Heimat

Leben ohne festen Grund

Die Katholische Hochschule NRW in Aachen hat einen Theaterabend gegen den Heimat-Boom veranstaltet. Glaube als Heimat war kein Thema.
Wille zur Entwurzelung
Foto: Katholische Hochschule NRW | Der Wille zur Entwurzelung war das Thema des Anti-Heimatabends der Katholischen Hochschule in Aachen, wie auf der Internetseite zur Veranstaltung abgebildet wurde.

Heimat“ – das war und ist ein belasteter, geschundener, missbrauchter, kontaminierter Begriff. Wer das Wort hört, der dachte und denkt teilweise heute noch an die Nazis, die mit „Heimat“ eine unselige Verklärung von Natur und Gemeinschaft, Blut und Boden verbanden und ihn als Bollwerk gegen alles Fremde, Städtische und Andersartige betrachteten. Jahrzehntelang spielte „Heimat“ in der öffentlichen Diskussion der alten Bundesrepublik keine große Rolle, wurde die Heimat, das Heimatbewusstsein, eher belächelt und abgewertet. Doch seit nicht allzu langer Zeit ist alles anders: Statt unter einer Staubschicht verloren zu gehen, erlebt die Heimat eine Renaissance, ist sie wieder in aller Munde und erlebt einen wahren Boom.

Genau dieser Boom ist es, den Thomas Ebermann und Thorsten Mense jetzt bei einem „Anti-Heimatabend“ mit dem Titel „Eine Besichtigung des Grauens“ aufs Korn nahmen, mit dem sie – nach etlichen Stationen in anderen Städten – jüngst am Theater Aachen gastierten. Organisiert vom Arbeitskreis Politik an der Abteilung Aachen der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen und finanziert vom Studierendenparlament dieser Abteilung, arbeiten die beiden sich einen Abend lang unermüdlich an dem Thema ab, und (fast) niemand findet Gnade vor ihren Augen, (fast) alle bekommen ihr Fett weg:

„Heimatverbundenheit, Sehnsucht nach oder Stolz auf Heimat
bringen sie unmittelbar mit der Ausgrenzung von Fremden und
den Angriffen auf Flüchtlinge in Verbindung,
der Gartenzaun wird, in die Nähe der Zäune an manchen europäischen Grenzen gerückt, zum Symbol der Abschottung“

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Die Schlagerindustrie, speziell die volkstümlichen Lieder von Heino und vielen anderen, wird ebenso kritisiert wie der höchst umstrittene Deutsch-Rapper Xavier Naidoo, die Heimatfilme der 1950-er Jahre, die Bundeswehr, ein „Heimatliebe“-Festival der Stadt Regensburg, die sehr erfolgreiche Zeitschrift „Landlust“ („sie zeigt, wovon Menschen in Deutschland träumen“), das Kochbuch „Heimat“ des bekannten Gastronomen und Fernsehkochs Tim Mälzer, der Bestseller „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl, der Sänger Herbert Grönemeyer („Heimat ist kein Ort. Heimat ist ein Gefühl“). Dann auch Politiker unterschiedlichster Couleur von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bis hin zu den Grünen und zur Linkspartei, und selbstverständlich betrachten die beiden Protagonisten auch die hohen Umsätze, die die Trachtenmode in den letzten Jahren gerade bei jungen Leuten verzeichnet, höchst kritisch.

Dass inzwischen 92 Prozent der Deutschen den Begriff „Heimat“ positiv sehen, gibt Ebermann und Mense nicht etwa zu denken, sondern löst bei ihnen pures Entsetzen aus; ja Heimatverbundenheit, Sehnsucht nach oder Stolz auf Heimat bringen sie unmittelbar mit der Ausgrenzung von Fremden und den Angriffen auf Flüchtlinge in Verbindung, der Gartenzaun wird, in die Nähe der Zäune an manchen europäischen Grenzen gerückt, zum Symbol der Abschottung.

Heimat als „reaktionäre Idee“?

