Am 17. März wäre Siegfried Lenz 100 Jahre alt geworden. Seit seinem Debütroman „Es waren Habichte in der Luft“ (1951) zählt er zu den herausragenden Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur. Lenz ist eine wichtige und zeitlose Stimme; sein stilistisches Geschick und seine emotionale Tiefe machen ihn zu einem Autor, der bis heute gelesen wird – und der auch etwas zu sagen hat.
Neben Heinrich Böll und Günter Grass prägte Lenz die literarische Landschaft der alten Bundesrepublik auf einzigartige Weise. Während Grass oft provokant agierte und Böll in seiner Prosa die drängenden Fragen der Zeit direkt thematisierte, profilierte sich Lenz als Erzähler der leisen Töne. Seine Werke zeichnen sich durch einen Mangel an Zynismus und Herablassung aus, die in der Literaturkritik leicht mit Schärfe verwechselt werden. Lenz verkörpert einen menschenfreundlichen Zugang zur Literatur, der Bewunderung, gelegentlich den Verdacht des Allzu-Behutsamen weckt.
Biografische Prägung durch Kriegserfahrungen
Geboren wurde Siegfried Lenz 1926 im masurischen Lyck. Die ostpreußische Herkunft, der Verlust von Heimat und Herkunftswelt, haben sich tief in sein Schreiben eingeschrieben. Wie viele seiner Generation trat Lenz 1943 der NSDAP bei und wurde nach einem abgebrochenen Notabitur zur Kriegsmarine einberufen. Erst die Schrecken des Krieges – Sterben, Flüchtlingstrecks, Schiffskatastrophen, Hinrichtungen – ließen seine Illusionen zerbrechen. In den letzten Kriegswochen desertierte er in Dänemark. Diese biografischen Erschütterungen bilden den untergründigen Resonanzraum seines Werks. Geschichte ist bei Lenz nie bloß Stoff, sondern gelebte Erfahrung: Er zeigt, wie Menschen in Systeme der Gewalt verstrickt werden, wie sie sich darin einrichten, schuldig werden oder sich – zuweilen zu spät – daraus lösen.
Nach dem Krieg kam Lenz nach Hamburg, studierte kurz, arbeitete als Journalist bei der „Welt“ und wurde dann freier Schriftsteller. Schon sein Debütroman kreist um Themen, die ihn nicht mehr loslassen sollten: Heimatverlust, Totalitarismus, Pflichterfüllung, Schuld. Den Rang eines Autors von internationalem Format sicherte ihm aber vor allem ein Werk: „Deutschstunde“ von 1968.
Kaum ein anderer Roman hat die Frage nach Pflicht und Gewissen im deutschen 20. Jahrhundert so eindringlich erzählt. Im Mittelpunkt steht Siggi Jepsen, Insasse einer Jugendanstalt, der einen Aufsatz über „die Freuden der Pflicht“ schreiben soll. Aus dieser Strafarbeit entfaltet sich die Erinnerung an den Vater Jens Ole Jepsen, den Polizisten einer nordfriesischen Außendienststelle, der während der NS-Zeit den Auftrag erhält, gegen seinen Jugendfreund, den Maler Max Ludwig Nansen, ein Malverbot durchzusetzen.
Deutschstunde als moralischer Schlüsselroman
Lenz entwirft eine Konstellation von klassischer Klarheit: den Künstler, der unverkennbar Züge Emil Noldes trägt, und den Beamten, der nicht aus persönlicher Bosheit handelt, sondern Gehorsam und falsch verstandene Rechtschaffenheit über Moral stellt. Diese Dynamik entfaltet eine verstörende Kraft. Lenz porträtiert nicht den fanatischen Täter, sondern den pflichtbewussten Mitläufer. Jens Ole Jepsen ist kein Monster, sondern der Mann, der „nur seine Pflicht tut“ – und gerade dadurch schuldig wird. In dieser Figur verdichtet Lenz ein Problem von weit überhistorischer Reichweite: die verhängnisvolle Trennung von Pflicht und Gewissen, von Ordnung und Verantwortungsgefühl.
