Kühle Bilder einer unergründlichen Bedrohung

Das Theater Hildesheim leistet mit Francis Poulencs Oper „Gespräche der Karmeliterinnen“ einen Beitrag zum Jubiläum von Bistum und Stadt. Von Werner Häussner
Szene aus „Gespräche der Karmeliterinnen“
Foto: Andreas Hartmann | Szene aus „Gespräche der Karmeliterinnen“, angeregt durch die Novelle „Die Letzte am Schafott“ von Gertrud von Le Fort: Damen des Opernchores, rechts Martina Nawrath (Constance) und Antonia ...

Der Zeitpunkt hätte nicht passender sein können, um Francis Poulencs Oper „Dialogues des Carmélites“ („Gespräche der Karmeliterinnen“) in den Spielplan des Hildesheimer Theaters für Niedersachsen aufzunehmen: Bistum und Stadt Hildesheim feiern ihr 1 200-jähriges Bestehen, Teresa von Avila, die Gründerin des reformierten Karmel, wurde vor 500 Jahren geboren. Und Gertrud von Le Fort, auf deren Novelle „Die Letzte am Schafott“ der Stoff zurückgeht, verbrachte von 1888 bis 1897 ihre Jugend in Hildesheim und verdankt der Atmosphäre, dem geistig-geistlichen Leben und der Schulzeit in der Stadt wertvolle Anregungen für ihr literarisches Schaffen.

Das Theater stellt sich nicht abseits, sondern versteht die Inszenierung als Beitrag zum Bistumsjubiläum, veröffentlicht auf seiner Homepage ein Gespräch mit einer Karmeliterin von heute aus dem Karmel St. Josef in Hannover und begrüßt Bischof Norbert Trelle zur Premiere im Haus. Seit 1909 wird in dem hübschen klassizistischen Gebäude Theater gespielt – oft unter prekären Bedingungen. Intendant Jörg Gade, soeben bis 2020 verlängert, möchte das Haus „positiv weiterentwickeln“. Von Geld spricht er zwar nicht, aber den verantwortlichen Kulturpolitikern muss es mit aller Deutlichkeit gesagt werden: Ohne Geld geht auch auf der Theaterbühne nichts.

Gerade erst zeigt in Niedersachsen der Fall Lüneburg, wie man ein Theater über Jahre austrocknen kann: Die Tarifsteigerungen, für jede muffelige Behörde klaglos gezahlt, wurden für das Theater nicht mitgetragen. Und dann wird ein Vertrag auf vier Jahre, der den Status quo festschreibt, schon als Erfolg empfunden. Dass Theaterkunst unter solchen Bedingungen ausgezehrt wird, dass irgendwann das geschrumpfte Angebot und die ärmlichen Bedingungen auch das Publikum nicht mehr interessieren, scheint billigend in Kauf genommen zu werden. Die deutsche Theaterlandschaft, in der ganzen Welt mit Bewunderung und Neid betrachtet, wird derzeit von Wuppertal bis Dessau, von Rostock bis Lüneburg mal schleichend, mal mit kaltschnäuziger Chuzpe ausgehöhlt.

In Hildesheim spiegelt die Premiere der „Gespräche der Karmeliterinnen“ eine zwar nicht reiche, aber intakte Theaterwelt: Eike Gramss legt Wert auf den erzählenden Aspekt, zeigt in seiner Inszenierung detailreich, wie sich in der scheinbaren Ruhe des Klosters die untergründige Spannung aufbaut, die sich im achten Bild gewaltsam entlädt, als das aufgehetzte Volk von hinten in den Raum einbricht. Die strenge Bühne von Philippe Miesch mit ihren düster schimmernden Holzwänden ermöglicht kühle, geometrisch stilisierte Bilder. Warmes, helles Licht gibt es kaum – weder in der Welt der adligen Familie von Blanche de la Force noch in den hohen Räumen des Klosters. Die Atmosphäre einer unbestimmten Bedrohung ist gegenwärtig: Die Angst Blanches vor der Welt ist kein Produkt der „Einbildungskraft“, wie ihr Bruder argwöhnt, sondern eine Folge einer sensiblen Seele, die fühlt, was in der Luft liegt.

