Schönheit und Ironie

Künstler auf Sinnsuche

Die Zeiten, in denen die Kirche den Künstlern predigte, was zu tun sei, sind lange vorbei. Dennoch findet man auch in den modernen Künsten Spuren der Transzendenz und des Religiösen.
Die Lyrikerin Doris Runge
Foto: Wikicommons | Die Lyrikerin Doris Runge hat jüngst den Band "die schönsten versprechen" veröffentlicht.

Theater: In Paradiso auf dem Parkett

Zwischen Illusionismus und Suche nach der Erleuchtung:  Wie das Schauspiel um das Transzendente ringt. 

Wenn Theater über Transzendenz nachdenkt, tut es sich traditionell nicht leicht damit. Es muss bebildern und Ideen sichtbar machen. Zu diesen schon in der Gattung angelegten Grundbedingungen kommt hinzu, dass sich viele Häuser vor allem an profanen Diskursen unserer Zeit abarbeiten. Man gewinnt den Eindruck: Bei all dem Sinnieren über Klimawandel, Klassenunterschiede und Identitätspolitik bleibt kaum Raum für bloß weltliche Dinge überschreitende Fragen. Dennoch gibt es Ausnahmen. 

Opus magnum über Umgang mit dem Sterben

So etwa "Das neue Leben" von Christopher Rüping, uraufgeführt am Schauspiel Bochum. Angelehnt an Dante Alighieris Werk "Vita Nova" (1293), einer Verarbeitung seiner unglücklichen Liebe zu Beatrice, hat der Regisseur ein wunderschönes Opus magnum über den Umgang mit dem Sterben geschaffen. Hierin suchen vier ProtagonistInnen nach den Worten, mit denen man dem Gegenüber seine tiefste Liebe ausdrücken können. Nachdem sie ausführlich Imaginationen über Beatrice anstellen, stirbt letztere. Was dann folgt, ist ein einziges, episches Bild, das das gesamte Monumentalwerk, "Die Göttliche Komödie" (1321) und die darin angelegte Reise gen Transzendenz wirkungsstark zusammenfasst: Ein Leuchtelement dreht sich spiralförmig und zu Elektrosounds durch den finsteren Raum, während die Darsteller und Darstellerinnen als Raupe oder Schmetterling - eben in Metaphern für die Metamorphose - über die Bühne ziehen.

Theaterregisseur Christopher Rüping
Foto: (Blommers & Schumm) | Theaterregisseur Christopher Rüping.

Das Ganze, das Dantes Weg durch die Hölle und ins Paradies veranschaulicht, dauert genau zweimal neun Minuten. Und zwar mit gutem Grund, wohnt ihnen doch darin gleich dreimal die heilige und für die göttliche Vollkommenheit stehende Drei inne. Am Schluss treffen die Darsteller tatsächlich die gealterte Geliebte des italienischen poeta laureati, die dokumentiert: Es gibt ein Danach. Berührend klingt das Werk in einem Chor aus: "Das Dilemma, dass wir schon das Ende kennen, zwingt uns ja nicht dazu, es hier nicht schön zu finden. Wie unwahrscheinlich war, dass wir uns treffen hier, eine Milliarde Sterne mussten explodieren." Gibt es also ein Wiedersehen mit all denjenigen, die von uns gegangen sind? Nicht nur hierauf antwortet das Stück mit Ja. Der Tod, er wird auch für eine der zeitweiligen Dante-Figuren zu einer Befreiung. Sobald sie sinnbildlich das Paradies betritt, tanzt er zu dem Song "Places" von "The Blaze" in berauschendem Freestyle. Geboten wird damit ein Auftritt, der in seiner ungehaltenen Dynamik reichlich Zuversicht spendet. 

Oft tritt das Transzendente nur als Schatten zutage

Nicht jede Inszenierung, die das Metaphysische thematisiert, gelangt zu einer glückverheißenden Botschaft. Oft tritt das Transzendente nur als Schatten, insbesondere in Gestalt des Todes zutage. er erweist sich als das Tor zu einer anderen Sphäre. Da diese für den spätmodernen Menschen vermeintlich verschlossen zu sein scheint, bedienen sich manche Stücke - in durchaus kritischer Absicht - bestimmter Surrogate. Clemens J. Setz  Werk "Der Triumph der Waldrebe in Europa" gehört dazu. Im Mittelpunkt steht der bereits bei einem Autounfall verunglückte David. Für seine Mutter lebt er weiter, nämlich in einem Tablet mit Kamera. Offensichtlich wird hierin die "Mediologie", die Verbindung aus Medium und Theologie. Längst ziehen wir einen Großteil unseres Wissens aus den (er-)leuchtenden Bildschirmen, die alles Göttliche ersetzen wollen. Regisseur Hartnagel setzt diese parareligiöse Glorifizierung der neuen Netzwerke in gleich mehreren Elementen um. Mal vernehmen wir kurz eine Orgelsequenz, mal stimmen die Schauspieler in einen sakralen Chorgesang ein. Das Bühnenbild tut sein Übriges. Denn das Gebäude der Familie Herzer basiert nicht zufällig auf dem Grundriss eines Kruzifixes. 

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Ob nun feierlich wie im Fall Rüping oder als bedenkliche Absenz wie bei Hartnagel - das Transzendente ist wieder Gegenstand der Bühnenreflexionen. Es zeigt die Sehnsucht des heutigen Menschen nach einem Kompass. Wer die dargebotenen Zeichen zu entschlüsseln sucht, ist schon auf dem besten Weg. Denn starkes Theater offenbart immer mehr Räume als die vordergründigen Kulissen.