Genauso gut hätte der Roman „Die verdammte Pflicht“ heißen können – wie der Erinnerungsband des Manstein-Adjutanten Alexander Stahlberg (1987). Darin schildert Stahlberg, wie ihn sein Vetter Henning von Tresckow an die Seite des Feldmarschalls Erich von Manstein platzierte, um ihn für einen militärischen Aufstand gegen Hitler zu gewinnen. Der junge Adjutant wurde etwa Zeuge einer leidenschaftlichen Auseinandersetzung zwischen Claus Schenk von Stauffenberg und dem Feldmarschall, die in Mansteins Aussage gipfelte: „Preußische Feldmarschälle meutern nicht“.
Der Stellenwert von „Deutschstunde“ als Schlüsselroman der Nachkriegszeit liegt auch darin, dass Siggis Widerstand gegen seinen Vater weit über einen familiären Konflikt hinausreicht. Für viele Leser der sechziger Jahre spiegelte sich darin ein Bruch mit der Vätergeneration. Lenz jedoch vermeidet eine eindimensionale Lesart und zielt auf die tieferliegenden moralischen Fragen. Er versteht seinen Roman nicht als historisches Dokument, sondern als zeitlose Untersuchung der Versuchung des Gehorsams.
Hinzu kommt die eigentümliche Poetisierung des Stoffes. Lenz erzählt die NS-Zeit nicht in den vertrauten Bildern von Kaserne und Schlachtfeld, sondern über Landschaft, Wetter, Farben, Wind und Licht. Die nordfriesische Szenerie ist nicht bloß Kulisse, sondern Resonanzraum der Handlung. Man spürt die Kälte, die Weite, die Härte dieser Welt. Darin zeigt sich eine oft unterschätzte Qualität des Romans: seine filmische Imaginationskraft, die in zwei prominenten Verfilmungen der „Deutschstunde“ – 1971 als Fernsehzweiteiler von Peter Beauvais, 2019 im Kino von Christian und Heide Schwochow – eindrucksvoll sichtbar wurde. Insbesondere Letztere setzt die starke, detaillierte Schilderung der Natur und der Menschen im Roman kongenial um.
Er konnte auch schelmisch und warmherzig erzählen
Im Kontrast zu „Deutschstunde“ steht „So zärtlich war Suleyken“ (1955), eine Sammlung masurischer Geschichten, die einen anderen Lenz zeigt: den schelmischen, warmherzigen Erzähler. In diesem erfundenen Dorf begegnet man eigensinnigen, listigen Menschen, die mit Witz und einer unzerstörbaren Würde ihre Realität gestalten. Hier zeigt sich, wie kunstvoll Lenz erzählen kann. Die Figuren sind skurril, aber nie bloße Karikaturen; die Situationen komisch, doch stets tiefgründig.
Auch in den kürzeren Formen blieb Lenz ein genauer Beobachter menschlicher Verletzbarkeit. Das zeigt „Das Versprechen“, in dem der Verlust der Sprache zum Verlust von Welt wird: Ein Mann, der von Sprache lebt, erleidet einen Schlaganfall und verstummt. Ähnlich in „Die Flut ist pünktlich“: Der Tod eines Mannes am Meer bildet den Ausgangspunkt, doch entscheidend ist weniger der rätselhafte Fall als das Geflecht von Beziehungen, Verletzungen und Geheimnissen, das sich darum legt.
Siegfried Lenz verfasste neben 15 Romanen Erzählungen, Essays, Reden und Hörspiele. Er engagierte sich politisch, besonders für die Aussöhnung mit Polen, begleitete Willy Brandt 1970 nach Warschau und wurde 1988 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Sein politisches Ethos kannte keine lautstarke Agitation, sondern war geprägt von einer tiefen Überzeugung.
Was von Siegfried Lenz bleibt, ist mehr als ein schulischer Klassiker namens „Deutschstunde“. Es ist ein Werk, das zeigt, wie Literatur moralisch sein kann, ohne moralisierend zu werden; wie sie politisch sein kann, ohne sich in Parolen zu erschöpfen; wie sie zärtlich sein kann, ohne die Realität von Schuld und Verlust zu beschönigen.
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