Auch der Mächtigste kannte Eifersucht

Am Ende war er nur ein Eroberer: Napoleon in kompakter Darstellung und als Schreiber von Liebesbriefen Von Urs Buhlmann

Noch einmal, nein zweimal Napoleon, zunächst in einer glänzend-abgewogenen Kurz-Darstellung, dann als Liebender, dem Leidenschaft und Frustration nicht fremd waren. Der erste Kaiser der Franzosen, vor 250 Jahre geboren, fasziniert und begeistert bis heute, weil er nicht einfach nur ein durch einen Putsch nach oben gekommener Eroberer war, sondern im Zenit seiner Macht einem ganzen Kontinent seinen Willen aufzwingen konnte, als Staatsmann und Gesetzgeber dann Bleibendes leistete. Johannes Willms, ehemaliger Feuilletonchef und Pariser Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, ausgewiesener Frankreich- und Napoleon-Experte, hat das Kunststück fertiggebracht, in einem knapp gehaltenen Übersichts-Taschenbuch noch neue Aspekte zum großen Korsen zutage zu fördern.

Überhaupt nicht hagiographisch denkend will er die Frage klären, ob es nicht besser gewesen wäre, Napoleon hätte nie gelebt. Nicht nur einige Zeitgenossen und der wichtige französische Biograph Bainville kommen nämlich zu diesem Schluss; Napoleon stellte sich in einem wachen Moment die nämliche Frage, als er 1801 vor dem Grabmal Rousseaus stand und bange Vorahnungen hatte. Doch werden Menschen in ihre Zeit hineingeboren. Die einen nehmen die Chancen wahr, die sich ihnen bieten, andere bemerken diese nicht einmal. Der Offizier der neuen Waffengattung Artillerie – „Die Ausfertigung des Hauptmannspatents dürfte eine der letzten Amtshandlungen Ludwigs XVI. ... gewesen sein“ – war vor allem ein militärischer Könner, der sein Handwerk gelernt hatte. Er ließ sich sodann zur Infanterie versetzen, die weitaus geringeres Ansehen hatte. Doch verschaffte ihm dies die Möglichkeit, sich 1795 in Paris herumzutreiben, wie Willms es formuliert, um Ausschau zu halten, wie die Dinge in der unruhigen jungen Republik sich entwickeln würden.

Kenntnis der französischen Psyche brachte den Aufstieg

Napoleon, der zu Hause auf Korsika mitbekommen hatte, wie Politik gemacht wird, nutzte seine Chancen. Wie schon in seiner großen Biographie des Kaisers stellt Willms auch hier den Abscheu Bonapartes vor dem entfesselten Volksfuror heraus. Seine Kenntnis der Psychologie der Franzosen führten zu seinem Aufstieg zum Ersten Konsul und folgerichtig zur Begründung einer neuen Monarchie. Zimperlich kommt man allerdings nicht an die Macht. So benennt Willms, der die Jahre nach der Proklamation zum Kaiser 1804 deutlich kritischer sieht als die Zeit davor, die Ermordung des Duc d'Enghien als den Fluch, der Bonaparte ein Leben lang verfolgen sollte. Auch mit Napoleon dem Reformator geht er ins Gericht: Die großen Gesetzgebungswerke hätten alleine der Sicherung des Eigentums gedient, sprich der neuen Klasse der durch die Umverteilung des Kirchengutes nach der Revolution zu Wohlstand Gekommenen. Über den Rheinbund wurde vieles aus diesem System in die besetzten Gebiete importiert. Aber als Danaergeschenk, sagt Willms, denn die „um ihr revolutionäres Erbe amputierte Modernisierung“ habe dazu geführt, „eine organische Nationalstaatsbildung in Italien und Deutschland zu vereiteln“. Was natürlich auch nicht im französischen Interesse lag. Am Ende sei Napoleon doch (nur) ein Eroberer gewesen, schließt sein Biograph kritisch, dem es an großen politischen Zielen gemangelt habe und der sich in militärische Abenteuer – siehe Russland – gestürzt habe, ohne zu wissen, wofür es gut sei – ein „Jockey der Sattelzeit“ eben.