Poulenc markiert in der Exposition seiner Oper mit dem verzweifelten Tod der alten Priorin einen ersten dramatischen Höhepunkt und bewahrt sein Stück damit vor dem süßlichen Ruch von Heiligenlegenden. Diese Frau – Christa Ranacher gestaltet sie in der Premiere mit aufopferungsvollem Einsatz als tatsächlich steinalte Nonne – erfährt die Gottferne und die abgründige Dunkelheit, von der wir bei so manchem Heiligen bis hin zu Mutter Teresa lesen. Ihr Sterben hätte in Hildesheim etwas weniger exaltiert, dafür psychologisch durchdrungener geschildert werden können; berührend und verstörend ist diese realistische Szene aber allemal.

Für eines der zentralen Gespräche zwischen Blanche und ihrer Mitnovizin Constance findet Gramss eine sinnreiche Lösung: Vor dem geschlossenen Vorhang hat dieser Dialog eine intime, gleichsam der Welt enthobene Note. Auch die Hinrichtung der Ordensfrauen am Ende – wenn das „Salve Regina“ von immer weniger Stimmen getragen wird – hat das Hildesheimer Team mit dem Einsatz von Raum und Licht unspektakulär, aber mit beklemmendem Ernst gestaltet. Die Kostüme setzen behutsame Akzente: Den Vater Blanches, den Marquis de la Force und seinen Sohn verorten sie in der Welt des alten Adels. Die Nonnen tragen ihren zeitlos braunen Habit; zur Verbürgerlichung gezwungen, erinnern ihre Mäntel an die Verfolgten und Ausgestoßenen des 20. Jahrhunderts.

Musikalisch profiliert der Hildesheimer GMD Werner Seitzer mit seinem Orchester den modernen Aspekt in Poulencs Musik: Er setzt weniger auf die impressionistische Seite verschmelzender Klänge, sondern bringt den Rhythmus auf den Punkt, behandelt das Metrum streng und klar, setzt energische dynamische Impulse, ohne damit das feine, kammermusikalisch subtile Geflecht zu strapazieren. Die Musik rückt so entschieden näher zu den Ideen der „groupe de six“, jener modernen Komponistengruppe um Erik Satie und Jean Cocteau mit ihrer antiromantischen Stoßrichtung. Poulenc gehörte ihr an und arbeitete mit einzelnen ihrer Mitglieder bis in die fünfziger Jahre zusammen. Die Musiker bewähren sich in knackigen Akzenten, im differenzierten Streicherklang ebenso wie in den fahlen Farben der Holzbläser, in herrischer Attacke wie in kühl-strenger Lyrik.

Unverständlich dagegen, warum einige Sängerinnen und Sänger im Hildesheimer Ensemble über Gebühr forcieren: Das Haus ist klein genug, um einen entspannten Ton zu projizieren, der im Raum problemlos trägt. Albrecht Pöhl (Marquis) bräuchte die Töne nicht bemüht hervorzustoßen, Konstantinos Klironomos (Chevalier) müsste nicht mit jammerndem Timbre auf die Suche nach großem Ton gehen. Isabell Bringmann gibt der neuen Priorin, Madame Lidoine, kraftvoll-selbstbewusste, im Angesicht der Phrasen der Revolutionäre auch spitzzüngig sarkastische Züge, aber wenn es um einen stetigen Fluss des Klanges geht, bleibt die große Stimme angestrengt und unflexibel.

Auch Nele Kramer als durchsetzungsfähige, zur Radikalität neigende Mere Marie, müsste sich nicht in die Produktion schneidend-roher Stimmgewalt flüchten. Wie unnötig das ist, demonstrieren Martina Nawrath als Constance mit anrührender, kindlich-weiser Lebenslust. Und Antonia Radneva als Blanche, die manchmal mit schwimmendem Stimmsitz kämpft, aber die Facetten der Figur zwischen Angst und Zuversicht, Fluchtimpuls und Beharrungsvermögen, Verstörung und Glaubenstiefe herausarbeitet. Der Hildesheimer Chor und der Extrachor bewähren sich in Klang wie Aktion.

Der lange Beifall zeigt: Wie kaum ein Werk aus dieser Zeit – „Les Dialogues des Carmélites“ wurde 1957 an der Scala uraufgeführt – berührt Poulencs Oper die Zuschauer. Dass sie mittlerweile im Repertoire angekommen ist, zeigt ein Blick auf die Reihe qualitätvoller Inszenierungen in den letzten Jahren, in die sich Hildesheim souverän einfügen kann. Fortgesetzt wird sie im November 2015 in Amsterdam und mit einer Premiere am 11. Juni 2016 in einer weiteren deutschen Bischofsstadt, in Mainz.

Weitere Vorstellungen: 27. Mai, 3.,13., 28. Juni. Info: www.tfn-online.de

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