 

Literatur: Der Gott hinter den Buchstaben

Ob ironisch verborgen oder im Vers verwahrt: Literatur verwahrt das Transzendente für all jene, die danach suchen.

Gerade die postmoderne Literatur, die sich gern einer ausgiebigen Zitierungspraxis bedient, weiß: Nichts entsteht im luftleeren Raum, fast alles wurde so oder so ähnlich schon erzählt. Dass biblisches Erzählgut noch immer für viele Romane einen Ankerpunkt darstellt, veranschaulichen nicht nur die bewährt metaphysisch ausgerichteten Bücher einer Sibylle Lewitscharoff. Auch Texte anderer Autoren loten die Grenzen zwischen Dies- und Jenseits sowie Himmel und Erde aus. 

"Anstelle von Gott trifft man hier dann sich selbst"

Zuletzt sticht diesbezüglich etwa Finn Jobs Debüt "Hinterher" hevor. Es beginnt mit einer Trennung, deren Schmerz einfach nicht vergehen will. Einen Ausweg aus dem Sumpf der Gefühle bietet dem Ich-Erzähler ein alter Bekannter, der ihn unversehens von einem Roadtrip nach Frankreich überzeugt, wo sie bald schon in einer verfallenen Villa, bewohnt von einem geistig verwirrten Späthippie, landen. Eigentlich sieht der Plan vor, Letzterem bei der Renovierung des Anwesens zu helfen. Doch die beiden jungen Männer verfolgen mitunter andere Pläne. Während sich der Protagonist in Selbstmitleid und Schleifen der vergangenen Partnerschaft mit Chaim ergeht, setzt sich Francesco ein extravagantes Projekt zum Ziel: Er will den Innenraum einer heruntergekommenen Kirche gänzlich mit Alufolie einwickeln. "Anstelle von Gott trifft man hier dann sich selbst", so die Devise des wohl ganz dem heutigen Individualismus frönenden Hobbykünstlers. Aber vermögen die Spiegelflächen das wiederherzustellen, was insbesondere der Hauptfigur abhanden gekommen zu sein scheint? Nämlich seine Identität? Das Transzendente schimmert hier in einer ironischen Schimäre durch. Es ist da, wird aber fehlgedeutet und überlagert vom Blabla unserer Zeit, an dem sich Job köstlich abarbeitet. 

Eine gänzlich wahrhaftige Suche nach dem Übernatürlichen findet sich hingegen in Christoph Ransmayrs kürzlich erschienenen, grandiosen Balladen und Gedichten "Unter einem Zuckerhimmel". Hierin erklimmt ein Wanderer seinen vielleicht höchsten Berg. An der Wolkendecke gelingt es ihm, die "Grenze / zwischen einem unüberschaubaren Diesseits / und einem [ ] verborgenen Jenseits" hinter sich zu lassen. Derweil liest er die Schrift der Landschaft. Noch von vergangenen Jahrhunderten erzählen heilige Steine, die Pilger in einen Fluss versenkten, "damit die Strömung [ ] Gebete / ans Meer trage und so jedes Wort bewegt".

Lyrik eröffnet Möglichkeiten der Transzendenz

Findet er am Gipfel indessen die Erlösung? Gewiss ist: Die Götter muss es geben, irgendwo, aber von oben führt "jeder Weg in den Abgrund, / zurück zu den Menschen". Kein Aufbruch mündet in ungetrübtem Glück, sondern hat   ganz im dialektischen Sinne - bereits den Wunsch zur Rückkehr im Gepäck. Nachdem die Abenteuer erlebt wurden, folgt ein lyrisches Ich in einem anderen Poem seinem Heimweh, um, zuhause angekommen, nur wieder von unbekannten Gefilden zu träumen. "Wer bleibt, ist verloren", so das Motto eines dynamischen, ja geradezu faustischen Verständnisses vom immer unsteten Menschen. Der spirituelle Kern aller Texte äußert sich in einer ungemeinen poetischen Schönheit, unterstrichen wird sie durch die zu den Gedichten entstandenen Aquarelle des Künstlers Anselm Kiefer. Ineinander übergehende Farben und Materialen (mitunter Acryl, Kohle, Bleistift) erzeugen einen Tiefensog. Eröffnet wird uns aus dem Zusammenspiel von Schrift und Malerei eine metaphysische Sphäre - gänzlich unzeitgemäß, aber gerade dadurch so faszinierend!  

Dominik Dombrowski,  Autor

Es ist allen voran die Lyrik, hinter deren verrätselten Zeichenstrukturen sich oftmals Möglichkeiten der Transzendenz auftun. Man denke allein an die jüngsten Bände von Dominik Dombrowski, der in "Schwanen" abseits von Kneipenrauch und Thekengerede metaphysische Urgründe freilegt. Oder auch an die lakonischen Verse in Doris Runges jüngstem Band "die schönsten versprechen". Sei es unter der Wasseroberfläche oder hinter verschlossenen Türen - das Göttliche muss man bei ihr erst entdecken, es aus den Buchstaben und Bildern herauslesen. Aber dann entfaltet es seine Kraft umso mehr und erfüllender. Fazit: Literatur birgt den Sinn, wonach wir uns alle sehnen. Ihn zu finden, setzt aber eine Lektüre voraus, die eines braucht: Hingabe!

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