Buchmesse und Kirche

Auch der Vatikan hat sein Programm reduziert

Wer auf der Frankfurter Buchmesse nach religiösen Büchern suchte, wurde enttäuscht. Viele Verlage kamen nicht, häufig wurde dem Massenpublikum das breite Verlagsprogramm vorenthalten .
Frankfurter Buchmesse 2022
Foto: IMAGO / STAR-MEDIA

Warum gab es auf der Buchmesse kaum publikumswirksame Veranstaltungen der katholischen Verlage, keine Podiumsdiskussionen, kaum Buchpräsentationen? Wie ist der zunehmende Absatzschwund von theologischen und spirituellen Titeln zu erklären?

Wenige Wochen vor der Frankfurter Buchmesse fand am gleichen Ort im Congress Center der Messe die Vollversammlung des Synodalen Weges statt. Ob hier eine Ursache liegt? Eine Kirche die alles Bestehende verdächtigt, ist absolut unattraktiv und nicht mehr der Rede wert. Sie ist nicht missionarisch, und sie strahlt nichts Gewinnendes aus. Ausgerechnet kirchenfinanzierte Medien, die den Synodalen Weg mit Billigung der meisten Oberhirten befeuert haben und sich an der Skandalisierung derjenigen beteiligten, denen es um die Identität des Glaubens geht, wundern sich nun, dass jede Anziehungskraft der Kirche dahin ist. Auf dem gemeinsamen Messestand der Interessengemeinschaft katholischer Verlage sind so wenige Mitgliedsverlage vertreten wie nie zuvor. Wie im letzten Jahr sucht man den Messestand von Herder vergeblich. Allein ein Schreibtisch für das Lizenzgeschäft ist geblieben. Herbstnovitäten werden dem Messepublikum vorenthalten.

Mehr Kommerzialisierung ist künftig zu erwarten

Ein Tiefpunkt ist auch die Selbstdarstellung des Vatikans: In einer winzigen Koje, wie sie Kleinstverlage anmieten, ist ein einziges Regal angebracht, auf dem broschierte Bändchen stehen. Erfreulich ist, dass die Messe überhaupt stattfinden konnte. Allerdings ließ sich das Fehlen von einem Drittel der Aussteller von der Messegesellschaft kaum kaschieren.

Erstmals war die Messe bereits schon am Freitag für Privatbesucher geöffnet. Der Andrang war beträchtlich. Erstmals war der Buchverkauf an allen Publikumstagen erlaubt. Bei den großen Publikumsverlagen gab es lange Warteschlangen an den eigens aufgestellten Kassen. Es ist zu befürchten, dass sich mit der zunehmenden Orientierung am Käufer die Buchpräsentation und damit der gesamte Charakter der Messe künftig weiter in Richtung Kommerzialisierung verändern wird. Bisher wenig gekannte Probleme bei der Buchherstellung verunsichern die Verlage. Das Zusammenspiel von Verlag, Druckerei, Buchbinderei gerät ins Wanken, wenn Papier und Pappe, Farben und Kleber knapp werden.

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Gedränge um J.R.R. Tolkiens Neuerscheinungen

Hinzu kommt die Inflation, die sich auf den Buchpreis ebenso auswirkt wie die Verteuerung der Herstellungskosten durch die Energiekrise. Trotz allem ist das gedruckte Buch nach wie vor das wichtigste Medium der Verlage. Gemessen am Gesamtumsatz hat sich der Marktanteil der E-Books bei elf Prozent eingependelt. Allen, Buchhändlern, Autoren, Verlegern und Lesern, wäre mit der Abschaffung der bei sieben Prozent liegenden Mehrwertssteuer geholfen. Über die innerkirchliche Selbstzerstörung und die Rohstoff – und Energiekrise hinaus gilt auch für die Buchmesse: „Wer suchet, der findet“.