Doch war er auch Spross der Zeit der Empfindsamkeit, wofür die Briefe an vier seiner Lebens-Frauen – Désirée Clary, die spätere Königin von Schweden, Joséphine de Beauharnais, Maria Walewska, die polnische Gräfin, und die zweite Frau Marie-Louise von Österreich Zeugnis ablegen. Nebenbei bemerkt – die eigentlich wichtigste Frau in seinem Leben war natürlich Madame Letizia, die mächtige Clan-Mutter. Mit Napoleons Liebesbriefen kann man einen stattlichen Leinenband von 500 Seiten füllen. Ihre Lektüre ist sicher nicht unabdingbar für die, die den Spuren des Staatsmannes folgen wollen. Aber doch aufschlussreich, weil sie ihn nicht nur von der menschlichen Seite zeigen, sondern durchaus Details seines Staats- und Regierungsverständnisses freilegen. Der Tonfall reicht von innig bis frivol, wobei der Mann auf die Eigenart der jeweiligen Gefährtin einzugehen verstand. Klar wird, die große Liebe war wohl Joséphine, die in der französischen Karibik als Tochter eines Plantagen-Besitzers geboren wurde und sich auf die Kunst der Verführung verstand. Sie wusste den Korsen an- und aufzuregen, ihn derart in Fahrt zu bringen, dass er geradezu flehentlich um die Aufmerksamkeit der kapriziösen Dame warb. „Du aber, mio dolce amore, Du hast wohl gut geschlafen? Hast Du auch nur zweimal an mich gedacht? Ich gebe Dir drei Küsse.“ An keine andere hat er so gekränkt-ängstlich geschrieben: „Du schreibst mir überhaupt nicht, Du liebst Deinen Mann nicht. Du weißt, wie er sich über deine Briefe freut. (...) Was treiben Sie denn den ganzen Tag, Madame? Welche hochwichtige Angelegenheit raubt Ihnen die Zeit?... Joséphine, nehmen Sie sich in Acht, eines schönen Tages werden die Türen aufgestoßen, und schon bin ich in Ihrem Bett.“ Französische Eifersuchtsdramen spielen sich da ab, in der Beziehung zweier, die sich sehr wohl auch anderweitig zu amüsieren verstanden. Natürlich war Napoleon als ewig Kriegführender immer unterwegs, die Gattin allein zu Hause. Auch als er sich 1809 dann doch von ihr trennte, weil sich Nachwuchs nicht einstellen wollte, blieb auf beiden Seiten Respekt. Joséphine blieb die Kaiserin, ihre Kinder aus erster Ehe wurden vom Kaiser geschätzt und gefördert. Ganz anders, nämlich viel respektvoller, die Briefe an seine zweite Frau. Sie war immerhin die Tochter des österreichischen Kaisers, was Bonaparte Gelegenheit gab, vom Schwiegervater als „Papa Franz“ zu sprechen. Marie-Louise war zeitweilig, sehr gegen ihren Willen, Regentin des Reiches für den wie immer im Felde weilenden Gatten. Einige Briefe sind geradezu Instruktionen für die politisch nicht allzu interessierte und begabte Frau, man sieht dem Staatsmann bei der Arbeit zu. Der sich am Ende allerdings zunehmend in Illusionen flüchtete. Die stereotype Wendung „Meine Angelegenheiten stehen gut“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, das des Eroberers Zeit vorüber war. Immerhin zeigt der gut übersetzte und schön gestaltete Band, dass im Leben dieses vielbeschäftigten Mannes erstaunlich viel Platz für die Liebesdinge war.

– Johannes Willms: Napoleon. Verlag C.H. Beck, München, 2019, 127 Seiten, Euro 9,95

– Napoleon Bonaparte: Liebesbriefe, übersetzt und kommentiert von Ulrich Kunzmann. Verlag Matthes & Seitz, Berlin, 2019, 306 Seiten,

Euro 31,99

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