Krieg

Leben unter dem langen Schatten von Despotie

Putins Krieg verändert nicht nur die Ukraine, er verändert auch die Menschen, die dort leben. Ein Schriftsteller, der sie oft besucht hat, steht in Kontakt mit Zeugen der Zerstörung.
Ukraine-Konflikt - Kiew
Foto: dpa | In Charkiw wütet jetzt der Ungeist. Auch Frauen, wie diese bewaffnete Zivilschützerin mit Kalaschnikow-Sturmgewehr, geben sich damit nicht ab.

Fast ihr gesamtes Leben hat Oksana P. in Charkiw verbracht. Sie ist Lyrikerin und Übersetzerin aus dem Deutschen. Ihren (bescheidenen) Lebensunterhalt verdiente sie sich als Literaturdozentin an Schulen und an der Universität. Sie wohnt an Stadtrand, in jenen acht- bis zehnstöckigen Wohnhochhäusern von sozialistischer Machart. Mit der Metro braucht sie etwa zwanzig Minuten bis zu dem großartig weiten Freiheitsplatz im Zentrum. Die Zerstörungen, die dort jetzt zu sehen sind, greifen mir ans Herz. Und auch meine Hoffnung, dass wenigstens Oksanas Wohnviertel verschont bliebe von russischen Raketen, erfüllt sich nicht. Auch hier wird bombardiert – Wohnhäuser, wohl gemerkt. Ihre Wohnung sei mittlerweile kalt, das Wasser gehe nicht mehr. „Charkiw ist zurzeit in der Blockade”, schreibt sie.

Heute morgen, um 8 Uhr früh, teilt sie mir mit, die Zerstörungen Charkiws seien mittlerweile größer als die des Zweiten Weltkriegs. Neben dem „Nürnberger Haus” seien zwei mehrstöckige Gebäude zerstört worden. Ob das Nürnberger Haus davon Schaden genommen habe, wisse sie nicht. Dieses Haus ist eine seit vielen Jahren gut funktionierende ukrainisch-deutsche Kulturvermittlungsstätte. Seit langem habe ich dort mit ukrainischen und deutschen Kollegen zusammen gelesen und diskutiert.

„ Dieser Sprachenstreit löst sich, so scheint es mir,
bei jedem Einzelnen auf in einen Schwebezustand des Fühlens und Meinens,
und mit all meinem Fragen komme ich ihm niemals auf den Grund“

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Auch auf die Uspensker Kathedrale wurden Bomben geschmissen. Die Barockkirche, in den 1770er Jahren erbaut, ist eine der Touristenattraktionen der Stadt. Sie gehört zum Moskauer Patriarchat, das bisher treu und ergeben an der Seite Russlands gestanden hat. Jetzt, nach dieser Bombardierung ihres Hauses, rücke sie davon ab. Das sei sehr wichtig, meint Oksana – die Kirche habe nach wie vor großen Rückhalt in der Bevölkerung.

Gesteigertes Vertrauen in die Politiker setzt Oksana gewöhnlich nicht, aber den jetzigen Bürgermeister der Stadt hält sie für einen starken und mutigen Mann. Natürlich werde er „von den Moskovitern“ gejagt. (Die Ukrainer bezeichnen die Russen oft als Moskoviter.) „Gott bewahre ihn!“ Als letzten Satz einer früheren Nachricht schrieb sie: „Helfen kann man uns nicht.” Ihre einzige Hoffnung: „Putin kommt bald in der Hölle an, auf der größten Pfanne!!!! Dann wird es leichter sein.”

Erinnerung: Wenn ich in Charkiw war, war meine erste Anlaufstelle das Literaturmuseum der Stadt. Die alte Villa im Zentrum ist ein Hort der ukrainischen Literatur. Das Institut hat eine beißend böse Geschichte hinter sich, die selbst schon wieder literaturwürdig ist. 1932 wurde das Institut gegründet, als Sammelstelle aller ukrainischen Literatur seit dem 18. Jahrhundert. In diesen Jahren war Charkiw noch Hauptstadt der Ukraine innerhalb der sich formierenden Sowjetunion. Allerdings begannen in der Zeit auch bereits die stalinistischen „Säuberungs“-Prozesse. Die frisch aufbereiteten Dokumente des Literaturmuseums konnten gleich umgewidmet und vor Gericht als Beweismaterial gegen unliebsame Autoren genutzt werden. Verurteilt wurden Schriftsteller aus der sozialistischen Aufbruchszeit zwischen 1920 und 1930. Inzwischen werden diese Opfer des Kommunismus hierzulande als „Erschossene Wiedergeburt“ bezeichnet und stehen in höchsten Ehren.

Stalins Rache an Ukrainern

Es sind ukrainische Quellen, denen ich diese Zahlen entnehme: In den 1930er Jahren gab es in der Ukraine 259 veröffentlichende Schriftsteller. Davon lebten 1936 noch 36. Siebzehn waren erschossen worden, acht nahmen sich das Leben, sechzehn sind verschollen, der große Rest, 175, verschwanden in Konzentrationslagern. Lediglich sieben sind eines natürlichen Todes gestorben.