Am Stand von Klett-Cotta drängeln sich die Jugendlichen um die Neuerscheinungen des katholischen Autors J.R.R. Tolkien. Mit der Ausstrahlung der ersten von fünf Staffeln der Serie „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ im Auftrag von Amazon Studios im September und Oktober hat der englische Fantasy-Autor wieder eine neue Lesergeneration gewonnen. Während in der kirchlichen Verkündigung das Böse, Sünde und Schuld nur noch als strukturelles Problem der Institution vorkommt, erfährt eine junge Leserschaft von diesem großen Erzähler, was das Böse in uns und um uns anrichtet, und weckt die rettenden Gegenkräfte und Tugenden. In diesem Fall wurde die Milliarde US-Dollar für die teuerste Serie der Welt nicht umsonst ausgegeben.

Ausgerechnet kirchenfinanzierte Medien, die den Synodalen Weg
mit Billigung der meisten Oberhirten befeuert haben
und sich an der Skandalisierung derjenigen beteiligten,
denen es um die Identität des Glaubens geht,
wundern sich nun, dass jede Anziehungskraft der Kirche dahin ist

Ein siebenundzwanzig Seiten umfassendes Gesamtverzeichnis der auf deutsch lieferbaren Werke von Tolkien fand reißenden Absatz. Seine Bedeutung für die Lesekultur und Akzeptanz des Buches als Kulturgut bei jungen Leuten ist kaum zu überschätzen. Bleiben wir noch bei der Literatur: Aus unveröffentlichten Quellen hat Katja Bergmann die Gesamtschau von Leben und Werk „Werner Bergengruen. Ein deutscher Dichter zwischen Grenzen und Zeiten“ (BeBra Verlag) erstellt. Als gut lesbare Hinführung zu Leben, Werk und Wohnort von Schiller, Hölderlin, Heine, Droste-Hülshoff, Hesse, Brecht und Böll empfiehlt sich der Band des Theologen Karl-Josef Kuschel: „Magische Orte. Ein Leben mit der Literatur. Begegnungen mit Menschen und Büchern“ (Patmos).

Grandios sind die vier dicken Bände „Spanische und hispanoamerikanische Lyrik. Von den Anfängen bis Fernando de Herrera“ (C.H.Beck), die Martin Koppenfels und Horst Weich herausgegeben haben. Achthundert Gedichte vom Mittelalter bis zur Moderne werden zweisprachig zumeist in neuer Übersetzung vorgelegt und wissenschaftlich kommentiert. Bewegend und lehrreich ist „Letzte Werke. Womit sich unsere Dichter, Musiker, Künstler von der Welt verabschiedeten“ von Karl-Heinz Göttert (Schwabe Verlag). Es werden unter anderem Haydns letzte Komposition, Michelangelos unvollendete Pieta und der letzte Schaffensrausch von van Gogh erschlossen.

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Ein Blick auf die Büchertische

Im wunderschönen schmalen Bildband „Vincent van Gogh – Sternennächte” entdeckt der Kunsthistoriker Dietrich Schubert die religiöse Dimension der beiden berühmten Ansichten des Nachthimmels über Arles von 1888 und 1889 als Schlüssel zum Verständnis des Gesamtwerkes des Niederländers (Verlag Schnell und Steiner). Zwei dem Titel nach sehr speziell klingende kunsthistorische Arbeiten enthalten viel mehr, als man vermuten würde. Es geht um die Bedeutung der heiligen Stätten in Jerusalem für die mittelalterliche Frömmigkeit, wie sie aus architektonischen Zeugnissen erschlossen werden kann. Da ist zunächst der Band „Jerusalem Transformationen. Die Brügger Jerusalemkapelle und die monumentale Nachbildung der Heiligen Stätten um 1500” (Schnell und Steiner).

Eine sehr gute Ergänzung dazu ist „Heiliglandfrömmigkeit im Nordwesten des Reiches. Die Herzogtümer Brabant, Geldern, Jülich und Kleve im späten Mittelalter“ von Kathrin Kelzenberg (Universitätsverlag Winter). An einem Beispiel verdeutlicht der Alttestamentler Meik Gerhards die christologische Auslegung der Bibel, die sogenannte typologische Schriftauslegung: „Simson als Bild Christi. Zum christlichen Verstehen des Alten Testaments am Beispiel einer Heldengeschichte (Jdt 13-16)“, erschienen in der Edition Ruprecht.

