Homosexualität

"Konflikthafte Homosexualität ist ein Tabu in der Kirche"

In den letzten dreißig Jahren suchten an die zweitausend Menschen Beratung bei Markus Hoffmann, weil sie mit ihrer sexuellen Orientierung nicht glücklich waren. Ein Gespräch über die Leiden homosexueller Katholiken, fluide Sexualitäten und warum sich Menschen von der Kirche nicht gesehen fühlen.
Konflikthafte Homosexualität
Foto: Tobias Bosina | Viele Christen kämen zu ihm, "weil sie für Jesus brennen. Sie wollen missionarisch tätig sein", meint Markus Hoffmann.

Markus Hoffmann leitet ein Institut, das Menschen, die ihre Sexualität konflikthaft erleben, berät. Der Berater, Sozialarbeiter, Entwicklungspsychologe und praktische Theologe leitet außerdem den Studiengang "Leib-Bindung-Identität" an der Hochschule Heiligenkreuz. Darüber hinaus ist er Gründungsmitglied der spirituellen Gemeinschaft "Bruderschaft des Weges". Markus Hoffmann ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in der Nähe von Stuttgart.

Herr Hoffmann, warum suchen homosexuell empfindende Menschen Beratung auf? Sollten diese nicht, nach einem Coming-out, glückliche Menschen sein, die endlich zeigen können, wer sie sind?

Es gibt das gesellschaftliche Narrativ des "glücklichen Homosexuellen". Die Menschen, die ihre sexuelle Orientierung auf verschiedenen Ebenen als Konflikt empfinden, werden vom Diskurs ausgeschlossen.

Konflikthafte Homosexualität

Was sind das denn für Konflikte?

Es gibt Menschen, deren Konflikt auf der moralischen Ebene liegt. Sie stehen vor der Frage, ob sie ihre sexuelle Orientierung ausleben oder gemäß der kirchlichen Lehre leben wollen. Dann gibt es Menschen, die spüren, dass sich ein nicht-sexueller Konflikt mit ihrer Sexualität verbunden hat. Einige erzählen, sie hassen ihren Körper und suchen zur Überwindung des Hasses Kontakt zu Menschen des gleichen Geschlechts. Bei anderen steht das Thema Selbstwert oder Bindungsangst im Mittelpunkt, weshalb es für sie in der Sexualität nicht primär um Partnerschaft geht, sondern um die Bewältigung von Angst und Unsicherheit. Dann gibt es Menschen, bei denen ihre homosexuelle Neigung zu einer Sucht geführt hat, unter der sie leiden. Und schließlich gibt es nicht wenige Menschen, die ihre sexuelle Orientierung zwischen homosexuell und heterosexuell ansiedeln. Manche von ihnen sind heterosexuell verheiratet und haben ab und an homosexuelle Affären, was sie sehr belastet. Und schließlich gibt es auch Menschen, die wünschen, ihre sexuelle Orientierung weg zu machen, weil sie diese hassen. Eine Veränderung können wir allerdings nicht anbieten, daher stehen die Menschen vor einer Aussöhnung mit ihrer Orientierung, was gelingt, wenn sie erkennen, dass sie als Person mehr sind als ihre Sexualität.

Kommen auch Christen zu Ihnen, die homosexuell empfinden?

"Gerade in letzter Zeit kommen viele junge Menschen,
die unter dem Druck der Gesellschaft und der Kirche leiden,
ihre Homosexualität ausleben zu müssen"

Vor allem wendet sich unsere Arbeit an Christen. Gerade in letzter Zeit kommen viele junge Menschen, die unter dem Druck der Gesellschaft und der Kirche leiden, ihre Homosexualität ausleben zu müssen. Sie wollen das nicht. Wissen aber auch, dass wir keine Konversionstherapie anbieten. Ihnen geht es um die Frage, wie sie enthaltsam leben und so treu zum Wort Gottes und der Lehre der Kirche stehen können.

