Polnische Malkunst

Künstler malten mit besorgtem Blick auf die Nation

Die Münchener Ausstellung „Polnischer Symbolismus um 1900“ führt in die Tiefen der menschlichen Seele.
Hofnarr Stañczyk
Foto: Nationalmuseum Warschau | Jan Matejko zeigt den Hofnarren Stañczyk (entstanden 1862) während eines Balls der Königin Bona, als er die Nachricht vom polnischen Verlust von Smolensk an das russische Großfürstentum Moskau 1514 erhalten hat.

Die Kirche, der Adel und die Kunst waren es vor allem, durch welche die polnische Identität, das Gefühl zu einem gemeinsamen Volk und Staat zu gehören, während der drei politischen Teilungen zwischen 1772 und 1918 aufrecht erhalten wurde. In einer Nation ohne Staat stifteten junge Künstler mit ihren Gemälden was Polen politisch fehlte, wurden um 1900 zu „stillen Rebellen“. So der Titel einer neuen Ausstellung in der Münchener Kunsthalle, die sich unter den deutschen Museen und Ausstellungshäusern einen steigenden Ruf erarbeitet hat.

Die drei Nationalmuseen in den einst von Preußen, Russland und Österreich-Ungarn annektierten Gebieten, also Posen, Warschau und Krakau und einige Privatleihgeber schickten 130 Gemälde von 30 Künstlern, einer Hochblüte polnischer Kultur, nach München, die in zehn Kapiteln einen profunden Eindruck von der Erneuerung der polnischen Malerei um die Jahrhundertwende vermitteln.

„Demzufolge sollte Kunst das Leben der Seele in all ihren Äußerungen nachbilden,
unabhängig davon, ob sie gut oder böse, hässlich oder schön sind.“

Wie der Literaturkritiker Artur Gorski (1870–1959) im Rückblick feststellte, gab es einen Wertewandel in der Kunst: „An die Stelle der Masse trat das Individuum als oberster Wert und Ausdruck höchster menschlicher Würde. Die neue Generation ,Junges Polen‘ wandte sich von der rationalistischen Philosophie des Positivismus ab und besann sich stattdessen auf die Tradition der Romantik.“

Damit aber beginnt die in Zusammenarbeit mit dem Adam-Mieckiewicz-Institut entwickelte Ausstellung nicht. Der Besucher sieht im ersten von zehn Kapiteln zuerst historische Gemälde der renommiersten Dozenten in Warschau und Krakau Jan Matejko (1838–1893), dem patriotischen Krakauer Malerfürst, nach dem die dortige Akademie benannt ist, und Wojciech Gerson (1831–1901) sowie Leon Wyczolkowski (1852–1936). Er und Matejko stellen einen Bezug zu München her, denn sie studierten beide je zwei Jahre an der Königlichen Kunstakademie an der Isar.

Ikonische Gemälde bedeutender nationaler Geschehnisse sind nicht zu finden

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Wer nun Matejkos bekannteste Werke, die Schlacht bei Grunwald (Tannenberg), also den polnischen Sieg über den Deutschen Ritterorden 1410, oder die preußische Huldigung von Hochmeister Albrecht von Brandenburg, den Lehnseid 1525 vor seinem Onkel König Sigismund erwartet hätte, wird enttäuscht. Diese großflächigen Gemälde sind nicht nur schwer zu transportieren, sondern ihr Fehlen am gewohnten polnischen Platz würde die Besucher der Nationalmuseen zutiefst enttäuschen. Die Motive kennt nämlich jedes polnische Kind: Polens Siege über die Deutschen.

Stattdessen gibt es zum Ausstellungsauftakt in München gleich zweimal den rotgewandeten Stanczyk als ernsten, niedergeschlagenen Hofnarren. Matejko zeigt ihn während eines Balls der Königin Bona, als er die Nachricht vom polnischen Verlust von Smolensk an das russische Großfürstentum Moskau 1514 erhalten hat. Stanczyk sorgt sich um die Zukunft Polens. „Dass Matejko Stanczyk seine eigenen Gesichtszüge verlieh, prägte hier das prototypische Bild vom polnischen Künstler als tragischem Denker und strengem Richter über die Geschichtsläufe“, so die Kuratorin Agnieska Baginska. Ernst und skeptisch schaut der Maler auch auf seinem Selbstbildnis.

In deutschen Museen hängt noch keines dieser Bilder

Der besorgte Blick auf Gegenwart und Vergangenheit wird noch deutlicher im zweiten Bild des Narren – Symbolfigur in vielen Schulbüchern –, dem von Leon Wyczolkowski: Stanczyk ist deutlich gealtert, verbirgt erschüttert sein Gesicht hinter der linken Hand.

