Würzburg

Konzert als Séance

Über den Offenbarungscharakter und die spirituelle Tiefenerfahrung der „New Classic“.
Max Richters Schlafkonzert «Sleep»
Foto: Foto: | Der Komponist Max Richter – hier in New York – bietet zum achtstündigen Konzert „Sleep“ das passende Ambiente.Johannes Schmitt-Tegge/dpa

Wir sitzen im Saal der Alten Oper in Frankfurt am Main. Langsam geht das Licht im Zuschauerraum aus und dann kommen auch schon die Stars des Abends auf die Bühne: Max Richter samt einer Gruppe von Streichern und einer Sängerin. Neben seiner Komposition zur US-Serie „The Leftovers“ (2014-2017) wird er eineinhalb Stunden ein einziges Stück präsentieren, nämlich „Sleep“, ein Werk, das im Original mehr als fünfmal so lange dauert. Was mit dem Publikum passiert, lässt sich wohl nur als Vergegenwärtigung einer metaphysischen Kraft in der und durch die Musik beschreiben.

Mit zumeist einfachen Melodieschleifen versetzen uns das Piano/Synthesizer und die Streicher langsam in eine Art Trance. Wir sind halbwach, schweben gefühlt zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Nowhere und Everywhere. Wie ein Nebel legen sich die Klänge über unser Bewusstsein. Erst als das letzte Teilstück der Komposition beginnt, erwachen wir aus der Meditation. Die Musik schwillt an, baut sich auf und entlädt sich. Die lauter werdenden Geigen werden flankiert von auftrumpfenden Klaviertönen. Richter beugt sich dazu förmlich mit aller Kraft in das Instrument. Abgebildet wird hier der Sonnenaufgang, die tägliche Manifestation alles Lebendigen.

New Classic: Raum ungestörten Rückzugs

Oft wird die „New Classic“, zu der auch Musiker wie Ludovico Einaudi, Phil Coulter, Philip Glass oder Federico Albanese zählen, vom Feuilleton verschmäht, als unterkomplex abgetan. Warum? Weil deren Stücke, was den Einsatz von Instrumenten und melodischer Verspieltheit anbetrifft, hoch reduziert sind. Sie sprechen nicht zuerst die Avantgardeliebhaber an, sondern jene, die sich in die Musik fallen und mittragen lassen wollen. Dass sie daher unpolitisch sei, insofern sie ja keine Widerstände und Irritationen als programmatische Leitlinie aufweist, kann man nur bedingt behaupten. Denn während das große Tempus fugit der Spätmoderne den Menschen zum Sklaven von Beschleunigung und Selbstoptimierung erklärt, bietet die New Classic einen Raum ungestörten Rückzugs. Insbesondere „Sleep“ ist derart arrangiert, dass sukzessive der Puls langsamer wird und der Hörer in einen merkwürdig oszillierenden Zustand gerät: Einerseits löst er sich von seinem Ich, vergisst und wirft allen physischen Ballast ab, andererseits können die kontemplativen Momente gerade auch zur Besinnung auf das Selbst führen. Aufmerksamkeit und Entgrenzung liegen demnach eng beieinander.

Indem wir uns in der Tonspur verlieren, werden wir gewissermaßen für kurze Zeit ganz Geist, womit der Bereich der Religion und des Glaubens berührt wird. Joep Franssen oder Arvo Pärt stehen indessen für eine spirituelle Ausprägung innerhalb der New Classic. Sie bedienen sich mitunter Einflüssen der Gregorianik und des Minimalismus und bewirken mit ihren Stücken eine Tiefenerfahrung beim Hörer.

"Die Musik sagt, was ich sagen muss"

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagt Pärt einmal: „Die Religion spielt eine wichtige Rolle in meiner Komposition, aber ich bin nicht wirklich in der Lage zu sagen, wie es funktioniert. Ich schreibe nur. Ich habe nichts zu sagen. Die Musik sagt, was ich sagen muss. Das Geheimnis der Aktualität von Musik verbirgt sich nicht so sehr darin, wie umfassend der Autor seine Gegenwart wahrgenommen hat, sondern die ganze Existenz mit all ihren Freuden, Sorgen und Geheimnissen. Die Kunst sollte sich mit dem Unvergänglichen und nicht nur mit dem Aktuellen beschäftigen.“ Zeitgenössische Kompositionen vermögen also, ein neues Zeitbewusstsein zu erschließen, eine Ahnung vom Übernatürlichen und Ewigen zu vermitteln. Bereits Arthur Schopenhauer betont in seiner Ästhetiktheorie die ungebrochene Macht der Musik, in der sich das Wahre und Wesentliche des Lebens offenbart und durch die der Mensch allem Höheren nahekommen kann. Gerade das Sphärische stellt in der New Classic die Brücke zum Äther dar, ohne jedoch auf einfache Imitationen oder Verbildlichungen von Gott oder anderen metaphysischen Erscheinungen zurückgreifen zu müssen.

Statt der Logik der Vision folgt das Erlebnis jener der Immersion. Dabei erweisen sich die Grundgedanken dahinter als weitaus älter als die moderne Musik. Geht man von der Mystik aus, so finden sich sowohl im Buddhismus als auch im Christentum Analogien zu den Effekten der New oder Spiritual Classic. Erstere zielt auf die Überwindung des in der Dualität verharrenden Ich. Indem sich das Ego auflöst, geht es erleuchtet in das Weltenganze beziehungsweise den Kosmos über.

Im Christentum birgt die Mystik die Möglichkeit, Gott zu begegnen und somit letztlich auch die Entfremdung zwischen Mensch und Transzendenz, Dies- und Jenseits aufzuheben. Nicht immer müssen die Werke heutiger Komponisten dafür auf Pathos setzen, wie es in der klassischen Kirchenmusik häufig der Fall ist. Die Erfahrung des geheimen anderen entsteht mitunter aus der puren klanglichen Essenz. Wer etwa Pärts berühmtes Lied „Für Alina“ einmal gehört hat, wird allen voran die Stille zwischen den einzelnen Anschlägen ganz neu zu schätzen lernen. Das Metaphysische, sofern es tatsächlich in solcherlei Produktionen zutage tritt, gibt sich nicht selten eben im Wechselspiel zwischen Ton und Leere, Silbe und Schweigen, zu erkennen.

In klanglicher Mystik heben sich Dies- und Jenseits auf

Alternativ dazu lässt sich ebenso eine musikalische Konzeption beobachten, die buchstäblich eine Art Treppe hin zu einem anderen Raum baut: Nachdem beispielsweise Joep Franssens „Harmony of the Spheres“ leise beginnt, weitet es sich mehr und mehr zu einem mächtigen Chorgesang auf. Typisch für die Kompositionen von Max Richter kann derweil das sukzessive Übereinanderschichten von Melodieverläufen angesehen werden. Eine Stimme legt sich über die andere und schafft akustisch zu beschreitende Stufen zum Absoluten. Zum Wunderbarsten seiner Werke zählt daher sicherlich das Stück „Beginning and Ending“, der musikalische Kern zum bewegenden Film „The Congress“ (2013) von Ari Folman, der das darin enthaltene Sphärische unmittelbar mit Trance, Traum und Transzendierung verknüpft.

Doch was können analytische Worte schon erfassen, wenn sie sich letztlich um das irgendwie Unsagbare drehen. Sie ermöglichen, zugegeben, lediglich eine Annäherung und wecken im besten Fall Begeisterung. Es bleibt am Schluss folglich nur eine Botschaft: Hören Sie selbst! Wohin Sie die Musik auch trägt – der Ort wird ein wahrer sein.

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