Umgang mit der Bibel

Die These, dass für die Bibel der sogenannte Sündenfall eigentlich die notwendige Voraussetzung für die Menschwerdung des Menschen sei, während erst das Christentum ihn zum Abfall vom eigentlich von Gott gemeinten Wesen des Menschen umgedeutet habe, stellt der Judaistikprofessor Peter Schäfer auf: „Die Schlange war klug. Antike Schöpfungsmythen und die Grundlagen des westlichen Denkens“ (C.H. Beck Verlag). Es kann eine heilsame Provokation sein, insofern sie zur Rückbesinnung auf die verlorene Einheit des christlichen Schöpfungs- und Erlösungsglaubens führt. Eine gründliche und verständliche Einführung in den Stand der Forschung bietet Reinhard G. Kratz mit „Qumran. Die Schriftrollen vom Toten Meer und die Entstehung des biblischen Judentums“ (C.H. Beck).

„Bibel umgehen. Provokative und irritierende Texte der Bibel erklärt“ wurde von Thomas Hieke und Konrad Huber herausgegeben und hilft dabei, schwierige Schriftstellen eben nicht zu umgehen, sondern sich ihnen zu stellen (Verlag Katholisches Bibelwerk). Mit fatalen Folgen werden in den Texten des Synodalen Weges die Lehraussagen des letzten Konzils relativiert oder ignoriert. Demgegenüber ist es erfreulich, dass Andreas Batlogg SJ sechzig Jahre nach der Kirchenversammlung seine großen Errungenschaften herausstellt: „Aus dem Konzil geboren. Wie das II. Vatikanische Konzilder Kirche den Weg in die Zukunft weisen kann“ (Tyrolia Verlag). Johannes Schidelko, langjähriger Vatikankorrespondent, hat mit „Kurienreform. Hintergründe, Zuständigkeiten, Veränderungen“ die aktuellen Veränderungen, die Papst Franziskus an den vatikanischen Institutionen vorgenommen hat sachlich kommentiert (Bonifatius Verlag).

Katholiken in der Zeit des Nationalsozialismus

Auf dem Gebiet der neueren Kirchengeschichte ragt heraus „Adolf Kardinal Bertram. Kirchenfürst zwischen Anpassung und Widerstand“ von Johannes Gottwald (Verlag Kohlhammer ). Hinsichtlich der Haltung des Kardinals gegenüber dem NS-Staat kommt der Verfasser zu einer Neubewertung: Bertram habe zwar auf öffentlichen Protest verzichtet, aber sehr wohl einen entschiedenen Abwehrkampf hinter den Kulissen geführt, die verfolgte Kirche in Polen unterstützt und zahlreichen Juden Hilfe gewährt. Als Karmeliterin Teresia Benedicta vom Kreuz wurde die jüdische Philosophin Edith Stein verhaftet und in Auschwitz ermordet. Mit der Biographie „Edith Stein. Geschichte einer Ankunft“ hat der Historiker Klaus-Rüdiger Mai eine bedeutsame Deutung des Lebensweges der 1998 heiliggesprochenen Märtyrerin vorgelegt (Kösel Verlag). Dem Phänomen der Vielzahl von katholischen karitativen Frauenorden zwischen 1850 und 1950 geht Johann Kirchinger nach: „Katholische Frauenkongregationen der Moderne” (Verlag Kohlhammer).

Insgesamt ist die Ernte des Bücherherbstes durchaus beachtlich, wäre aber einseitig, wenn sie nur rein geistig bliebe. Darum sei abschließend die verführerische „Alpenkulinarik. Geschichten und Rezepte der alpenländischen Küche” des Spitzenkochs Roland Ess empfohlen (Verlag Anton Pustet).

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