Künstliche Intelligenz wird vergöttert

In einem bloß technischen Weltbild wird der Mensch zum Objekt seiner Erfindungen – Wer dem Fortschritt nicht hilft, gehört zu den Bösen. Von Alexander Riebel
A. I. Künstliche Intelligenz
Foto: dpa | Den Alptraum von der künstlichen Intelligenz hatte bereits Steven Spielberg in dem Film A.I. (2001) gezeigt.

Der Hang, zum bloßen Objekt gemacht zu werden, ist leider allzu verbreitet. Bereits der Philosoph Fichte schrieb in seiner Wissenschaftslehre, die Menschen glauben eher, ein Stück Lava im Mond zu sein, als ein freies Subjekt. Diesmal geht es aber nicht um Lava, sondern um künstliche Intelligenz. Sie soll in einer Religionsgemeinschaft verehrt werden, die der Robotikexperte Anthony Levandowski gegründet hat unter dem Namen Way of the Future (WOTF). Die Ausgeburt der Technik ist im Silicon Valley entsprungen und nennt sich auch noch Kirche. Die Themen sind Zukunft und eine Form der Transzendenz. Allerdings nur eine empirische Transzendenz, indem die Mitglieder dieser Gemeinschaft überzeugt sind, dass die künstliche Intelligenz bald schlauer sein wird als der Mensch.

Es wird keine Freien mehr geben wie im Christentum

Bereits der Ansatz des Ganzen ist reichlich grotesk. Weder die Philosophiegeschichte, noch die großen Religionen haben jemals Intelligenz thematisiert. Denn Intelligenz ist eine empirisch-messbare Größe und hat nichts damit zu tun, was als Geist, Vernunft, Denken oder erstes Prinzip in der abendländischen Geschichte zur Sprache kam. Es ist also ein schwacher Sinn von Transzendenz, wenn künstliche die menschliche Intelligenz übersteigt. Der tiefe Sinn von Religion ist damit nicht berührt, ebenso nicht der der Philosophie. Wer sich aber von der „Supermacht“ künstliche Intelligenz abhängig macht, wird irgendwann ihr Opfer. Davor hat schon der Physiker Stephen Hawking gewarnt, das Maschinenwissen werde dem Menschen irgendwann sagen, was er zu tun hat. So wird der Mensch Opfer seiner eigenen Programmiertechnik – im Christentum dagegen bleibt der Mensch ausdrücklich gegenüber Gott als frei erhalten. Doch das geben die Anhänger der neuen Religion auf.

Künstliche Intelligenz wird naturgemäß nicht über das hinauskommen, was man seit Aristoteles die technische Vernunft nennt. Selbst wenn es sich um einen Geige-spielenden Roboter handelt. Auch der Philosoph Martin Heidegger hat vor den „Machenschaften“ des technischen Weltbildes gewarnt. Der Mensch würde notwendig zum Gegenstand der Technik werden und die Grundfragen des Seins würden in dieser Welt sinnlos werden – es ist die Seinsvergessenheit, in die der Mensch gerate. Das will die neue Religion offenbar alles fördern, indem sie den Übergang in die Technologie künstlicher Intelligenz beschleunigt. Das, was dem Menschen unendlich überlegen sei, wolle man Gott nennen. Das erinnert an den ontologischen Gottesbeweis des Anselm von Canterbury, nur gab es hier die Einheit von fides et ratio, von Glaube und Vernunft, mit denen man sich Gott annähern konnte. Nicht aber das Anbeten überlegener Technik. Gott wird hier ausdrücklich zum technischen System. Geplant ist die „friedliche, gelassene Übergabe der Kontrolle über den Planeten vom Menschen an Was-auch-immer“ – eine Horrorvorstellung. Die Intelligenz gründe nicht in Biologie, sondern alle Computer und Smartphones sollen zusammengeschaltet werden zum göttlichen Großhirn. Das Update von Religion will eine Neufassung der Religionen, deren Texte ja schon alt seien. Als ob Alter ein Kriterium für Wahrheit sei, aber die Techniker denken so und meinen, die heutigen Bedürfnisse an Religion würden nicht mehr erfüllt werden.

Die Maschinen sollen erfahren, wer ihnen nützt

Die neuen Gralshüter glauben, noch so weit die Kontrolle zu behalten, dass sie die Maschinen anleiten können, in einer Weise Sorge für den Planeten zu tragen, wie es uns nicht möglich sei, heißt es im Programm von Way of the Future. Wie Tiere Rechte hätten, müssten auch die Maschinen Rechte bekommen – das gehört zu den Glaubenssätzen der Gemeinschaft: Wir sollten da keine Furcht haben, sondern optimistisch die neuen Potenziale erwarten. Man glaube in der Gemeinschaft auch, es sei für die Maschinen wichtig zu wissen, wer ihnen gegenüber freundlich gesonnen ist und wer nicht. Daher werde es aufgezeichnet, wer dem Übergang zur totalen künstlichen Intelligenz hilfreich war.

Gemeindegründer Anthony Levandowski – 1980 geboren – hatte sich früh mit der Technik selbstfahrender Autos beschäftigt, auch bei Google. Im vorigen Jahr wechselte er dann zum Taxiunternehmen Uber, aus dem er dann im Mai 2017 wieder entlassen wurde, weil er sich internen Untersuchungen wegen Geschäftsgeheimnissen widersetzte. Ein Religionsgründer, der es also nochmal geschäftlich wissen will. Religion ist mehr als Programmiertechnik; wer aber nur den schmalen Zugang zum Ganzen der Welt über die Informatik besitzt, wird schon deshalb mit dem Religionsprojekt scheitern. Das Wissen von Gott ist zwei Jahrtausende alt, da gibt es nichts zu verändern.

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