Ist Homosexualität ein Tabuthema in katholischen Kreisen?

Homosexualität ist heute kaum ein Tabuthema mehr, da es durch die politische Diskussion ständig im Umlauf ist. Tabu ist allerdings der Mensch, der seine Orientierung nicht ausleben, sondern im Einklang mit der kirchlichen Lehre leben will. Tabu ist aber auch der Mensch, der seine Homosexualität als konflikthaft empfindet, oder der Mensch, der zwischen homosexuell und heterosexuell steht und sich in einer schwierigen Lebenssituation befindet.

Ist das so, weil in der Gesellschaft und medial das Bild vermittelt wird, dass Homosexualität eine festgelegte, unveränderbare Identität ist?

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Genau. Das ist die Meinung, die sich in vielen Köpfen festgesetzt hat, die aber nicht mit den statistischen Angaben übereinstimmt. Laut Statistik definieren sich nur 2,0 bis 2,5 Prozent der Menschen in der Gesamtheit der westlichen Bevölkerung als absolut homosexuell. Daneben gibt es aber alle möglichen Schattierungen von etwas heterosexuell und mehr homosexuell bis mehr heterosexuell und nur wenig homosexuell. Laut Statistik gibt es doppelt so viele Menschen, die sich diesem Spektrum zuordnen. Unter jungen Menschen im Alter zwischen 14 bis 29 sagen das sogar 11 Prozent. Untersuchungen zeigen, dass gerade der junge Mensch noch starke Veränderungen seiner sexuellen Orientierung eher hin zur Heterosexualität erlebt. Gerade Jugendliche wollen sich daher nicht mehr das Etikett "Heterosexuell" oder "Homosexuell" umhängen lassen. Sie sagen: "Ich habe Sex mit dem, der mir gefällt!" Was die Zahlen nicht beantworten, ist die Frage, warum Menschen in ihrer sexuellen Orientierung schwanken, oder warum junge Menschen sich häufiger noch Richtung Heterosexualität verändern. Ist es einfach so? Ist es eine am Lifestyle orientierte Entscheidung? Gibt es dahinterliegende Konflikte in der Entwicklung, die dazu führen? Diese Fragen werden heute unter dem Begriff der "Vielfalt" und "Buntheit" einfach begraben beziehungsweise mit einer Lösung versehen: Lebe, was du fühlst!

Wie gehen Sie dann beratend vor?

Die Beratung ist ergebnisoffen. Das Vorgehen hängt vom Anliegen der Menschen ab. Handelt es sich um Menschen, die ihre sexuelle Orientierung und den Glauben zusammenkriegen wollen, dann stehen im Mittelpunkt der Beratung Fragen, wie man sich in eine Gemeinde integrieren kann, oder wo man geistliche Begleitung für seine Lebensführung erhält. Vermutet ein Mensch, dass sich ein nicht sexueller Konflikt mit seiner Sexualität verbunden hat, prüft man mit dem Ratsuchenden, ob das individuell auf ihn zutrifft.

"Manchmal verbirgt sich gerade bei Christen
hinter dem vorgetragenen Konflikt eine grundsätzliche
Ablehnung der homosexuellen Gefühle,
was bis zum Selbsthass gehen kann"

Allerdings prüfen wir mit jedem Ratsuchenden, warum er seine sexuelle Orientierung als konflikthaft empfindet. Denn manchmal verbirgt sich gerade bei Christen hinter dem vorgetragenen Konflikt eine grundsätzliche Ablehnung der homosexuellen Gefühle, was bis zum Selbsthass gehen kann. Oder es verbirgt sich dahinter Minderheitenstress. Gerade Christen sind oft davon betroffen, weil sie in einer Umwelt leben, in der nicht über Sexualität gesprochen wird und in der von ihnen eine heterosexuelle Entwicklung erwartet wird. Stress macht vor allem, dass man nicht offen über seine sexuelle Orientierung sprechen kann. Und wenn, dann wird entweder eine "Umpolung" erwartet oder das Ausleben der homosexuellen Seite. Positive Leitbilder, die einen anderen, an der kirchlichen Lehre orientierten Umgang mit der sexuellen Orientierung vermitteln, wurde bislang nicht entwickelt.

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Bietet die Kirche, also Diözesen und Pfarreien, Beratungsmöglichkeiten und Angebote für Menschen, die ihre Homosexualität als Konflikt empfinden, an?

Nein. Noch selten ist ein Katholik zu uns gekommen, der von einer zufriedenstellenden seelsorgerlichen Begleitung berichtet oder sich in der Beichte verstanden gefühlt hätte. Viele unserer Ratsuchenden suchen nach Ansprechpartnern, Beichtvätern und geistlichen Begleitern in der Seelsorge. Auf ihre Anfragen erhalten sie aber meist nur Angebote der Regenbogen-Pastoral. Dort aber wollen Menschen, die ihre sexuelle Orientierung nicht ausleben wollen oder sie konflikthaft erleben, nicht beraten werden.

Warum nicht?

Weil ihnen dort nahegelegt wird, ihre sexuelle Orientierung auszuleben. Uns sind keine Fälle bekannt, wo jemand mit einer konfliktbehafteten Homosexualität oder jemand, der enthaltsam leben möchte, von diesen Einrichtungen ernst genommen wurde. Es mag einzelne Priester geben, die sich engagieren. Es ist aber meistens schwer für die Priester, diese Haltung offiziell zu vertreten.

Fühlen sich die Katholiken, die ihre sexuelle Orientierung als Konflikt empfinden, von der Kirche im Stich gelassen?

"Diejenigen, die aus eigener Einsicht einen anderen Weg
gehen wollen, einen Weg des Gehorsams gegenüber
der kirchlichen Lehre, werden von kaum einem
Bischof oder Priester für ihren Weg gestärkt"

Ja. Als Bischof Stefan Oster 2020 in seiner Predigt zum Fest der Heiligen Familie davon sprach, dass er auch Menschen kenne, die homosexuell empfinden und da Konflikte erleben, sagten viele: "Endlich sieht uns jemand!" Christen, die mit diesem Thema ringen oder die enthaltsam leben wollen, fragen zentral: Sieht uns die Kirche eigentlich? Oder lässt uns die Kirche im Ringen mit unserem Konflikt oder auf dem Weg unserer Enthaltsamkeit allein? Einsam sind heute nicht mehr die, die von der Kirche die Anerkennung einer homosexuellen Partnerschaft wollen oder den Segen. Mit ihnen solidarisieren sich heute viele. Ihnen ist der Applaus beinahe schon garantiert. Aber diejenigen, die aus eigener Einsicht einen anderen Weg gehen wollen, einen Weg des Gehorsams gegenüber der kirchlichen Lehre, werden von kaum einem Bischof oder Priester für ihren Weg gestärkt.

Dass in der Bibel und im Katechismus steht, dass das Ausleben der Homosexualität eine Sünde ist, ist ein riesiger Aufreger. Wie wirkt das Gebot auf die homosexuell empfindenden Christen, die zu Ihnen in die Beratung kommen?

Ich kenne keinen Ratsuchenden, der das als verletzend empfindet. Bei jungen Christen erlebe ich sogar anderes: Sie kommen, weil sie für Jesus brennen. Sie wollen missionarisch tätig sein. Sie wollen sich für Betroffene engagieren, denen es ähnlich geht. Sie leiden zwar unter der pastoralen Praxis in ihren Gemeinden. Aber sie leiden nicht am Katechismus. Vielmehr hungern sie, dass die Kirche neben den Katechismus Lebenspraxis stellt. Da ist nichts von "ich bin nicht akzeptiert", sondern die Leidenschaft ist, die homosexuelle Neigung zu integrieren und sie mit dem Glauben leben zu können. Das ist, was diese Menschen bewegt.

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