Matejko zeigt sich etwas freundlicher bei der Darstellung vom Aufhängen der Sigismund Glocke im Domturm von Krakau. Durch die Pracht der Kostüme zeigt er den Glanz der Herrschaft der Jagiellonen. Von Gerson gibt es ein Selbstbildnis, „Veit Stoß auf dem Weg nach Nürnberg“ und „Ohne Land“.

Politischer Bezug zur Gegenwart

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Diese Gemälde gaben dem Direktor der Kunsthalle, Roger Diederen, Gelegenheit, bei der Ausstellungseröffnung auf die gegenwärtige politische Situation hinzuweisen, aber auch auf die kulturellen Defizite bei der deutschen Kenntnis seines größten östlichen Nachbarn. Kein einziges deutsches Museum besitze auch nur ein einziges Gemälde des polnischen Symbolismus um 1900, das es zur Ausstellung hätte beisteuern können. Die Kunstgeschichte unseres Nachbarn sei uns weitgehend unbekannt.

Das Kapitel 2 zeigt Gemälde, die vom Einfluss seiner Maler durch Studienaufenthalte in Paris, Wien, St. Petersburg und München zeugen. So von Aleksander Gierymski „Abend an der Seine“ und die „Ludwigsbrücke in München“. Dann werden auch Landschaftsbilder, Frühlingsbilder und schließlich Volkslegenden und Mythen gezeigt. Tradition und Religion gilt das sechste Kapitel. Da der Katholizismus unter den andersgläubigen Besatzungsmächten zeitweise verboten war, regten Maler zur Rückkehr der Religionsausübung an. Nach der ersten Teilung war der Katholizismus zur Staatsreligion geworden.

Breitgefächerte Auswahl der Genre

 

 

Vlastimil Hofman schuf mit „Die Beichte“ – Christus selbst vergibt einem ärmlich gekleideten Mann seine Sünden –, „Madonna mit Star“ und mehreren Madonnen im Mutter-Kind Schema volkstümlicher Anschauung. Leon Wyczolkowski malte „Christus am Ölberg“, Jacek Malczewski das Triptychon „Christus in Emmaus“ und Aleksander Grodzicki „Betender Jude“. Für eine Reihe von Mitgliedern des Jungen Polen war die Volksreligiösität ein Beispiel für die lebendige Kraft der Tradition.

Auch Porträts sind Thema, aber auch Künstlerselbstbildnisse, aber auch von Stanislaw Przybyszewski „Nackte Seele“ ist hier ausgestellt: „Demzufolge sollte Kunst das Leben der Seele in all ihren Äußerungen nachbilden, unabhängig davon, ob sie gut oder böse, hässlich oder schön sind.“ Auch Märchenfiguren sind hier ein Thema. Die Ausstellung schließt mit der Figur der Polonia. Als Personifikation der polnischen Nationalität, dargestellt mit dem „Schwankenden, aber nicht sinkenden Schiff“ von Ferdynand Ruszczyc und von Leon Wyczolkowski mit dem ,Ritter inmitten von Blumen‘, der zum Befreiungskampf aufruft. Fast in die Gegenwart zurück führt noch Jacek Malczewski mit dem Triptychon Sklaverei-Krieg-Freiheit“.

Ein vielfältiges Begleitprogramm

Zu Beginn der Ausstellung gibt es eine Karte, auf der gut verständlich die Teilungsgebiete zu sehen sind. Auf der Chronologie von 1772 bis 1918 daneben wird richtig angegeben, dass Polen in dieser Zeit von der europäischen Landkarte verschwunden war. Zusätzlich hätte man darauf hinweisen können, dass nur das Osmanische Reich die Teilungen nicht anerkannte. Bei offiziellen Ereignissen im heutigen Istanbul blieb ein Sessel frei. Der Protokollchef dazu: „Seine Exzellenz, der polnische Botschafter, ist noch unterwegs.“

Im Umfeld der Ausstellung gibt es zahlreiche Vorträge, sogar eine Führung „Kunst mit Baby“, zu der Kinder bis zu einem Jahr mitgebracht werden können. Es fehlen weder Kinder noch Jugendprogramme und „Kulinarik trifft Kunst“ im nahen Restaurant. Die Münchner Philharmoniker geben ein Konzert mit polnischen Komponisten, vor dem Generalkonsulat der Republik Polen ist eine Fotoausstellung des Komponisten und Bergsteigers Mieczyslaw Karlowicz zu sehen. Es gibt ein Begleitheft für Kinder und Kinderführungen in den Ferien.


Die Ausstellung „Stille Rebellen – Polnischer Symbolismus um 1900“ ist bis 7.8.2022 geöffnet.
Kunsthalle München, Theatinerstr. 8, täglich 10.00 bis 20.00 Uhr.
Der Katalog aus dem Hirmer-Verlag hat 299 Seiten und kostet 35,– Euro

www.kunsthalle-muc.de

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