Feuilleton

Kurze Pause

Gibt es zwischen dem Erfolg des grünen Progressismus und der überzogenen Schrillheit rechter Gesellschaftskritik noch Platz für christlich-konservative Ideen? Vorerst wohl nicht, aber ein Neubeginn bleibt möglich.
Erfrischungspause in der Hitze des politischen Gefechts
Foto: Annette Riedl (dpa) | Erfrischungspause in der Hitze des politischen Gefechts.

Bereits seit einiger Zeit gewinnen Grüne mehr als alle anderen Parteien an Zustimmung. Inzwischen besteht sogar die Chance, stärkste politische Kraft zu werden. Progressives Nachhaltigkeitsdenken scheint wie nichts anderes den Nerv der Zeit zu treffen, den vieler Christen allemal. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums steht die Neue Rechte. Die AfD verliert den Polarisierungswettbewerb gegen die Grünen zwar zusehends. Jedoch machen beide Bewegungen dem traditionellen, christlich geprägten Konservatismus den politischen Lebensraum streitig.

Wenn die christlich-konservative Tradition in der politischen Kultur der Bundesrepublik endet und dieses Ende einen Anfang hat, dann lässt sich dies vielleicht am ehesten in München wie unter einem Vergrößerungsglas beobachten. Genauer gesagt in dem im Süden der Isarvorstadt gelegenen Dreimühlen-Viertel. Hier befindet man sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur hippen Bestlage des Glockenbachs einerseits und an der Grenze zu Schlachthof und Großmarkthalle andererseits, dem einstigen Scherbenviertel. Hier soll hinter den alten roten Ziegelgebäuden des ehemaligen Industriegebiets, aus denen „Live aus dem Schlachthof“ übertragen wird, bald der prestigeträchtige Neubau für das Volkstheater entstehen. Unweit davon wiederum schließt demnächst das legendäre „Bavarese“ – eine bayerische Pizzaria mit mürrischem Barkeeper und 1860-Ultras im Service. Die kleine Wirtschaft könne die Miete nicht mehr stemmen, so heißt es, stattdessen käme jetzt eine alternative Bio-Burger-Kette rein.

Die Isarvorstadt gehört zum Stimmkreis München-Mitte. Hier haben die Grünen bei der vergangenen Landtagswahl 42,5 Prozent erreicht. Auch bei der Europawahl schrieben sie eine Erfolgsgeschichte, als die Partei in ganz München auf 31 Prozent kam und somit fünf Prozentpunkte besser als die CSU abschnitt. Wer verstehen will, wie die einstige Ökopartei es schaffte, in jüngsten Umfragen selbst an der Union vorbeizuziehen, könnte sich zum Beispiel die Predigten des Isarvorstädter Pfarrers Schießler in St. Maximilian anhören: Weltoffenheit, Toleranz und Ökologie sind das Programm. Die Kirche ist stets randvoll, Standing Ovations der Gemeinde sind keine Seltenheit. Die Übergange zu einem Parteitag der Grünen geraten hier ins Fließen.

Nun ist es noch nicht lange her, dass CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt eine „konservative Revolution“ ausrief und konstatierte, dass Deutschland nicht der Prenzlauer Berg sei. Weit gefehlt, muss man inzwischen selbst aus Münchner Perspektive sagen, denn genau jene Großstadtboheme ist gerade im Begriff, sich über ganz Deutschland auszubreiten. Menschen mit guten Jobs und einem hedonistischen Lebensgefühl bilden die neuen Eliten – nicht nur in Deutschland, sondern, das ist ja gerade der Charme, scheinbar überall in der westlichen Welt. Sie geben den Ton an und bestimmen die Trends.

Betrachtet man die manchmal mehr, manchmal weniger liebevoll als Bobos („Burgeoise Bohemians“) bezeichneten grünen Großstädter, dann fällt auf, dass sich an Ihnen sowohl alte Linke als auch traditionelle Konservative die Zähne ausbeißen. Dabei wären unaufhaltsame Modernisierung und die damit einhergehenden Wachstumsschmerzen deutscher Metropolregionen wie München eigentlich geradezu prädestiniert für linke Klassenkämpfer. Oder umgekehrt: Der sich ebendort als Wohlstand manifestierende, sogenannte „Neo-Liberalismus“ müsste doch eigentlich konservative Kapitalismusoptimisten in ihrem bis zur Neurose gepflegten Leistungsnarrativ bestärken. Paradoxerweise finden aber beide ehemals die politische Kultur Deutschlands dominierenden Lager keinen Anschluss an den grünen Megatrend. Das daraus entstehende Dilemma ist groß, denn jenseits der grünen Dominanz profiliert sich einzig der Rechtspopulismus.

Folgerichtig hat sich die AfD die Grünen als Hauptfeind auserkoren. In rechten Kreisen ist, beziehungsweise war man überzeugt, dass die Deutschen sich in der Breite von der politischen Korrektheit und ökonomischen Überlegenheit der neuen grünen Eliten erdrückt beziehungsweise abgehängt fühlen. Demoskopisch betrachtet, ließ sich hiermit zuletzt allerdings nur im Osten punkten. Im Westen ist die AfD mit ihrem nationalistischen Europawahlkampf in keinem Bundesland über zehn Prozent gekommen. Offenbar fühlen sich die Deutschen mehrheitlich nicht von einem „linken Mainstream“ bevormundet oder in ihrer Freiheit eingeschränkt. Wenn hier eine Bedrohung bürgerlicher Liberalität gefühlt wird, dann kommt diese eher von rechts. Unter Rechten ist man wiederum konsterniert vom Votum der Deutschen, die anders als ihre europäischen Nachbarn in Italien, Frankreich, Polen oder Österreich keiner rechten Protestpartei folgen möchten.