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Dass die Heimat von vielen als „Gefühl“ oder „tiefe Emotion“ interpretiert und beschrieben wird, ist für sie lediglich eine Verengung der Reflexion. „Je empathieunfähiger, desto gefühliger“, lautet ihre These. „Es wird aus vielen falschen Gründen in Deutschland geflennt.“ Heimat, so der Historiker Mense, sei im 19. Jahrhundert, vor allem durch die Romantik, zum Mythos geworden und ein wichtiger Faktor beim Entstehen der Nation gewesen.

Die Nation stehe für ein Konzept ethischer Vergemeinschaftung und für eine reaktionäre Idee des Volkes und der Volksgemeinschaft. Ganz auf dieser Linie habe der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl Deutschstämmige aus Osteuropa als „Heimatvertriebene“ einbürgern lassen. Viel Hohn, Spott und Kritik zieht auch der frühere Bundesheimatminister Horst Seehofer auf sich, aber selbst die Wiederentdeckung des „Heimat-Begriffs“ durch die Grünen („Heimat – grüne Vielfalt“) wird von Ebermann und Mense mit beißender Ironie bedacht, ja sogar das Beschwören des „deutschen Waldes“ ist ihnen bereits verdächtig.

Es gibt den Missbrauch des Heimatbegriffs

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Kein Wunder, dass letztlich auch die Kirche mit einer satirisch überspitzten Begräbnispredigt auf die Heimaterde und einem umgetexteten Vaterunser („Vaterland unser im Himmel“) ihr Fett abbekommt. Heimat – das ist in den Augen Ebermanns und Menses nichts anderes als ein Kampfbegriff gegen die Moderne, welcher der Gegen-Aufklärung entspringt, „eine Institution des Patriarchats“, „eine falsche Antwort auf falsche Verhältnisse“, ja der Heimat-Boom wird von ihnen gar zum „Soundtrack der völkischen Mobilmachung“ und zum „Grundrauschen der gesellschaftlichen Rechtsentwicklung“ erklärt.

Nun ist es unbestreitbar, dass es unglaublich kitschige Schlager gibt, die das Heimatgefühl auf eine schnulzige Art und Weise beschwören. Auch schlachten manche Bereiche der Wirtschaft den Heimat-Begriff hemmungslos für die Vermarktung ihrer Produkte und ihre Geschäftemacherei aus. Nicht zuletzt und vor allem wird „Heimat“ von rechten und rechtsextremen Parteien von der AfD bis zur NPD gnadenlos politisch instrumentalisiert, missbraucht und ideologisiert: In dieser Hinsicht haben Ebermann und Mense Recht. Auch muss offen die Frage gestellt werden, ob die Heimatliebe in einigen deutschen Regionen nicht tatsächlich erschreckenderweise mit Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Hass und Hetze gegen Zuwanderer, Flüchtlinge und Migranten einhergeht.

Die Kritiker schießen weit über eine sinnvolle Betrachtung hinaus

Doch Ebermann und Mense schütten das Kind mit dem Bade aus und stellen alles, was sich nach „Heimat“ anfühlt, unter Generalverdacht, selbst die großartige, künstlerisch allseits anerkannte „Heimat“-Serie des Regisseurs Edgar Reitz über den fiktiven Hunsrück-Ort Schabbach. Ihr ideologisch verbohrter Rundumschlag, diese Hass-Orgie der Heimatfeindschaft, macht selbst vor linksliberalen und linken Autoren wie Heribert Prantl, Günter Grass und Ernst Bloch nicht Halt und lässt gerade noch Heinrich Böll gelten, der sich einmal abfällig über den Heimat-Kult in seiner Vaterstadt Köln geäußert hat.

Mit ihrer Art der Präsentation, ohne durchscheinende Ironie und mit vielfach griesgrämig-mürrisch vorgetragenen, vom Blatt abgelesenen Texten, die wenigstens durch viele Video-Einspieler aufgelockert werden, schießen sie weit über das Ziel hinaus. Alle, in deren Städten die beiden demnächst noch ein Gastspiel mit ihrem „Anti-Heimatabend“ geben sollten, seien hiermit davor gewarnt. Der Gedanke an eine spirituelle Heimat im Glauben kam an dem Abend nicht auf.

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