie marginal. Die „verborgene Harmonie“ Heraklits weist einen Weg, den wir Europäer nicht gewählt haben. Stattdessen wurde das „Sein“ des Parmenides bestimmend und etablierte die hierarchischen Dualismen des Abendlandes.

Hierarchien sind geradezu umgekehrt

Man kann zugespitzt sagen, dass im Daodejing diese Hierarchien geradezu umgekehrt sind. Im Abendland steht Sein über Nicht-Sein, Substanz über Leere, Ordnung über Unordnung, Grenze über Unbegrenztem, Licht über Dunkel, Aktivität über Passivität. Das Dao, Urgrund aller Dinge, wird im Daodejing hingegen beschrieben als „raumleer“ und „abgründig“, als „tonlos“ und „raumlos“. Zudem ist der Weg „chaotischer Art“, während das „Sein“ des Parmenides gerade eine Gegenkraft gegen die Mächte des Chaos repräsentiert. Die vorbildhaften Meister des Altertums werden beschrieben als „zögernd“, „ängstlich“, „verhalten“, „nachgiebig“, „gediegen (…) / Gleich einem Grobholz“, „weit“ und „chaotisch“. Das letztere Wort ist laut Debon ein „Schlüsselwort des Taoismus“.

In einer anderen daoistischen Schrift, den „Reden und Gleichnissen des Tschuang-Tse“, wird die scheinbare Nutzlosigkeit und ursprüngliche Ungestaltetheit des „Wissenden“ durch einen knorrigen alten Baum symbolisiert. Das Daodejing stellt am Beispiel des Rades, des Trinkgefäßes und der Wohnung die „Leere“, das „Nicht-Sein“ als das eigentlich Wichtige und Entscheidende heraus. Manche Interpreten erkennen im Daodejing zudem Spuren einer älteren Mutterreligion: „Ewig überwindet das Weibliche / Mit seiner Stille das Männliche.“ Auch hier also eine Gegenoption zur Dominanz des Männlichen im „Patriarchat“.

Ein weiterer daoistischer Zentralbegriff ist „Wu-wei“ (wörtlich: ohne Tun oder Nichttun), einer der beliebtesten Termini aller daoistischen Schriften. Im Daodejing wiederholt er sich immer wieder, verbunden mit der Forderung, die Dinge ihren natürlichen Gang gehen zu lassen und gerade dadurch zu wirken: „Bleib ohne Tun - / Nichts, was dann ungetan bliebe.“ Beim Philosophen Jean Gebser, in dessen Schriften sich viele daoistische Motive finden, liest man einen ganz ähnlichen Satz: „Erst zu denen, die den Dingen nicht mehr nachlaufen, kommen die Dinge.“

Fixiert auf den Gegensatz zwischen Aktivität und Passivität, wird das daoistische Wu-wei im Westen oft als „Oszillieren“ zwischen Aktivität und Passivität, als Paradox oder als irgendeine „magische“ Form geistigen Handelns gedeutet. Doch vermutlich ist das Wu-wei nichts von alledem. Vielmehr ist in ihm der Gegensatz von Aktivität und Passivität in einer bestimmten, für uns schwer fassbaren Weise überhaupt nicht existent. Jenen scheinbaren Tugenden, die auf dem bloßen Machen beruhen, wird im Daoismus das Wirken dessen gegenübergestellt, der eins mit dem Dao ist.

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Geradezu jesuanisch muten jene Passagen des Daodejing an, in denen dazu aufgefordert wird, keinen Besitz anzuhäufen, sondern gerade durch das Geben und Wirken reich zu werden. So heißt es vom heiligen Menschen: „Je mehr er den Menschen gibt, / Desto mehr wird ihm selbst zuteil“ oder auch „Wer etwas festhält, verliert es.“ An anderer Stelle wird vor zu viel Reichtum, Besitz und Verlangen nach Ehre gewarnt: „Wer viel sich häuft, in Fülle büßt der ein.“ Wer denkt angesichts dieser Sätze nicht an die Aussage Jesu: „Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es erhalten“ (Lk 9,24)? So zeichnet sich hier schließlich der Umriss einer universellen, „west-östlichen“ Ethik ab.


Lao-tse: Tao-Te-King. Das Buch vom Weg und von der Tugend, übersetzt von Günther Debon, Ditzingen: Reclam Verlag, 2021, Taschenbuch, 148 Seiten, EUR 6,60

Der Rezensent ist promovierter Philosoph. Er arbeitet als freier Autor und Lektor.

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