Die ideologische Selbstgewissheit der neuen Rechten erschwert ihnen einen unverstellten Blick auf die neue politische Realität. Noch bis vor kurzem bildete man sich ein, von der im Zuge der Flüchtlingskrise entstandenen Polarisierung langfristig am meisten profitieren zu können. Aber trotz vermeintlich idealer Voraussetzungen, also der GroKo-Müdigkeit der Deutschen sowie einer weiteren Kanzlerschaft Angela Merkels, auf die Alexander Gauland und Alice Weidel angeblich schon mit Sekt angestoßen haben, konnte die AfD bei den Grünen nicht mithalten. Das Desiderat „Rettet den Planeten!“ war schlicht und ergreifend wirkmächtiger als „Rettet das deutsche Volk!“.

Die christlich-konservative Tradition hat es in Anbetracht dieser ungewohnten Front zwischen Progressiven und Rechtspopulisten anfangs noch mit vornehmer Zurückhaltung versucht. Im bayerischen Landtagswahlkampf 2018 punktete Generalsekretär Markus Blume noch mit der Warnung, dass Grüne und AfD zwei Seiten ein und derselben Medaille seien. Damals hat das gerade noch für Schadensbegrenzung und eine Koalition zwischen CSU und Freien Wählern gereicht. Aber mit Blick auf die Kommunalwahlen 2020 dürfte allen handelnden Akteuren klar sein, dass spätestens dann vielerorts kein Weg mehr an den Grünen vorbeiführen könnte.

Diese Wendung hat im Übrigen durchaus etwas Tragisches, waren es doch die Konservativen vor allem in der CSU, die der AfD die Interpretationshoheit über das Dauerthema Migration streitig machen konnten. In gewisser Weise hat sich hier ein Horst Seehofer ins Schwert gestützt, um den fatalen Dauerbrenner Migration abzuräumen. Vielleicht unterstellt etwas zu viel Pathos, wer es so sehen möchte. Aber ohne die von alten Konservativen gegen Rechte und Linke durchgekämpften Kompromisse im Asylstreit hätte sich die öffentliche Aufmerksamkeit niemals so hingebungsvoll auf den Klima- und Artenschutz verlegen können.

Bleibt also die Frage, wo zwischen dem Erfolg des grünen Progressismus und der überzogenen Schrillheit rechter Gesellschaftskritik noch Platz für traditionelle christlich-konservative Ideen bleibt? Die kurze und schlimme Antwort lautet: Nirgends. In den Eliten wird progressiv gelebt, in den staatlichen Institutionen wird progressiv regiert, in den Medien wird progressiv geschrieben und in den Kirchen wird progressiv gepredigt. Wer will es der Union verübeln, dass sie in ihrem Selbstverständnis als Volkspartei versuchen wird, ebenfalls eine zunehmend progressive Rolle zu spielen. Die Annahme des Volksbegehrens für den Artenschutz in Bayern mag hier als symbolträchtige Weichenstellung gelten. Darüber kann man lamentieren und sich den Rechten an den Hals werfen oder seine Lehren daraus ziehen. Wie man es dreht und wendet, was vom Konservativismus übrigbleibt, wird sich reformieren müssen.

Die Progressiven hingegen haben sich jetzt daran zu gewöhnen, dass sie von nun an die Mächtigen sind. Das ist nicht nur schön: Wer führt, muss damit leben, dass Herausforderer die privilegierte Stellung des „Kritikers der Mächtigen“ genießen. Das ist besonders schwer, wenn man diesen Bonus bis vor kurzem selbst genossen und sich an den entsprechenden Komfort gewöhnt hat. Wenn progressive Idole wie Greta Thunberg und die Friday-Proteste hinterfragt werden, merkt man an den teilweise empfindlichen Reaktionen der Grünen, wie schwer die Umgewöhnung noch fällt. Die Fremdheit gegenüber der neuen Verantwortung und der Trennungsschmerz von liebgewonnenem Unfehlbarkeitsdünkel werden die Progressiven noch lange beschäftigen. Vor allem wird mit der Zeit die Macht auch grüne Politiker zu jeder Menge Alternativlosigkeiten nötigen, sprich zunächst zu Entscheidungen für kleinere Übel, dann zu selbstverleugnendem Pragmatismus und an irgendeinem bitteren Ende zu bornierter Ignoranz. Sie werden zweifellos vieles gestalten und Sinnvolles bewirken können, aber irgendwann wird auch für sie der Moment kommen, da junge, ambitioniertere Menschen aufstehen und fordern, dass es so nicht weitergehen kann. Und das sollten dann wiederum Konservative sein.

Dazu muss die nächste konservative Generation die von Grünen und Rechten aufgerissenen, tiefen gesellschaftlichen Gräben der Polarisierung überwinden. Ein solcher Konservativismus der Zukunft wird inklusiv sein, wird die Menschen ermutigen, anstatt sauertöpfische Verbissenheit und Negativität zu verbreiten. Vor allen Dingen aber dürfen die modernen Konservativen es nicht zulassen, dass rechte und linke Populisten die kleinen Leute, für die ein Leben in der Münchner Isarvorstadt in unerreichbarerer Ferne liegt, an den Wegrändern des sich bahnbrechenden grünen Zeitgeists einsammeln werden. Wenn es einen Silberstreif am Horizont gibt, irgendwann doch wieder gebraucht zu werden, dann genau hier.

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