Zurück in die Gegenwart: „Gestern war ein schwerer Tag”, antwortet Oksana auf meine fast tägliche Anfrage. „Es donnerte über alle Grenzen, mir ging es sehr schlimm. Zu viele Zerstörungen, zu viele menschliche Opfer, sogar Kinder! Du wirst Charkiw nicht wiedererkennen.” Ihre ständige Klage gilt der schwachen Luftwaffe ihres Heeres. „Unten haben wir den Feind weggeworfen. Fast mit bloßen Händen. Aber unser Himmel ist offen. Und keine reale Hilfe, alte Flugzeuge will der Westen nicht übergeben! Eine miserable Schande! Altes Eisen und menschliches Blut! Und Europa mit USA stehen abseits und warten und wollen nicht verstehen, bis der wahnsinnige Hund alle beißen wird …”

Ich denke nach: Diese schlimme Epoche der „Erschossenen Wiedergeburt” in den 1930er Jahren ist an den Wänden des Literaturmuseums von Charkiw mit Schwarz-Weiß-Fotos der Zeit reich dokumentiert. Bis heute gehört es zu einem Sammlungsschwerpunkt des Hauses.

Russisch oder Ukrainisch: Identifikationssprachen

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Ich erinnere mich: Ola, die Leiterin, begrüßt die Gruppe auf Russisch. Dann übernimmt eine junge Wissenschaftlerin die Führung. Sie hat die aktuelle Ausstellung über Hryhorij (Gregor) Skoworoda eingerichtet, den wichtigsten ukrainischen Philosophen des 18. Jahrhunderts. In vordigitaler liebenswerter Handarbeit sind Schrifttafeln und Vitrinen in drei, vier hohen Räumen der Villa aufgestellt, mit geringen Mitteln angefertigt. Die junge Frau entschuldigt sich bei Igor, dem Übersetzer, dass sie Ukrainisch spreche. Der zieht die Brauen in die Höhe. Den meisten Besuchern aus dem Westen ist das sowieso einerlei. Am Ende der Führung nimmt Igor mich beiseite. Seine Augen leuchten: „Sie hat ein wunderbar reines Ukrainisch gesprochen!“ Für einen Außenstehenden hat diese Sprachenproblematik der Ukraine durchaus etwas Verstörendes (sofern er sie überhaupt wahrnimmt).

Obwohl sie in die unscheinbarsten Situationen des Alltags einbricht, bin ich niemals auf eine schlüssige Erklärung gestoßen, auch bei den schreibenden Kollegen nicht. Es werden die widersprüchlichsten Beispiele angeführt, aus der Geschichte des Landes (je nach der Region, aus der der Gesprächspartner stammt), gefühlvolle Erinnerungen an die Großmutter, mit der zusammen die wunderschönen ukrainischen Volkslieder gesungen wurden, Reminiszenzen an Schul- und Universitätszeit. Ich spüre: Da ist etwas ungeheuer Wichtiges, das sich mir Außenstehendem nicht erschließt und wohl auch nicht erklärt werden kann. Dieser Sprachenstreit löst sich, so scheint es mir, bei jedem Einzelnen auf in einen Schwebezustand des Fühlens und Meinens, und mit all meinem Fragen komme ich ihm niemals auf den Grund. Bis ich mir mit der Erklärung behelfe: Genau dieses Schwebende macht die Problematik aus (und nicht nur in der Sprache), die dieses „Land auf der Grenze“ seit Jahrhunderten in Atem hält und weiter halten wird, getrieben durch die groben Mühlen der jeweiligen Machtpolitik.

Denken und Reden werden zunehmend aggressiver

Gegenwart: Das endlos verschlungene Wurzelwerk des Tradierten, das über Generationen hinweg gelebte Leben, ist anzunehmen und auszuhalten. Eine vollkommene Perversität, die einen stumm macht, ist es, diese Problematik in einem Krieg erledigen zu wollen. Iryna R. ist ebenfalls Übersetzerin aus dem Ukrainischen ins Deutsche, aber sie lebt in einer westdeutschen Großstadt, verheiratet mit einem Universitätsprofessor. Ich kenne sie nur als eine zurückhaltende, stille Person hinter einer dicken Brille, von einer furchteinflössenden Belesenheit. Sie geht auch allmählich aufs Rentenalter zu.

Ihr letztes Schreiben hat mich von den Socken geholt: „Ich bedaure, zurzeit nicht in Kyjiw zu sein, ich würde mich der territorialen Verteidigung anschließen. Jetzt gilt nur eins: Jeder tote putinsche Soldat bringt uns unserem Sieg näher.“ Und dann berichtet sie von einer Begebenheit, in der der Geist einer antiken Fabel weht: „Eine alte Frau in der Ukraine wandte sich an einen Besatzer und riet ihm, ein paar Sonnenblumenkerne in die Tasche seiner Uniform zu stecken. Wenn er verreckt und seine Leiche im ukrainischen Boden verwest, wird es wenigstens einen Nutzen der Ukraine von ihm geben – es wachsen an dieser Stelle große, gut gedüngte Sonnenblumen auf.”

Und Iryna endet ihre deftige Botschaft an mich mit einer vierfachen Fanfare:

„Es lebe die Ukraine!
Es leben die Helden!
Schande Rußland!!!
Wir werden siegen!”

Da verändert jemand, der (noch) im Frieden lebt, seine Sprache.
Die Angaben zu den genannten Personen sind kriegsbedingt verschlüsselt.

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