Film & Kino

Leid und Schmerz im Sudetenland

Der Kinofilm „Habermann“ arbeitet trotz dramaturgischer Schwächen ein Kapitel deutsch-tschechischer Geschichte auf. Von José García
Filmszene aus „Habermann“
Foto: farbfilm

Die Aufarbeitung geschichtlicher Ereignisse mit filmischen Mitteln bewegt sich immer zwischen Vereinfachung und Vergröberung, weil der Filmsprache weitaus weniger Möglichkeiten zur Differenzierung als etwa der Literatur zur Verfügung stehen. Besonders heikel wird eine solche filmische Verarbeitung, wenn sie sich mit der jüngsten Vergangenheit, und erst recht etwa mit den „Leiden der deutschen Bevölkerung“ im und nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Sie setzt sich leicht dem Vorwurf des „Aufrechnens“ von Leiden und Schuld oder gar des „Revisionismus“ aus. Zu diesen verzwickten Kapiteln der jüngsten Geschichte gehört auch die Sudetenvertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg – dass die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der damaligen Tschechoslowakei die Beziehungen zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik bis heute belastet, verdeutlicht etwa der Streit über die mögliche Aufhebung der „Beneš-Dekrete“ noch im September dieses Jahres.

Mit diesem dunklen Abschnitt der Geschichte beschäftigt sich nun der Spielfilm „Habermann“ von Juraj Herz. Das frei nach Josef Urbans Roman „Habermanns Mühle“ verfasste Drehbuch von Wolfgang Limmer bemüht sich vor allem darum, ein möglichst ausgewogenes Bild zu bieten. Dazu führt der 76-jährige, in Prag lebende slowakische Regisseur aus: „Wir wollten ein glaubwürdiges und wahrhaftiges Bild des Sudetenlandes der Dreißiger und Vierziger Jahre zeigen. Es sollte alles realistisch sein. So realistisch wie nur möglich. So dass der Film beiden Seiten gerecht wird. Das war uns besonders wichtig: Keinesfalls die Ereignisse einseitig darstellen.“

August Habermann (Mark Waschke), ein junger deutscher Unternehmer, betreibt das seit vier Generationen im Familienbesitz befindliche, größte Sägewerk der Region. Dort arbeiten seit jeher Deutsche und Tschechen friedlich zusammen. Im Sommer 1937 heiratet Habermann die bildhübsche Tschechin Jana (Hannah Herzsprung), die seit dem Tod ihrer Eltern in einem Nonnenkloster erzogen wurde. Mit dem allseits beliebten Arbeitgeber freut sich insbesondere Jan Brezina (Karel Roden), Habermanns bester Freund und Trauzeuge. Was Jana nicht weiß: Ihr Vater war Jude. Der Bürgermeister besitzt ihre Geburtsurkunde, die sie als „Halbjüdin“ ausweist.

Bald wirft die nationalsozialistische Annexionspolitik ihre ersten Schatten auf Habermanns Mühle: Augusts 20-jähriger Bruder Hans (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) zeigt sich davon genauso begeistert wie andere Deutsche im Ort. Jan und die meisten Tschechen verfolgen hingegen die Entwicklungen mit Sorge. Anfang Oktober 1938 verkündet der in den Ort hineinpolternde SS-Mann Koslowski (Ben Becker): „Wir haben heute das Sudetenland heim ins Reich geholt“. Unter dem Druck der SS wird die Kluft zwischen Tschechen und Deutschen immer tiefer.

Die deutsch-tschechische Koproduktion bemüht sich zwar um eine ausgewogene Darstellung. Um dies zu erreichen, führen die Filmemacher eine Reihe Figuren ein. Das unkonzentrierte Drehbuch, das unendlich lange Zeit braucht, um all die Figuren einzuführen, strapaziert jedoch die Geduld des Zuschauers. Darüber hinaus geraten die meisten Figuren zu holzschnittartigen Charakteren. Obwohl sich die Darsteller redlich bemühen, ihren Rollen Leben einzuhauchen, bekommen die wenigsten von ihnen genügend Entfaltungsmöglichkeiten, allen voran Mark Waschke als August Habermann, der für diese Darstellung beim diesjährigen Bayerischen Filmpreis zu Recht mit dem „Preis für den besten Darsteller“ ausgezeichnet wurde.

Steht im Mittelpunkt von „Habermann“ insbesondere der persönliche Konflikt, in den der junge deutsche Unternehmer gerät, so wechselt der Film vielfach die Perspektive: In einer Episode steht Jana im Mittelpunkt, die vom SS-Mann begehrt und auf deren Verweigerung hin von diesem verhaftet wird, in einer anderen Augusts jüngerer Bruder Hans, der sich gegen den ausdrücklichen Willen seines Bruders für den Fronteinsatz freiwillig meldet, in wiederum einem anderen Abschnitt der deutsche Arbeiter im Sägewerk, der mit der SS gemeinsame Sache macht und Kollegen verrät. Die wenig überzeugende Regiearbeit zeigt sich außerdem auch in kleineren, aber bezeichnenden Details, etwa in dem nagelneuen Teddybären, den Habermanns kleine Tochter Melissa auf dem Arm trägt, als sie ins KZ deportiert wird – und der weiterhin wie neu aussieht, als sie 1945 befreit wird.

Trotz dieser dramaturgischen Schwächen bringt die klassische, unaufgeregte Kameraführung von Juraj Herz' „Habermann“ Licht in ein bisher filmisch unaufgearbeitetes Kapitel deutsch-tschechischer Geschichte. Dass ein Spielfilm mit maßgeblicher tschechischer Beteiligung nicht nur das Leid der tschechischen, sondern auch das der deutschen Bevölkerung schonungslos zeigt, ist das besondere Verdienst von „Habermann“. Mit einem Aufrechnen von Schuld und Leiden oder gar mit einer revisionistischen Haltung hat dies freilich nichts zu tun.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Der nordirische Schauspieler Liam Neeson verknüpft häufig Charakter- und Actionelemente in seinen Rollen. Nun wird er 70 Jahre alt.
08.06.2022, 09  Uhr
José García
Gewalt, Willkür, Folter: Mehr als zweieinhalb Jahre war der Journalist Stanislav Aseyev Gefangener prorussischer Separatisten und des russischen Geheimdienstes im Donbass.
25.05.2022, 09  Uhr
Hubertus Knabe
Themen & Autoren
Kinofilme

Kirche

Auch für die Ukraine kann man das Undenkbare denken. Die Liturgie und der Papst, der Umbau der Gesellschaft und eine Philosophie des Weines finden sich in der neuen Ausgabe der Tagespost.
06.07.2022, 17 Uhr
Redaktion
Eine Franziskanerinnenkongregation aus Kamerun ist bereit, ins Berliner Kloster St. Gabriel einzuziehen. Dadurch würde die Umwidmung der Anlage für säkulare Zwecke verhindert.
06.07.2022, 14 Uhr
Vorabmeldung
Der heilige Anselm von Canterbury (1033–1109 wollte die Vernünftigkeit des Glaubens der Kirche erweisen. 
06.07.2022, 07 Uhr
Marius Menke
Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt