Feuilleton

Kraftvolle Tänze mit Schnabelschuhen

500. Todestag: München feiert das Werk des spätgotischen Bildhauers Erasmus Grasser. Von Regina Rakow
Anna Selbdritt (Detail) von Erasmus Grasser, nach 1480
Foto: München, Marienanstalt Warnberg/ Bruchhaus | Anna Selbdritt (Detail) von Erasmus Grasser, nach 1480.

Münchens älteste Marienwallfahrtskirche Maria Ramersdorf wird am 15. August nach vierjähriger Generalsanierung zum Hochfest Maria Himmelfahrt mit einem Festgottesdienst wiedereröffnet. Rechtzeitig kehrt auch der wohl um 1482 geschaffene Heilig-Kreuz-Altar, der nach einer 2017 erfolgten Konservierungsmaßnahme noch bis zum 29. Juli in der Ausstellung „Bewegte Zeiten. Der Bildhauer Erasmus Grasser“ im Bayerischen Nationalmuseum aus nächster Nähe zu bewundern ist, an seinen angestammten Platz in der Kirche zurück.

Anlässlich des 500. Todestages von Grasser ist es dem Bayerischen Nationalmuseum in Kooperation mit dem Diözesanmuseum Freising gelungen, einige der herausragenden Werke des über mehrere Jahrzehnte führenden Münchner Bildschnitzers erstmals in einer fulminanten Ausstellung zu vereinigen. Seit 1475 ist Erasmus Grasser (um 1450–1518) in der Stadt an der Isar nachweisbar, wo er sich anfangs mit Missgunst und Neid seiner Münchner Kollegen konfrontiert sah. Bereits Ende des 15. Jahrhunderts zählte München zu den wichtigsten Städten im zersplitterten Herrschaftsgebiet der Wittelsbacher. Dem machtbewussten Herzog Albrecht IV. gelang es erst durch das sogenannte Primogeniturgesetz von 1506, die Einheit des Landes zu sichern und München zur alleinigen Haupt- und Residenzstadt des Herzogtums Bayern zu erheben.

1477 schuf Erasmus Grasser sein erstes gesichertes Werk: elf große, aus Lindenholz geschnitzte Wappenschilde sowie die Darstellungen von Sonne und Mond für die Decke im Tanz- und Festsaal des Alten Rathauses in München. Sie waren Bestandteil eines heraldischen Programms, das den Führungsanspruch von Herzog Albrecht IV. untermauern sollte. Zur Ausstattung des Festsaales gehörten auch die berühmten Moriskentänzer, für er drei Jahre später am 21. Juli 1480 entlohnt wurde. Eine aquarellierte Eisenradierung von Nikolaus Solis, der die Hochzeitsfeierlichkeiten von Erbprinz Wilhelm von Bayern mit Renata von Lothringen im Jahre 1568 zu dokumentieren hatte, zeigt die Anbringung der 65 bis 81 Zentimeter hohen Tanzfiguren in fünf Metern Höhe am Ansatz der tonnengewölbten Holzdecke. Der Moriskentanz, der im 15. Jahrhundert als beliebte Unterhaltung auf Jahrmärkten, im Karneval, aber auch bei höfischen Festen zu finden war, hat seinen Ursprung in Spanien, wo er als Spring- und Improvisationstanz bei den „Moriscos“, christianisierten Mauren, eine eigene Tradition besaß. Auf zwei Kupferstichen von Israhel von Meckenem wetteifern die Tänzer in ekstatischen, wilden Posen um die Gunst einer Dame. Auch die entzückenden, aus Silber gegossenen, winzigen Moriskentänzer aus dem Historischen Museum in Basel unterstreichen die Popularität dieses Themas im ausklingenden Mittelalter.

Fast 450 Jahre verblieben die Moriskentänzer von Erasmus Grasser an ihrem Platz, erst 1928 wurden sie abgenommen und drei Jahre später dem Münchner Stadtmuseum übereignet. Fünf der zehn erhaltenen Figuren, darunter der „Mohr“, der „Hochzeiter“ und der „Burgunder“ können in der Ausstellung, eingerahmt von den farbig gefassten Wappenschilden, bewundert werden.

Grasser setzt die kraftvollen und raumausgreifenden Bewegungen der Tänzer mit verblüffender Natürlichkeit um. Gebauschte Ärmel, fliegende Umhänge, enganliegende Beinkleider mit Schellen, spitze Schnabelschuhe und fantasiereiche Kopfbedeckungen unterstreichen die exotisch wirkende Kostümierung dieser einzigartigen Figuren, die noch heute als Vorbild für die Gauklertruppe bei der nur alle vier Jahre stattfindenden „Landshuter Hochzeit“ dienen. 1843 erhielt der Bildhauer Ludwig von Schwanthaler vier der Moriskentänzer als Vergütung für die Umgestaltung des Tanzsaales und verkaufte sie alsbald an einen italienischen Adeligen, von dem sie der Münchner Magistrat nach lang anhaltenden Protesten Jahre später für teures Geld zurückkaufen musste.

Im Eingangssaal der Ausstellung werden diese einzigen profanen Werke von Grasser von jenen 35 erhaltenen Propheten-, Apostel-, Evangelisten-, Kirchenväter- und Heiligenbüsten umrahmt, die er für das Chorgestühl der Münchner Frauenkirche schuf. Herzog Albrecht IV. gründete gegen den Widerstand des Freisinger Bischofs ein Chorherrenstift an der Frauenkirche, für das zwischen 1495 und 1502 ein aufwendiges Gestühl errichtet werden musste. Den prominenten Auftrag für den Figurenschmuck erhielt wiederum der inzwischen in München etablierte Erasmus Grasser mit seiner Werkstatt. Während das mehrfach umgestaltete Gestühl im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört wurde, blieben die Skulpturen größtenteils erhalten und wurden zwischen 1991 und 1994 in das von Elmar Hillebrand neu gestaltete Chorgestühl integriert. Da die aus Eichenholz geschnitzten Büsten normalerweise nur aus der Ferne zu sehen sind, bietet die Ausstellung die einmalige Gelegenheit, sie aus der Nähe betrachten zu können. Auch die ursprüngliche Abfolge der Büsten, die von Grasser in aufeinander bezogenen Zweiergruppen arrangiert wurden, ist erstmals seit 100 Jahren rekonstruiert worden. Der gestalterische Reichtum, der sich in Physiognomie, Mimik, Gestik, im Falten- und Händespiel zeigt, führt zu einer erstaunlichen Charakterisierung und Individualisierung der biblischen Figuren. Auch hier erweist sich Grasser als einer der herausragenden Bildhauer der deutschen Spätgotik.

Faszinierend ist auch die aus der Kirche St. Peter stammende monumentale Figur des hl. Petrus, der mit der sorgfältigen Ausarbeitung des Gesichtes und der Hände zu den eindrucksvollsten Arbeiten Grassers gehört. Mit ihr verbindet sich der Brauch, der Petrusfigur in der Zeit der Sedisvakanz die Tiara vom Haupt zu nehmen. Heute ist die Figur als Patron der Kirche ins Zentrum des von Cosmas Damian Asam entworfenen Barockaltares eingebettet.

Erstmals sind die elf gemalten Tafeln, die einst die Flügel des gotischen Hochaltares schmückten, in der Ausstellung wieder vereint. Wie schon beim Heilig-Kreuz-Altar aus Ramersdorf und dem ebenfalls in der Ausstellung gezeigten kostbaren Monstranzaltärchen arbeitete Grasser auch bei dem um 1490 entstandenen Altar der Peterskirche mit Jan Polack zusammen, der zu den einflussreichsten Münchner Malern in der Zeit von Herzog Albrecht IV. gehörte.

Zu den frühen Werken Grassers gehören auch die beiden um 1480 geschaffenen Figuren von Maria und Johannes, die als Teil einer verloren gegangenen Kreuzigungsgruppe mit ihrem verhaltenen, aber doch intensiven Ausdruck des Schmerzes sehr zerbrechlich wirken. Mit dem Achatius-Altar aus der Kirche St. Leonhard in Reichersdorf, auf dem der Heilige als Zeichen seines Martyriums einen echten Weißdornzweig in den Händen hält, der erst 2016 für das Freisinger Diözesanmuseum erworbenen, kleinformatigen Engelpieta und der Figur des Hl. Georg aus dem Schlossmuseum in Berchtesgaden sind weitere exquisite Werke des Münchner Bildhauers, der 1518 starb, in der Ausstellung versammelt. Es lohnt sich, zum Schluss auch noch einen Blick auf das in der ständigen Sammlung aufbewahrte Stadtmodell von München zu werfen, das 1570 vom Straubinger Drechslermeister Johann Sandtner geschaffen wurde: Weiß markiert ist dort auch das stattliche Wohnhaus von Erasmus Grasser nahe der Franziskanerkirche zu erkennen.

„Bewegte Zeiten. Der Bildhauer Erasmus Grasser.“ Bis 29. Juli 2018. Bayerisches Nationalmuseum, Prinzregentenstraße 3, 80538 München. Katalog im Hirmer Verlag, EUR 39.–

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